Gewinner und Verlierer Diese Branchen trifft der Brexit

Die Entscheidung der Briten hat große Bedeutung für Europas Wirtschaft - weit über den heutigen Tag hinaus. Welche Unternehmen und Branchen gewinnen? Welche verlieren? Der Überblick.

Mini-Produktion im Werk Oxford in Großbritannien
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Mini-Produktion im Werk Oxford in Großbritannien


Der schnelle Überblick
    Das ist passiert:
  • • 51,9 Prozent der britischen Wähler haben für den Austritt des Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 70 Prozent.

  • • Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt.

  • • Politiker aus Schottland und Nordirland wollen in der EU bleiben.

  • • Das Pfund verliert dramatisch an Wert, Aktienkurse weltweit stürzten ab.

• Rechtspopulisten in ganz Europa freuen sich und fordern nun ebenfalls Volksabstimmungen über die EU.

Die Börsen haben mit heftigen Turbulenzen auf das Votum der Briten reagiert. Weltweit brachen Aktienkurse ein. Doch auch mittel- und langfristig wird der EU-Austritt Unternehmen und Branchen beeinflussen. Ein Blick auf die einzelnen Branchen.

1. HSBC UND ANDERE BANKEN

Der Finanzplatz London gehört zu den größten Verlierern des Brexit. Die Frage ist nun, wie es mit den Banken weitergeht. Viele von ihnen dürften den sogenannten EU-Pass verlieren, durch den sie ihre Finanzprodukte in ganz Europa verkaufen können, ohne dort eigene Filialen zu betreiben.

Diese Unsicherheit macht sich auch an den Aktienmärkten bemerkbar. Die Bankenwerte gerieten massiv unter Druck. Großbritanniens größte Bank, HSBC Chart zeigen, verlor zunächst 13 Prozent, erholte sich dann etwas. Gegen Mittag notierte sie sieben Prozent im Minus. Die Papiere des US-Instituts JP Morgan gaben drei Prozent nach.

Die Deutsche Bank büßte 16 Prozent ein. Das Geldinstitut hatte bereits angedeutet, dass im Fall eines Brexit Stellen von London nach Kontinentaleuropa verlagert werden. "Das ist kein guter Tag für Europa. Die Konsequenzen lassen sich noch nicht vollständig absehen. Sie werden aber für alle Seiten negativ sein", sagte Konzernchef John Cryan.

2. AIRBUS

Eigentlich wollte der Luftfahrtkonzern in Großbritannien investieren - doch diese Pläne sollen angesichts des Votums für den EU-Austritt überprüft werden. Vorstandschef Tom Enders sagte, Großbritannien werde sich jetzt "noch mehr auf die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft gegenüber der EU und der gesamten Welt fokussieren".

Airbus baut seine Flugzeuge unter anderem in Großbritannien. Die Briten produzieren im walisischen Broughton die Flügel für alle nicht militärischen Jets. Im englischen Filton erforscht Airbus Chart zeigen neue Flügeltechnik. Diese Standorte sollen auch nach dem Brexit nicht geschlossen werden. Gibt es allerdings nach dem Brexit kein neues Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien, würde auch die Produktion von Airbus teurer. Die Aktie des Luftfahrtkonzerns Chart zeigen verlor nach dem Votum rund sieben Prozent.

3. BMW UND DIE AUTOBRANCHE

Die deutschen Autobauer sind stark vom Export nach Großbritannien abhängig. Nach Angaben des Branchenverbands VDA geht jedes fünfte in Deutschland produzierte Auto ins Vereinigte Königreich. Auch bei den Importen stehen Fahrzeuge aus Großbritannien weit vorn.

Die Aktien von Daimler und Volkswagen gaben rund sechs bis zehn Prozent nach. BMW verlor rund mehr als neun Prozent. Der Autobauer ist doppelt betroffen: Zum einen verkauft der Konzern jedes zehnte Auto in Großbritannien, zum anderen produziert er dort den Kleinwagen Mini und betreibt ein Motorenwerk. Fällt der Freihandel weg, dürfte das den Konzern belasten.

Das Unternehmen reagierte zurückhaltend auf die Entscheidung der britischen Wähler. "Die Konsequenzen dieser Entscheidung sind heute noch nicht absehbar. Klar ist, dass nun eine Phase der Unsicherheit beginnt", teilte der Autokonzern mit. "Wir erwarten jedoch zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien." Über die Produktionsstandorte - Oxford, Hams Hall, Swindon und Goodwood - werde der Konzern nicht spekulieren. BMW hat dort rund 2,2 Milliarden Euro investiert.

4. TUI UND DIE TOURISMUSINDUSTRIE

Der Reisekonzern Tui macht in Großbritannien mehr Umsatz als in Deutschland. Fällt infolge des Brexit das Pfund, werden Reisen ins Ausland für Briten teurer. Die Anleger reagierten verunsichert, die Tui-Aktie brach um 16 Prozent ein.

Die britische Tourismusindustrie könnte hingegen vom schwachen Pfund profitieren. Schließlich würde dadurch Urlaub auf der Insel für Ausländer günstiger.

5. LINDE UND DIE MASCHINENBAUBRANCHE

Der Gasehersteller und Anlagenbauer Linde ist stark mit Großbritannien verflochten. Laut einer Analyse der DZ Bank macht das Unternehmen rund neun Prozent seines Umsatzes in Großbritannien - neben den Autobauern einer der höchsten Werte unter den Dax-Konzernen. Die Händler befürchten deshalb auch, dass ein Brexit sich negativ auf das Unternehmen auswirkt. Die Aktie verlor knapp sechs Prozent.

Für die deutsche Maschinenbauindustrie ist Großbritannien eines der wichtigsten Ausfuhrländer. Die Branche ist deshalb besorgt.

6. TATE & LYLE

Beim größten Rohrzuckerproduzenten Europas dürfte die Stimmung nach dem Referendum hingegen gut sein. Tate & Lyle hat immer wieder die - aus ihrer Sicht - hohen Importzölle auf Rohrzucker kritisiert. Diese könnten nach dem Brexit wegfallen, das Unternehmen würde deshalb von einem EU-Austritt profitieren. An der Londoner Börse verloren die Papiere zunächst dennoch knapp vier Prozent.

7. SAINSBURY'S UND ANDERE SUPERMÄRKTE

Vor dem Referendum haben sich die britischen Supermarktketten wie Tesco, Sainsbury's oder Morrisons aus der Brexit-Diskussion weitestgehend herausgehalten. Doch ein EU-Austritt Großbritanniens betrifft die Konzerne direkt. In den vergangenen Jahren haben die deutschen Discounter Aldi und Lidl ihre Position auf dem britischen Markt ausgebaut - eine weitere Expansion könnte nach dem Brexit deutlich schwerer werden. Die Papiere von Sainsbury's verloren zehn Prozent.

brk/sep/Reuters/dpa

insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
pat_machine 24.06.2016
1. blabla angstmacherei
weshalb soll plötzlich Handel nicht mehr möglich sein? Europa hat schon Handel betrieben bevor es die Bevormundungs-EU gab.
M. Michaelis 24.06.2016
2.
Weshalb sollte der Freihandel wegfallen. Man man macht mit allen möglichen Staaten Freihandelsabkommen, warum sollte es dann nicht zukünftig nicht eines mit GB geben. GB könnte ausserdem zukünftig unabhängig von der EU ein Freihandelsabkommen mit den USA haben wenn dieses scheitern sollte.
tommit 24.06.2016
3. Dann muss man sich mal allmählich
mal was ausdenken für den 'Markt'.. der ist a) nicht mehr für den Erfinder gemacht und b) empfindlich wie eine Mimose in einer Brnache in der nach dem mündlichen bekenntnis alle Alles im Griff haben... oder warum verdient man dort sein Geld ? Detr Knall in den USA hat anscheinend nicht gereicht, der Fast-GREXIT hat nicht gereicht... vielleicht sollten wir langsam mal Mut fassen und sagen soziale Werte vor fiskalen Werten.. und ausserdem Wert und Bewertung sind zwei ganz verschiedene Dinge ... hört endlich damit auf den menschen weiss zu machen der Wert einer Sache sei die Anzahl der Papiere mal aktuellem Kurs.. und zwar für alle...
rainerwäscher 24.06.2016
4.
Aktien und BMW. Hab ich nicht. Fast alles was wir kaufen kommt aus China oder eben EU. Falls ein paar britische Waren teurer werden, geht man eben zur Konkurrenz. Meine Rente bleibt, die Miete wird nicht erhöht, Benzin wird auch so immer teurer und Aldi ist um die Ecke. Mich interessiert der Brexit nicht. Außer man kann bald Billigurlaub in England machen.
danielc. 24.06.2016
5.
Warum verlieren die Papiere von Sainsbury's 10% wenn zu erwarten ist, dass sich die Expansion von Aldi und Lidl verlangsamt?
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