Schlammlawine in Brasilien Opferangehörige stellen Strafanzeige gegen TÜV-Süd-Manager

Hunderte Menschen kamen Anfang des Jahres durch einen Dammbruch in Brasilien ums Leben. In den Fokus geriet auch die Prüforganisation TÜV Süd. Nach SPIEGEL-Informationen gehen Geschädigte nun gegen einen Manager vor.
Brasilien: Luftaufnahme einer zerstörten Brücke nach dem Dammbruch an einer Eisenerzmine.

Brasilien: Luftaufnahme einer zerstörten Brücke nach dem Dammbruch an einer Eisenerzmine.

Foto: Andre Penner/ dpa

Neun Monate nach der verheerenden Schlammlawine in Brasilien mit mindestens 251 Toten zeigen Hinterbliebene der Opfer einen deutschen Manager der Prüforganisation TÜV Süd an. Die Vorwürfe: fahrlässige Tötung, fahrlässige Herbeiführung einer Überschwemmung und Bestechung.

Fünf Ehefrauen, Mütter und Töchter der am 25. Januar durch eine Schlammlawine in Brumadinho ums Leben gekommenen Opfer haben eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München eingereicht, zusammen mit dem Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR) sowie dem katholischen Hilfswerk Misereor. Die Staatsanwaltschaft muss den Fall nun prüfen - und dann entscheiden, ob sie Klage gegen den für Brasilien zuständigen deutschen TÜV-Süd-Manager M. erhebt.

Auch gegen die Prüforganisation mit Sitz in München gehen die Kläger vor. Dem international tätigen Unternehmen werfen sie eine "Verletzung von Aufsichtspflichten" vor, was als Ordnungswidrigkeit geahndet werden kann.

Bei dem Lawinenunglück war der Abraumdamm I der Eisenerzmine Corrégo do Feijão des Rohstoffmultis Vale nahe der Stadt Brumadinho gebrochen. Eine gewaltige Schlammlawine tötete mindestens 251 Menschen; 21 weitere werden bis heute vermisst und kamen aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls ums Leben. In den Monaten vor dem Unglück hatten brasilianische TÜV-Mitarbeiter den Katastrophendamm in Brumadinho begutachtet und ihn als stabil zertifiziert - obwohl sie zuvor intern massive Zweifel an der Sicherheit des Damms geäußert hatten. Ihr Vorgesetzter war der deutsche TÜV-Süd-Manager M.

Die brasilianische Staatsanwaltschaft vermutet, dass die Prüfer nachsichtig waren, weil sie Geschäfte mit dem Bergbauriesen nicht gefährden wollten. Auch Passagen aus dem internen E-Mail-Verkehr der brasilianischen TÜV-Mitarbeiter deuten darauf hin. Insgesamt hatte der TÜV Süd für Vale mehr als 30 Dämme zertifiziert. Die brasilianische Bundespolizei wirft den Prüfern und Vale die Verwendung falscher Dokumente vor.

Es gilt die Unschuldsvermutung

Die Anzeige trägt den Fall nun nach Deutschland. "Der TÜV Süd ist gemeinsam mit Vale direkt verantwortlich für den Tod meiner Schwester und 271 anderen Menschen", erklärte Angélica Amanda Andrade gegenüber dem SPIEGEL. Andrade ist eine der fünf Frauen, die gemeinsam mit dem ECCHR und Misereor die Anzeige erstatten. "Ich erwarte, dass dieses Verfahren Aufmerksamkeit auf die Fahrlässigkeit und Verantwortungslosigkeit des TÜV Süd lenkt", sagt sie, "und dass der Gerechtigkeit in Deutschland Genüge getan wird".

Das Münchener Unternehmen wollte sich mit Verweis auf die laufenden Untersuchungen in Brasilien zu den Vorwürfen nicht äußern. Der beschuldigte TÜV-Süd-Manager reagierte nicht auf eine entsprechende SPIEGEL-Anfrage.

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Dammbruch: Verheerende Schlammlawine in Brasilien

Foto: Rodney Costa/ dpa

M. soll laut der Aussage eines brasilianischen TÜV-Süd-Prüfers eine Art "CEO für technische und verwaltungstechnische Entscheidungen" in Brasilien gewesen sein. M. soll ihre Arbeit nicht nur per Mail begleitet haben, sondern auch durch regelmäßige Besuche und Treffen vor Ort. Aus dem internen E-Mail-Verkehr der brasilianischen TÜV-Süd-Mitarbeiter vor dem Unglück geht hervor, dass die Sicherheitsprobleme des Damms in Brumadinho mit M. besprochen werden sollten.

Nur wenige Tage nach dem Mailwechsel fand ein Meeting mit M. statt. Allerdings sind bislang keine eindeutigen Beweise bekannt, dass dann tatsächlich über Brumadinho gesprochen wurde. Es gilt die Unschuldsvermutung. Der TÜV Süd hat selbst Ermittlungen eingeleitet.

"Er hätte die gefälschten Berichte stoppen müssen"

Angélica Amanda Andrade hingegen ist überzeugt, dass M. vom Zustand des Dammes wusste. "Er hätte die gefälschten Berichte stoppen müssen. Ich beschuldige ihn, dass er sich absichtlich dazu entschieden hat, Menschenleben und schreckliche Umweltschädigungen zu riskieren."

Video: Überwachungskamera filmt Dammbruch

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Misereor begründet seine Teilnahme an der Anzeige damit, dass der TÜV Süd und die für Brumadinho verantwortlichen Mitarbeiter zur Rechenschaft gezogen werden müssten. "Nach Aussagen der Staatsanwälte in Brasilien wären die Behörden eingeschritten, wenn der Damm nicht zertifiziert worden wäre", sagt Susanne Friess, Beraterin für Bergbau des Hilfswerks. Friess: "Dann wäre der Betrieb stillgelegt worden, die Bevölkerung unterhalb des Damms wäre evakuiert worden, und somit wären Hunderte Menschen vermutlich heute noch am Leben."

Der Fall zeige, so Friess, dass deutsche Unternehmen gesetzlich zur menschenrechtlichen Sorgfalt in ihren Geschäften im Ausland verpflichtet werden müssten. Misereor und andere Hilfsorganisationen fordern schon seit Jahren ein solches Lieferkettengesetz. Bislang vergeblich: zu groß ist der Widerstand der Union und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Dass die Anzeigen der Brasilianerinnen daran etwas ändern wird, ist unwahrscheinlich.

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