Harter Brexit Ford schließt Wegzug aus Großbritannien nicht aus

Die britische Autoindustrie hat Angst vor einem harten Brexit. Die Produktion vor Ort sinkt, die Opel-Schwestermarke Vauxhall droht mit Wegzug. Nun hat sich auch ein hochrangiger Ford-Manager geäußert.

Ford-Produktion im englischen Dagenham (Archiv)
Carl Court / Getty Images

Ford-Produktion im englischen Dagenham (Archiv)


Der geplante EU-Austritt Großbritanniens rückt näher und in der britischen Autoindustrie wächst die Nervosität. Drei Monate vor dem offiziellen Brexit-Datum am 31. Oktober hat ein hochrangiger Ford-Manager vor einem Ausscheiden Großbritanniens ohne Abkommen gewarnt.

Ein harter Brexit sei ein "großes Risiko für unser Geschäft und für die Autoindustrie generell", sagte Joseph Hinrichs, verantwortlich für die Automobilsparte beim US-Autobauer Ford, dem Sender BBC. Unsicherheit führe zu einer konservativeren Geschäftspolitik - und das Risiko eines Brexits ohne Deal sei seit dem Amtsantritt von Premierminister Boris Johnson gestiegen. Über die Zeit bis Ende Oktober sagte er: "Es ist ein steiniger Weg." Er ermunterte Großbritannien und die EU, Lösungen für die noch offenen Fragen zu finden.

Erst am Mittwoch hatte die britische Autoindustrie einen starken Rückgang der Produktion gemeldet. Investitionen aus dem Ausland seien "praktisch gestoppt" worden, teilte der Branchenverband SMMT mit. Die Automobilunternehmen auf der Insel hätten bereits mindestens 330 Millionen britische Pfund ausgegeben, um Risiken abzufedern. Rund 80 Prozent der in Großbritannien produzierten Autos gehen in den Export, die meisten in die EU.

"Kein Land sollte das als gesichert ansehen"

Zur Zukunft der Ford-Produktion sagte Hinrichs, man müsse sich anschauen, wo produziert werde. Erst im Juni war bekannt geworden, dass Ford Chart zeigen eines von insgesamt zwei Motorenwerken in Großbritannien schließen will, 1700 Arbeitsplätze sollen im walisischen Bridgend wegfallen. Damals waren aber vor allem eine veränderte Kundennachfrage sowie hohe Kosten als Grund für den Entschluss genannt worden.

Mit Blick auf künftige Standortfragen ließ Hinrichs nur indirekt durchscheinen, dass diese etwas mit dem Brexit zu tun haben könnten. Man sei stolz darauf, Ford-Fahrzeuge in Großbritannien herzustellen, sagte er der BBC. "Aber das Land solle das nicht als gesichert ansehen?", fragte der Reporter. Hinrichs antwortete: "Ich denke, kein Land sollte das als gesichert ansehen, auch nicht Großbritannien."

Deutlicher war vor wenigen Tagen bereits der französische Autohersteller PSA geworden, zu dem auch die britische Opel-Schwestermarke Vauxhall gehört. PSA drohte laut "Financial Times" damit, die Produktion des "Astra" aus Ellesmere Port an einen anderen europäischen Standort zu verlegen, falls der Brexit die Produktion in Großbritannien unrentabel mache.

Ford-Manager Hinrichs sagte nun, es gelte, wettbewerbsfähig zu sein. Die zentralen Fragen seien, was bei dem Austritt an den Häfen und Grenzen passiere - und wie sich der Kurs des britischen Pfunds entwickle.

apr/Reuters



insgesamt 82 Beiträge
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the lucky one 01.08.2019
1. Deja vu
Irgendwie kommen mir diese ganzen Drohungen bekannt vor. Hatten wir das nicht erst vor ein paar Monaten zum letzten Brexit-Termin? Mit Drohungen ist es wie mit vielem im Leben: bei Wiederholung verliert es seinen Reiz...
b1964 01.08.2019
2. Und was ist mit der Zulieferindustrie?
Es ist ja nett, dass berichtet wird, dass immer mehr Automobilhersteller überdenken, ob sie noch in ihre Standorte investieren oder diese reduzieren bzw. ganz schließen. Aber von weiterer Bedeutung ist doch sicher auch die Zulieferindustrie, wie z.B. Lucas. Lucas hat nach meinem Wissen keine Alleinstellungsmerkmale im Zuliefersektor, so dass die Konkurrenz auf dem Festland hier schnell in die Bresche springen dürfte (z.B. Bosch). Und da dürften nach meiner Einschätzung noch deutlich mehr Arbeitsplätze dran hängen als in der unmittelbaren Fahrzeugproduktion. Für wen sollen den in UK künftig Fahrzeuge produziert werden? Für die USA? Das macht keinen Sinn, weil das in den USA selbst besser geht. Für die EU? Das ist dann in der EU selbst einfacher und günstiger. Für den Weltmarkt? Das ist in Taiwan und China günstiger. Für den heimischen Markt? Das ja, schon wegen der Rechtslenkung, aber dann nur mit sehr eingeschränkter Produktvielfalt. Es bleiben also Exportchancen nur für das extreme Luxussegment (Rolls Royce, Bentley, McLaren, Aston Martin). Diese Autos werden verkauft, weil sie britisch und teuer sind. Die Kunden erwarten nur eingeschränkt neueste Technik. Aber davon kann eine Branche als Ganzes sicher nicht leben.
nach-mir-die-springflut 01.08.2019
3.
Irgendwelche Autos werden die Briten schon fahren müssen. Wenn sie alle wegziehen wie die störrischen Kleinkinder, werden andere das Geschäft machen, die, die geblieben sind, und der eine und andere Erfinder kommt mit typisch britisch Skurrilem um die Ecke. Engländer und Autos war schon immer eher so Blitzkrieg.
K:F 01.08.2019
4. Uramerikanisches Unternehmen
geht aus GB. Da braucht der englische Irrwisch nur amerikanischen Irrwisch anrufen und beide machen einen super Deal.
proffessor_hugo 01.08.2019
5.
Na, BoJo tut wenigstens was für den Umweltschutz, genauer die Renaturierung der britischen Inseln. Das gibt dann wirklich blühende Landschaften - denn die Industriebrachen werden doch relativ schnell überwuchert. So wird es in England (ohne NI, SL, W ? ) endlich wieder lebenswert für Fuchs und Hasen. Hier in der BRD wird doch noch die letzte saure Wiese mit Industriehallen zugepflastert. BoJo wird mir immer sympathischer
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