Nach Schlammlawine in Brasilien TÜV Süd warnt vor weiteren Dammbrüchen

Nach der tödlichen Schlammlawine im brasilianischen Brumadinho zweifelt der TÜV Süd an seinen Messdaten. Nach SPIEGEL-Informationen hält er inzwischen noch acht weitere Dämme für "besorgniserregend".

Dammbruch in Brumadinho
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Dammbruch in Brumadinho

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Nach dem Dammbruch im brasilianischen Brumadinho mit vermutlich mehr als 300 Toten hat der TÜV Süd die brasilianischen Behörden und den Bergbaukonzern Vale vor neuen Desastern gewarnt. Acht weitere Vale-Dämme gelten auf Basis einer vorläufigen Untersuchung als "besorgniserregend", sieben davon sogar als "besonders besorgniserregend", heißt es in einem Schreiben vom 12. März. Das erfuhr der SPIEGEL aus mehreren Quellen.

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Ebenso wie Brumadinho befinden sich die acht Hochrisikodämme im Bundesstaat Minas Gerais: östlich und südlich der Hauptstadt Belo Horizonte. Sie gehören zu den fünf Eisenerzminen Fábrica, Timbopeba, Cauê, Gongo Seco und Abóboras, die alle vom Konzern Vale betrieben werden (siehe Karte).

Hochrisikodämme in Brasilien (Stand 12.3.2019)

Am 25. Januar war der Abraumdamm I der Vale-Eisenerzmine Corrégo do Feijão nahe der Stadt Brumadinho gebrochen. Die Schlammlawine tötete mindestens 216 Menschen; 88 weitere werden bis heute vermisst.

In den Monaten vor dem Unglück hatten brasilianische TÜV-Mitarbeiter insgesamt mehr als 30 Vale-Dämme begutachtet - darunter auch den in Brumadinho, den sie als stabil zertifiziert hatten. Nach dem Dammbruch beauftragte der TÜV Süd externe Experten damit, alle Gutachten zu überprüfen und die Messdaten neu zu bewerten. Das Warnschreiben ist ein Resultat dieser Untersuchungen.

Wie Daten der brasilianischen Bergbaubehörde zeigen, die der SPIEGEL einsehen konnte, haben sieben der acht identifizierten Hochrisikodämme ein "hohes" Schadenspotenzial. Bei vier Dämmen könnte im Ernstfall eine Bevölkerung von 1000 Menschen und mehr betroffen sein. Drei Dämme haben ein größeres Fassungsvermögen als der Unglücksdamm von Brumadinho.

Hinweis für Informanten
Falls Sie weitere Hinweise auf mögliche Fehler haben, die zum Dammbruch in Brumadinho geführt haben könnten, dann wenden Sie sich bitte an die Autoren Claus Hecking und Stefan Schultz und Hubert Gude. Ihre Angaben sowie alle Angaben zu Ihrer Person fallen unter den Informantenschutz und werden vertraulich behandelt.

Der TÜV SÜD hatte dreieinhalb Wochen nach der Katastrophe erklärt, es bestehe "eine erhöhte Unsicherheit", ob das bestehende Prüfungssystem "eine zuverlässige Aussage über die Stabilität von Dämmen liefern" und "Menschen und Umwelt angemessen vor den ernsten Risiken, die durch Abraumdämme entstehen, schützen kann".

Auf eine Anfrage des SPIEGEL zum Warnschreiben an Vale und die Behörden erklärte die Münchner Prüforganisation, die Expertengruppe habe bei den acht Hochrisikodämmen die verwendete Methodik zu deren Begutachtung hinterfragt. Das Ergebnis sei vorläufig.

Wie ernst Brasiliens Justiz die Warnung des TÜV Süd nimmt, zeigt der Fall des Damms Doutor, nahe der Stadt Ouro Preto. Hier ordnete ein Zivilgericht an, den Betrieb der dazugehörigen Timbopeba-Mine komplett zu stoppen. Der Doutor-Damm fasst rund dreimal so viel Abraum wie der Unglücksdamm von Brumadinho, dessen Mine im Normalbetrieb knapp zwölf Millionen Kubikmeter Eisenerz pro Jahr produziert.

Vale teilte mit, man habe die Anordnung des Gerichts befolgt. Allerdings sei der Damm am 14. März von Experten der nationalen Minenbehörde inspiziert worden. Diese hätten keine "relevante Anomalität" gefunden, die die Sicherheit gefährde.

Bei mindestens zwei weiteren Dämmen, Minervino und Cordão Nova Vista, ordnete ein Gericht an, dass Vale bis auf Weiteres kein weiteres Abraummaterial mehr einleiten darf. Die beiden Dämme stehen nahe der Stadt Itabira, die mehr als 100.000 Einwohner hat.

Auch Vale selbst hat auf die Warnung aus Deutschland reagiert - und an fünf der genannten Hochrisikodämme offenbar einige besonders gefährdete Anwohner umsiedeln lassen.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Marzus1 30.03.2019
1. Tüv
Eine der wichtigsten Fragen ist doch, warum der TÜV Süd die Dämme zunächst als sicher eingestuft hat. Schlamperei? Gefälligkeit? Unvermögen? Anderes? Warum wird dieser Aspekt in dem Artikel nicht beleuchtet?
Intelligenz? Wo? 30.03.2019
2. Wen überrascht das?
Tja, das liebe Geld macht eben auch nicht vor dem ach so tollen TÜV halt. Und diese ganze Geschichte zeigt nur mehr, das die Qualität von "Made in Germany" irgendwann zwischen 1999 und 2005 verloren gegangen ist. Wir schreiben das zwar noch brav überall drauf, weil das Jahrzente lang Weltweit als DAS Symbol für Qualität war. Aber in wie vielen Branchen das tatsächlich auch nur noch ansatzweise stimmt, das weiß wohl keiner so genau. Wobei natürlich der TÜV schon ein extra dickes Ding ist, eine Institution die für Sicherheit steht. Sich dann aber gegen Experten meinungen dazu entscheidet Werte abzusenken, damit schön weiter gefördert werden kann. Und man weitere Aufträge bekommt? Das ist doch ein Parade Beispiel für freie Makrtwirtschaft, in der an allererster Stelle das Geld steht, dann lange nichts kommt, und dann evtl mal etwas anderes. Aber vom TÜV war in der ganzen Zeit des Agbasskandals von VW und co ja nie etwas zu lesen, daher sind wir Deutschen immer noch in der Traumblaße das in Deutschland ja wohl niemand Korrupt ist. Aber naja.. leute wählen mittlerweile die AFD weil sie glauben das Flüchtlinge aus Ländern die wir mit Zerstört haben, tatsächlich unser Problem sind.
chrismuc2011 30.03.2019
3. @Marzus 1
Steht doch im Artikel: Der TÜV SÜD hatte dreieinhalb Wochen nach der Katastrophe erklärt, es bestehe "eine erhöhte Unsicherheit", ob das bestehende Prüfungssystem "eine zuverlässige Aussage über die Stabilität von Dämmen liefern" und "Menschen und Umwelt angemessen vor den ernsten Risiken, die durch Abraumdämme entstehen, schützen kann". Es gibt eine alte Ingenieursregel: Wer misst, misst Mist. Die Untergrundbschaffenheit lässt sich nur Abschätzen. Diese Schätzungen basieren auf Versuchen, Berechnungen, Erfahrungen. Aber Anomalien im Untergrund, Wettereinflüsse können das Ergebnis verfälschen. So bedauerlich der Dammbruch neulich ist, er dient der weiteren Erkenntnis, wann so ein Damm brechen kann und wann hoffentlich nicht.
pförtner 30.03.2019
4. Nur ein Verein.
Beim TÜV wurden auch von einer Frau Dr. Bürgerprinz in der Vergangenheit, schon mal in Sachen Führerschein, Gutachten erstellt, wo der Ehemann Herr Prof. Bürgerprinz, öffentlich im Scheidungsverfahren behauptet hatte, seine Frau sei geistig krank. So viel zum TÜV. Der TÜV ist auch nur, wie der Verband der Brieftaubenzüchter, eben ein Verein!
qoderrat 30.03.2019
5.
Zitat von chrismuc2011Steht doch im Artikel: Der TÜV SÜD hatte dreieinhalb Wochen nach der Katastrophe erklärt, es bestehe "eine erhöhte Unsicherheit", ob das bestehende Prüfungssystem "eine zuverlässige Aussage über die Stabilität von Dämmen liefern" und "Menschen und Umwelt angemessen vor den ernsten Risiken, die durch Abraumdämme entstehen, schützen kann". Es gibt eine alte Ingenieursregel: Wer misst, misst Mist. Die Untergrundbschaffenheit lässt sich nur Abschätzen. Diese Schätzungen basieren auf Versuchen, Berechnungen, Erfahrungen. Aber Anomalien im Untergrund, Wettereinflüsse können das Ergebnis verfälschen. So bedauerlich der Dammbruch neulich ist, er dient der weiteren Erkenntnis, wann so ein Damm brechen kann und wann hoffentlich nicht.
Das ist alles sachlich und fachlich richtig. Nur sind dies genauso keine neuen Erkenntnisse, und unvorhergesehene Dammbrüche hat es auch früher schon gegeben, ohne dass man die Mess- und Prüfverfahren angezweifelt hat. Das heisst, das ist so natürlich auch nicht korrekt, man hat sie nur offiziell nicht nicht bezweifelt, lesen Sie nochmal diesen älteren Artikel: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/dammbruch-in-brasilien-pruefer-von-tuev-sued-hielt-damm-fuer-unsicher-a-1253713.html Intern hatten die Ingenieure sehr wohl Zweifel an der Stabilität, es sind eben in der Realität keine neuen Erkenntnisse durch die externen Prüfer entstanden. Dies ist ein fadenscheiniges Manöver um sich aus der Verantwortung zu ziehen falls weitere Dammbrüche auftreten, deren Sicherheit man attestiert hatte. Der Unterschied zwischen vorher/nachher ist ein ganz einfacher. Vorher hatte man einen Vertrag und das Geld kassiert, jetzt hat man keinen mehr und es gibt kein Geld mehr, dann kann man die Wahrheit sagen, nein, man muss die Wahrheit sagen um juristischen Konsequenzen vorzubeugen. Alles sehr sehr hässlich und wirft Zweifel gegenüber dieser Art von Sicherheitszertifizierungen auf.
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