Tödliche Schlammlawine in Brasilien TÜV-Süd-Mitarbeiter sollen Dutzende Dämme zertifiziert haben

Einem Medienbericht zufolge sollen die im Zusammenhang mit der tödlichen Schlammlawine beschuldigten TÜV-Süd-Mitarbeiter 35 Dämme in Brasilien überprüft haben. Etliche seien nun als gefährlich eingestuft worden.

Zerstörte Brücke nach dem Dammbruch
DPA

Zerstörte Brücke nach dem Dammbruch


Nach dem verheerenden Dammbruch in Brasilien mit mehr als 175 Toten gerät der TÜV Süd immer weiter unter Druck. Recherchen des brasilianischen Onlineportals UOL zufolge waren zwei vorübergehend verhaftete Mitarbeiter des TÜV Süd, die den Unglücksdamm von Brumadinho im vergangenen Herbst für sicher erklärt hatten, an Sicherheitsüberprüfungen von insgesamt 35 Dämmen im Land beteiligt.

Wie UOL unter Berufung auf Daten der brasilianischen Bergbaubehörde berichtet, haben 31 dieser 35 Dämme ein hohes Schadenspotenzial: sollten sie bersten, könnten sie verheerende Zerstörungen anrichten. Zudem haben die brasilianischen TÜV-Süd-Prüfer offenbar mehrere weitere Dämme für den Minenbetreiber Vale zertifiziert - die der Konzern nun als besonders gefährlich einstuft.

Der TÜV Süd hatte 2018 im Auftrag von Vale die Dämme an der Unglücksmine Córrego do Feijão geprüft - und dem System die physische und hydraulische Sicherheit attestiert. Am 25. Januar dieses Jahres brach ein Abraumdamm; Arbeiter und Anwohner wurden unter Millionen Tonnen Schlamm begraben. 177 Leichen wurden seither geborgen; mindestens 133 Menschen werden noch vermisst und sind wahrscheinlich ebenfalls tot.

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Dammbruch: Verheerende Schlammlawine in Brasilien

Gerichtsdokumente zeigen, dass einer der verhafteten beiden TÜV-Prüfer, die inzwischen wieder frei gelassen wurden, den Katastrophendamm schon Monate vor dem Unglück für unsicher hielt und dies seinen Kollegen schrieb. Trotzdem attestierte der TÜV Süd unter Auflagen die Sicherheit der Anlage. Offenbar fürchteten die TÜV-Leute, dass ihnen Vale den Auftrag entziehen könne, sollten sie der Anlage nicht das verlangte Sicherheitszertifikat ausstellen. Der TÜV Süd hat mittlerweile interne Untersuchungen eingeleitet und Zertifizierungen für Vale gestoppt.

Die Daten der brasilianischen Bergbaubehörde legen nahe, dass die TÜV-Süd-Prüfer offenbar eine sehr enge Geschäftsbeziehung zum Konzern Vale pflegten. So waren die beiden Mitarbeiter des Münchener Unternehmens laut UOL an der Sicherheitsüberprüfung von fünf der zehn Dämme im Bergbau-Bundesstaat Minas Gerais beteiligt, die Vale-Experten schon im vergangenen Oktober in einem internen Bericht als besonders kritisch klassifiziert hatten. Unter diesen zehn Hochrisiko-Objekten war auch der Katastrophendamm. Dazu waren die TÜV-Mitarbeiter bei 30 weiteren Dämmen an der Ausstellung oder Revision von Stabilitätserklärungen beteiligt.

In Brasilien geht nun die Angst vor weiteren Katastrophen um. Laut der "New York Times" gibt es im Land mehr als zwei Dutzend Minen, deren Rückhaltedämme oberhalb von Städten oder Gemeinden liegen. Schon im November 2015 war ein Abraumdamm geborsten; die Schlammlawine hatte 17 Menschen getötet. Seit dem jüngsten Unglück von Brumadinho haben Minenbetreiber mehrmals Alarm ausgerufen und Bewohner von Gebieten unterhalb der Dämme evakuiert.

Auch der TÜV Süd zeigt sich verunsichert. Am Dienstag erklärte das Unternehmen, es sei "inzwischen zweifelhaft", ob das bestehende brasilianische System zur Prüfung der Stabilität der Dämme zuverlässig sei und "Menschen und Umwelt angemessen vor den ernsten Risiken, die durch Abraumdämme entstehen, schützen kann". Angesichts dieser Sicherheitsbedenken habe die brasilianische TÜV-Süd-Tochter dem Minenbetreiber Vale mitgeteilt, dass sie keine weiteren Zertifikate und Berichte ausstellen könne, "bis eine gründliche Überprüfung des Systems abgeschlossen ist". Bislang vergeben die Minenbetreiber die Aufträge an die Prüfunternehmen - und bezahlen sie auch dafür.

Der TÜV Süd hat nun nach eigenen Angaben eine Untersuchung interner Prozesse sowie möglicher Ursachen für die Katastrophe von Brumadinho gestartet. Angesichts der fast drei Dutzend Dämme, die allein die beiden vorübergehend verhafteten TÜV-Mitarbeiter offenbar zertifiziert haben, wird die Aufarbeitung wohl langwierig und komplex werden.

Anmerkung: In einer früheren Fassung dieser Meldung wurde nicht klar, dass die beiden vormals verhafteten TÜV-Mitarbeiter wieder auf freiem Fuß sind. Wir haben die Stellen darum konkretisiert.

che

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spaceagency 23.02.2019
1. Vetternwirtschaft und Korruption
das können viele deutsche Firmen bestens. Ich hoffe, dass wird das AUS sein für TÜV Süd. Wer positiv zertifiziert aus Angst den Vertrag zu verlieren ist an Unwürdigigkeit und Unglaubwürdigkeit nicht zu überbieten. Ein Skandal und eine Riesenschweinerei
zensurgegner2016 23.02.2019
2.
Zitat von spaceagencydas können viele deutsche Firmen bestens. Ich hoffe, dass wird das AUS sein für TÜV Süd. Wer positiv zertifiziert aus Angst den Vertrag zu verlieren ist an Unwürdigigkeit und Unglaubwürdigkeit nicht zu überbieten. Ein Skandal und eine Riesenschweinerei
Prinzipiell wäre das dann Korrekt, wenn der Konzern selber als Organ so handeln würde. Da aber wie überall Menschen zugange sind und auch zehntausende von Angestellten betroffen sind, hat das Unternehmen dasselbe Recht wie alle Unternehmen Etwas anderes wäre es, wenn Sie zum Beispiel die Zerschlagung der schweizer Rohstofffirmen fordern würden. Denn die bestehlen als Konzern, bestechen Warlords und bescheissen auch noch das Land, in dem Rohstoffe gefördert werden
fiegepilz 23.02.2019
3.
wie viele leute müssen noch sterben bevor realisiert wird dass das TÜV system mit benannten stellen nutzlos ist? es belegt überall staatliche sicherheitsbehörden mit unabhängiger finanzierung und mit duexhgriffsrecht, genau wie in den usa. aber corporate europe wird noch einige katastrophen benötigen bis sich die einsicht durchsetzen wird
corvey 23.02.2019
4.
Wenn der Auftraggeber den Prüfer bezahlt, dann darf man sich über Gefälligkeits-Prüfergebnisse nicht wundern. Ein solches Kontrollsystem muss von vornherein als ungeeignet, unangemessen und und unwirksam bezeichnet werden. Die Mit-Schuldigen sind im vorliegenden Fall, die ein solches Kontrollsystem zulassen, also der Gesetzgeber.
checkitoutple 23.02.2019
5. Wer prueft die Pruefer?
Da hat eine Branche sich ein Hoheitliches Geschaeftsfeld gesichert. Das Privat nicht immer besser ist kann man ja in vielen Bereichen sehen. Strassenbau Mobilfunknetze usw und so fort. Leider leben die Parteien ja sehr gut von den Spenden dieser Firmen. Ein Schelm der boeses bei diesen Korruptionzahlungen aehh sorry Spenden denkt. Der Fisch stinkt vom der Regierung aehh Kopf her. Naja das in Brailien ist das ja gut bekannt. Und die Spenxenkings in Deutschland CDU CSU FDP sind da ja praechtig im Geschaeft mit offiziellen und inoffiziellen Spenden. Sind ja reichlich Gefaelligkeiten in Form von ueberbezahlteb Jobs fuer Parteisoldaten bei diesen Firmen.
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