Fotostrecke

Ölförderung: Der Ausverkauf des Landes

Foto: VANDERLEI ALMEIDA/ AFP

Brasiliens Rohstoff-Versteigerung Schnäppchen für die Öl-Ausbeuter

Brasilien will in die Weltspitze der Ölförderländer aufsteigen. Deshalb wurde die Versteigerung eines Riesen-Ölfelds sogar live im Fernsehen übertragen. Die Förderrechte gehen jetzt an ein Konsortium aus Europa, China und Brasilien - aber zu einem sehr niedrigen Preis.

Der Schatz liegt 6000 Meter tief im Südatlantik, bis zur Küste von Rio de Janeiro sind es 183 Kilometer. Ihn zu heben, erfordert Investitionen von mindestens 130 Milliarden Euro und eine Spitzentechnologie, die zum Teil erst noch entwickelt werden muss. Das Umweltrisiko für Meer, Fauna und die Strände an einem der schönsten und am dichtesten besiedelten Küstenabschnitte Brasiliens ist riesig. Doch die Gier nach dem Rohstoff war letztendlich größer als alle Bedenken.

Auf acht bis zwölf Milliarden Barrel Rohöl wird das Potential des Ölfelds namens Libra geschätzt, das am Montagnachmittag in einem Luxushotel am Strand von Rio versteigert wurde. Es ist die erste, größte und wichtigste Tranche der Tiefsee-Ölvorkommen, die vor sechs Jahren vor der brasilianischen Küste entdeckt wurde. Die Ausbeutung des Schatzes soll Brasilien in die Spitzengruppe der Ölförderländer katapultieren und das weltpolitische Gewicht der südamerikanischen Großmacht untermauern. "Libra stellt eine Wasserscheide für Brasilien dar", sagte Energieminister Edison Lobão vor der Versteigerung.

Allerdings nahm nur ein einziger Bieter teil, innerhalb weniger Minuten war das Spektakel vorbei, das live im Fernsehen übertragen wurde. Ein Konsortium aus dem halbstaatlichen brasilianischen Ölkonzern Petrobras (40 Prozent), den europäischen Firmen Shell und Total (jeweils 20 Prozent) sowie zwei staatlichen chinesischen Energieriesen (jeweils zehn Prozent) erhielt den Zuschlag, es darf Libra für eine Gesamtzeit von 35 Jahren ausbeuten.

Einen Schatz zum Schnäppchenpreis

Da es keine weiteren Wettbewerber gab, bekamen sie den Schatz für einen Schnäppchenpreis. Nur 41,65 Prozent des Gewinns, die Minimummarge, muss das Konsortium an die brasilianische Regierung abführen, zusätzlich zu einem einmaligen Bonus von etwa fünf Milliarden Euro.

In der Bevölkerung ist die Ausschreibung umstritten, im gesamten Land gingen Tausende Menschen gegen die Versteigerung auf die Straße. Einige hundert Demonstranten lieferten sich vor dem Hotel in Rio eine Straßenschlacht mit den Sicherheitskräften, Tränengasschwaden waberten über den Strand, viele Badende flüchteten. Richter erließen an den vergangenen Tagen über 20 einstweilige Verfügungen gegen die Versteigerung, doch den Anwälten der Regierung gelang es, sie rechtzeitig für wirkungslos zu erklären.

Fotostrecke

Fotostrecke: Förderrechte für fünf Unternehmen

Foto: AP/dpa

Der Disput um Brasiliens Bodenschätze ist seit jeher ideologisch aufgeladen: Mit dem Schlachtruf "O Petróleo é nosso!" (Das Öl gehört uns!) hatte Caudillo Getúlio Vargas in den fünfziger Jahren die Ölindustrie verstaatlicht, er gründete den staatlichen Energiekonzern Petrobras.

Spätere Regierungen lockerten das Monopol zwar, doch bei allen wichtigen Entscheidungen hat die Regierung weiterhin das letzte Wort. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der bis vor zwei Jahren regierte, und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff haben Petrobras für politische Zwecke eingespannt. Wichtige Posten in dem Unternehmen wurden nicht nach professionellen Kriterien vergeben, sondern an politische Verbündete.

Rousseff hat die Politikkungelei zwar zurückgefahren. Gleichzeitig greift sie jedoch massiv in die Geschäftspolitik des Konzerns ein: Sie blockiert eine überfällige Erhöhung der Benzinpreise, weil das die Inflation anheizen würde, und entzieht dem Ölkonzern damit wichtige Einnahmen, die dieser für neue Investitionen dringend benötigt.

Die Situation des Ölgiganten Petrobras ist angespannt

Der damalige Präsident Lula hatte 2006 stolz verkündet, dass Brasilien bei seiner Energieversorgung erstmals autonom sei, doch tatsächlich kann davon keine Rede sein: Brasilien importiert weiterhin Benzin zu Weltmarktpreisen, weil es nicht in der Lage ist, die Nachfrage aus eigener Produktion zu decken. Petrobras entstehen dadurch Millionenverluste, die finanzielle Situation des Ölgiganten gilt als angespannt.

Trotz der Widerstände feiert die Regierung das Ergebnis der Ausschreibung als Erfolg. Viele Experten hatten befürchtet, dass Privatfirmen von den Auflagen abgeschreckt würden und Libra in die Hände von Staatsunternehmen fiele, die der politischen Einflussnahme unterliegen. Vor allem das rohstoffarme China ist sehr am brasilianischen Öl interessiert. Jetzt gehen 40 Prozent von Libra an die privaten Ölmultis Shell und Total, die Chinesen halten nur zwanzig Prozent, damit sind diese Bedenken zerstreut.

Präsidentin Rousseff verfolgte die Versteigerung in ihrem Büro am Fernseher, sie hat das Ereignis zu einer der wichtigsten Entscheidungen ihrer Amtszeit erklärt. Ob sich ihre Hoffnungen in den Schatz aus dem Meer erfüllen, hängt jedoch von Faktoren ab, die sie kaum beeinflussen kann: Die USA werden voraussichtlich schon bald von Ölimporten unabhängig sein, sie setzen auf das umstrittene Fracking, die Gasgewinnung aus Schiefer. In Europa verdrängen in den kommenden Jahrzehnten Elektroautos die Benzinmotoren, dort dürfte die Nachfrage nach Öl ebenfalls zurückgehen.

Wenn der Ölpreis dauerhaft fällt, könnte der Traum vom Tiefsee-Öl platzen: Die Förderung ist so teuer, dass sie sich nur bei hohen Preisen lohnt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, für die Förderung im Ölfeld Libra seien Investitionen von mindestens 130 Millionen Euro notwendig - tatsächlich handelt es sich aber um mindestens 130 Milliarden Euro. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.