RWE, E.on und EnBW Atomkonzerne verwenden russisches Militär-Uran

Es ist eine brisante Form des Recyclings: Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" nutzen deutsche Stromkonzerne im großen Stil Uran aus russischen Militärbeständen. Dabei versuchten Lobbyisten offenbar auch, auf die Verlängerung der AKW-Laufzeiten einzuwirken.

AKW Brokdorf in Schleswig-Holstein: Uran aus russischen Atom-U-Booten?
DPA

AKW Brokdorf in Schleswig-Holstein: Uran aus russischen Atom-U-Booten?


München/Moskau - Deutsche Atomkraftwerke setzen offenbar seit Jahren Uran aus russischen Militärbeständen ein. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ") wurden in den vergangenen zehn Jahren mehr als 1000 Brennelemente verwendet, die solches Uran enthielten.

Bei weiteren 500 gelte dies als sehr wahrscheinlich, der Einsatz von zusätzlichen 180 Elementen sei geplant. Mit 200 Brennelementen lässt sich ein Atomkraftwerk rund fünf Jahre betreiben.

Laut dem Blatt bestehen die Brennelemente aus einer Mischung von wiederaufbereitetem Uran aus Westeuropa und höher angereichertem Uran aus Russland. Sie seien bei Moskau hergestellt und in den Kernkraftwerken Obrigheim und Neckarwestheim (beide EnBW), Brokdorf, Unterweser (beide E.on) und Gundremmingen (RWE und E.on) eingesetzt worden.

Die Energiekonzerne E.on und RWE hätten den Einsatz solcher Brennelemente bestätigt, RWE habe deren Zahl mit 856 angegeben. "Bei der Fertigung wird aus russischen Militärbeständen stammendes Uran beigemischt", zitiert die Zeitung eine namentlich nicht genannte Quelle im RWE-Konzern. EnBW habe lediglich erklärt, ein solcher Einsatz sei möglich.

Offenbar übten Lobbyisten der Stromkonzerne dabei auch massiven Einfluss auf die Politik aus. Die Zeitung schrieb, bei Kraftwerksbetreibern habe es Überlegungen gegeben, durch die Verwendung von früheren Bestandteilen des russischen Atomwaffenarsenals in deutschen Kernkraftwerken möglicherweise längere Laufzeiten erreichen zu können.

So hätten laut dem "SZ"-Bericht Atommanager in Berlin im Jahr 2001 dafür geworben, auch Plutonium aus Militärbeständen Russlands in deutschen Kraftwerken zu verwenden. Das Problem: Diese Bestände hätten in den vereinbarten Restlaufzeiten gar nicht verbraucht werden können. Zu diesem Vorwurf äußern sich die großen deutschen Atomkonzerne nicht.

Ministerien waren schlecht informiert

Bemerkenswert erscheint die mangelhafte Informationsweitergabe an die Politik. So heißt es in dem "SZ"-Artikel, im Bundesumweltministerium wisse man zwar von der Lieferung von Brennelementen aus Russland. Ebenfalls sei bekannt, dass bei der Produktion "Uran aus dem militärischen Bereich verwendet werden" könne. Über die letztlich eingesetzten Mengen an Uran lagen jedoch offenbar weder auf Bundes- noch auf Länderebene konkrete Informationen vor.

Ein weiteres pikantes Detail: Eine mögliche Schlüsselfigur in dem Fall ist ausgerechnet der russische Lobbyist Andrej Bykow. Dieser soll laut "SZ" für den baden-württembergischen Energieversorger EnBW große Mengen russisches Uran besorgt haben.

Bykow steht im Zentrum eines Skandals um mehr als 200 Millionen Euro, die der deutsche Stromversorger EnBW für Uran und umstrittene Beratungsleistungen nach Russland überwiesen hat. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt inzwischen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und Untreue.

jok/dapd

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
rainer_daeschler 15.09.2012
1.
"So hätten laut dem "SZ"-Bericht Atommanager in Berlin im Jahr 2001 dafür geworben, auch Plutonium aus Militärbeständen Russlands in deutschen Kraftwerken zu verwenden. Das Problem: Diese Bestände hätten in den vereinbarten Restlaufzeiten gar nicht verbraucht werden können. " Offensichtlich hatten die Atommanager den Atomausstieg von Rotgrün nie ernst genommen und sich darauf verlassen, dass eine Folgeregierung ihn wieder aufheben würde. Die Geschichten hat ihnen Recht gegeben.
bunterepublik 15.09.2012
2. Kapier ich nicht
Zitat von sysopDPAEs ist eine brisante Form des Recyclings: Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" nutzen deutsche Stromkonzerne im großen Stil Uran aus russischen Militärbeständen. Dabei versuchten Lobbyisten offenbar auch, auf die Verlängerung der AKW-Laufzeiten einzuwirken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,855968,00.html
Was ist daran schlimm Uran aus Militärbeständen zu verwenden??? Ist das Uran iorgendwie schlechter oder gefährlicher? Wenn man Benzin aus Militärbeständen vertankt, ist das mir doch vollkommen schnuppe. Scheint mir mal wieder der typische Ansatz der "Linken" zu sein, um eine Hysterie zu verursachen, nach dem Motto, Brennstäbe aus militärischem Uran sind gefährliche Atombomben, die jederzeit hochgehen können und somit nen Dritten Weltkrieg provozieren. Ein Fressen für die Friedensaktivisten und die Freunde vom Kirchentag.....
beschwingt 15.09.2012
3. Lieber im AKW als in der Bombe
Die Machenschaften der Atomlobby sind sicherlich anrüchig, aber in einem Land wie der Bundesrepublik, das sich als einer der letzten Staaten auf diesem Planeten weigert, Abgeordnetenbestechung unter Strafe zu stellen, wohl legal. So wie die Machenschaften der Banken- Pharma- Genfood- und Eurolobby. Was jetzt allerdings an der zivilen Verwendung des Materials so verwerflich ist kann ich nicht nachvollziehen.- Auch als Atomkraftgegner ist mir das Uran in einem Atomkraftwerk lieber als in einer Atombombe!
jos4711 15.09.2012
4. Das ist nichts Neues
z.B. steht bei Wikipedia in den Artikeln über Uran, Uranbergbau und Atomkraft seit Jahren, dass der Uranpreis deshalb relativ niedrig ist, weil in Russland seit längerem Kernwaffen abgerüstet werden, deren spaltbeares Material unter anderem nach Deutschland verkauft wird. Ich sehe daran überhaupt nichts Brisantes. Allenfalls, wenn es sich um Mischoxid (Uran-Plutonium)-Brennstäbe handelt, deren Transport sehr viel gefährlicher ist, als bei reinem Uranoxid. Aber solche Brennelemente werden auch aus anderen Quellen bezogen (Aufbereitung in La Hague); allein schon deshalb kann ich auch da keine besondere Brisanz erkennen.
kein Ideologe 15.09.2012
5. 234234
Zitat von rainer_daeschler"So hätten laut dem "SZ"-Bericht Atommanager in Berlin im Jahr 2001 dafür geworben, auch Plutonium aus Militärbeständen Russlands in deutschen Kraftwerken zu verwenden. Das Problem: Diese Bestände hätten in den vereinbarten Restlaufzeiten gar nicht verbraucht werden können. " Offensichtlich hatten die Atommanager den Atomausstieg von Rotgrün nie ernst genommen und sich darauf verlassen, dass eine Folgeregierung ihn wieder aufheben würde. Die Geschichten hat ihnen Recht gegeben.
na ja, die Union hat damals ja klar gesagt, daß sie den Ausstieg zumindest deutlich strecken will. Ein Regierungswechsel war zumindest realistisch und der Wahltermin bekannt. Ein Wirtschaftsunternehmen mach also Planungen für beide Optionen. Also ehrlich, nicht immer Dunkelmänner wittern. Die "Atommanager" haben den Atomausstieg von Rotgrün sehr wohl ernstgenommen, es war immerhin ein Gesetz. Und sie haben immer offen erklärt, daß sie auf einen Regierungswechsel setzen. Was an dem verschnittenen Waffenuran so dramatisch sein soll, erschließt sich mir nicht. Wenn das vermischt ist, ist es nur mit äußerst hohem Aufwand wieder anzureichern. Das Risiko der Weitergabe von waffenfähigem Material sinkt also tendentiell. Wo läge der Vorteil, wenn das Zeug irgendwo in Afrika unter erheblicher Belastung von Mensch und Umwelt gefördert würde.
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