Verwerfungen auf den Finanzmärkten Banken stellen sich auf chaotischen Brexit ein

Ende März droht das Chaos - dann läuft die Frist für die Brexit-Verhandlungen ab. Große Banken bereiten sich bereits auf Verwerfungen vor. Und auch Finanzminister Scholz warnt die Wirtschaft.
Londoner Bankenviertel Canary Wharf

Londoner Bankenviertel Canary Wharf

Foto: BEN STANSALL/ AFP

Die Hoffnungen auf einen geregelten Brexit schwinden. Bis 29. März muss eine Vereinbarung dazu stehen, wie Großbritannien und die EU künftig miteinander auskommen wollen - doch dieser Termin scheint angesichts der schleppenden Verhandlungen kaum mehr zu halten zu sein.

In der Finanzwelt stellen sich Investoren und Banken deshalb zunehmend darauf ein, dass es einen harten, ungeregelten Brexit geben wird. "Wir müssen uns auf das Extremszenario einstellen", sagte Wolfgang Fink, Deutschlandchef der US-Investmentbank Goldman Sachs am Donnerstag beim "Handelsblatt"-Bankengipfel. Man habe bereits vor längerer Zeit Brexit-Taskforces gegründet und stimme sich mit den Aufsichtsbehörden ab, sagte Fink. Auch neue Verträge mit Kunden würden schon vorbereitet.

Die überwiegende Mehrheit der Investoren gehe inzwischen von einem harten Brexit aus, sagte auch der Chef der Deutschen Börse, Theodor Weimer. Umstritten ist, welche Folgen ein solcher No-Deal-Brexit an den Finanzmärkten haben würde. Während Weimer von keinen allzu großen Verwerfungen ausgeht, rechnen andere Experten mit chaotischen Zuständen an den Finanzmärkten.

Finanzaufsicht BaFin steht mit Notmaßnahmen bereit

Ein abrupter, ungeordneter Übergang würde "in Hunderttausende von Verträgen eingreifen" und eine "gravierende Unsicherheit" hervorrufen, sagte der Chef der deutschen Finanzaufsicht BaFin, Felix Hufeld. "Wir Aufseher würden dann mit Notmaßnahmen operieren müssen." So könnten die Regulierungsbehörden zum Beispiel vorübergehende Erlaubnisse ausstellen, um "kurzfristig das größte Chaos zu minimieren".

Die Bürger in Großbritannien hatten im Juni 2016 bei einem Referendum für einen Austritt ihres Landes aus der EU gestimmt. Am 29. März läuft eine zweijährige Verhandlungsfrist aus, in der die Modalitäten des Ausstiegs geklärt werden sollten. Doch die Gespräche zwischen der britischen Regierung und den Unterhändlern der EU verlaufen äußerst schleppend.

Eigentlich sollten bis zum EU-Gipfel im Oktober alle Punkte geklärt sein, weil danach auch noch das EU-Parlament und die nationalen Parlamente der Mitgliedstaaten dem Deal zustimmen müssen. Doch dieser Zeitplan scheint kaum noch realistisch. EU-Verhandlungsführer Michel Barnier forderte die 27 EU-Länder am Donnerstag dazu auf, sich auf einen Brexit ohne Vereinbarung einzustellen. "Beim Brexit gibt es nur Verlierer, er bietet keinem einen Mehrwert", sagte Barnier im Deutschlandfunk. Ziel sei es, einen geordneten Austritt Großbritanniens aus der EU auszuarbeiten. Man müsse aber gut auf alles vorbereitet sein. "Das schließt auch das No-Deal-Szenario mit ein."

"Keine sichere Ausgangslage"

Die britische Regierung hatte ihre Bürger vor einer Woche ebenfalls auf ein solches Szenario eingestimmt. In den veröffentlichten Dokumenten heißt es unter anderem, dass der freie Warenverkehr und Bereiche des Zahlungsverkehrs zum Erliegen kommen könnten.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) mahnte deutsche Unternehmen am Donnerstag, Vorkehrungen für ein solches Szenario zu treffen. Es sei derzeit schwer zu sagen, ob ein Austrittsvertrag zustande komme, sagte Scholz beim Bankengipfel. Es gebe aber "keine sichere Ausgangslage". Der ein oder andere wird sich "darauf einstellen müssen, dass es zu einem ungeregelten Brexit kommen kann".

Olaf Scholz

Olaf Scholz

Foto: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Viele große internationale Unternehmen haben bereits vor langer Zeit mit der Planung begonnen. Am Donnerstag kündigte der japanische Panasonic-Konzern an, wegen des Brexits seinen europäischen Hauptsitz von London nach Amsterdam zu verlagern.

Nur wenige Banker wollen nach Frankfurt

Was die Finanzbranche betrifft, die in London besonders stark vertreten ist, macht sich auch Frankfurt seit Langem große Hoffnungen, vom Brexit zu profitieren. Von 10.000 neuen Arbeitsplätzen war die Rede. Doch die konkreten Pläne der Banken klingen mittlerweile weniger ambitioniert.

Man werde im Zuge des Brexits etwa 500 Mitarbeiter auf den Kontinent verlagern müssen, sagte etwa Goldman-Sachs-Manager Fink - "einen Großteil davon nach Frankfurt". Und auch Axel Weber, Verwaltungsratschef der Schweizer UBS, gab sich eher vorsichtig, was die Umzugspläne betrifft - und nannte neben Frankfurt auch Städte wie Paris oder Madrid.

Hinter vorgehaltener Hand ist aus vielen Banken zu hören, dass gerade die internationalen und hochbezahlten Investmentbanker, die in London einen gewissen Lebensstil gewohnt waren, kaum ins eher biedere Frankfurt zu locken seien. Da hilft auch der Hinweis auf den verkehrsgünstig gelegenen Flughafen wenig, über den man ja theoretisch überallhin entfliehen könnte.

Frankfurter Bankenviertel

Frankfurter Bankenviertel

Foto: Daniel Reinhardt/ picture alliance / dpa

Immerhin: BaFin-Chef Hufeld berichtete, dass seine Behörde derzeit bereits mehr als 25 Anträge auf eine Banklizenz in Deutschland bearbeite - wies dabei aber auch gleich auf ein Problem hin: "Was wir nicht erlauben werden, sind leere Hüllen", sagte Hufeld. "Es wird also nicht reichen, nur einen Briefkasten in Frankfurt anzuschrauben." Obwohl einige Banken offenbar genau das versuchen.

Bei aller Angst vor einem ungeregelten Brexit gibt es übrigens auch noch Stimmen, die darauf setzen, dass die Verhandlungen nicht zwangsläufig chaotisch enden müssen. Eine davon ist Jörg Asmussen, der als früherer Staatssekretär im Finanzministerium den Politikbetrieb bestens kennt und heute für die Investmentbank Lazard Fusionen und Übernahmen einfädelt. "Ich würde die Hoffnung auf ein geregeltes Verhandlungsergebnis noch nicht aufgeben", sagte Asmussen. "Jeder, der in Brüssel mal verhandelt hat, weiß: Entscheidend ist die letzte Nacht. Und wir haben da noch viele letzte Nächte."

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