Exportverflechtungen So würde ein No-Deal-Brexit deutsche Branchen treffen

Die Briten zählen zu den wichtigsten Käufern deutscher Industrieprodukte. Trotzdem zeigt eine dem SPIEGEL vorliegende Prognos-Berechnung: Selbst einen No-Deal-Brexit könnten die meisten Exportbranchen verschmerzen.
BMW-Fertigung im sächsischen Leipzig

BMW-Fertigung im sächsischen Leipzig

Foto: Sebastian Willnow / DPA

In der Rangfolge der wichtigsten Zielländer für deutsche Exporte liegt Großbritannien auf Rang fünf - das ist einer der Gründe, warum die deutsche Wirtschaft die Hängepartie um den Brexit so nervös verfolgt und endlich Klarheit fordert.

Noch immer ist zudem ein No-Deal-Szenario nicht ausgeschlossen - dass Großbritannien also aus EU und Zollunion stürzt, ohne dass sich Brüssel und London auf ein Anschlussabkommen geeinigt haben, das sowohl den Rückhalt der britischen Regierung als auch des britischen Parlaments hat.

Doch auch in diesem Extremfall wären die Folgen für die deutsche Wirtschaft beherrschbar. Zu diesem Schluss kommt das private Wirtschaftsforschungs- und Beratungsinstitut Prognos in einer aktuellen Analyse, die dem SPIEGEL vorliegt. "Ein Schreckgespenst stellt der No-Deal-Brexit für die deutsche Wirtschaft längst nicht mehr da", sagt Michael Böhmer, Chefökonom von Prognos.

Sorgenkind Pharmabranche

Das liegt laut Böhmer unter anderem daran, dass es eine erhebliche Differenz gibt zwischen der nackten Summe der deutschen Exporte nach Großbritannien und der tatsächlich in Deutschland für das Großbritanniengeschäft vollzogenen Wertschöpfung. So beliefen sich die deutschen Ausfuhren ins Vereinigte Königreich 2018 auf etwa 80 Milliarden Euro. Der reale Anteil an der inländischen Wertschöpfung lag nach Prognos-Angaben 2018 allerdings deutlich niedriger, bei 62 Milliarden Euro.

Das hat damit zu tun, dass deutsche Firmen für ihre Exportwaren auch Vorleistungen aus anderen Ländern beziehen. In deutschen Autos etwa werden zahlreiche Komponenten von Zulieferern verbaut, die in anderen Ländern ansässig sind.

Die Übersicht zeigt, dass die Differenz zwischen Exportsumme und tatsächlicher Wertschöpfung bei den Branchen mit dem höchsten Ausfuhranteil nach Großbritannien teils erheblich variieren. Im Automobilsektor etwa beträgt dieser Unterschied fast drei Prozentpunkte.

Prognos hat auch simuliert, wie sich abrupt einsetzende Handelshemmnisse bei einem harten Brexit auf die betreffenden Branchen auswirken würden. In so einem Fall könnten die Exporte auf die Insel binnen kurzer Frist beispielsweise um 20 Prozent fallen, wegen der einsetzenden Grenzkontrollen oder neuen Zollbarrieren etwa. Das Exportminus läge damit also bei 16 Milliarden Euro.

Für die Firmen wäre das laut Prognos-Experte Böhmer "nicht schön, aber es wäre verkraftbar". Denn die Verluste bei der Wertschöpfung dürften deutlich geringer ausfallen. Laut Prognos würden sie sich bei den meisten Branchen "auf eine Größenordnung um ein Prozent belaufen". Härter würde es lediglich die besonders eng mit dem britischen Markt verflochtene deutsche Pharmaindustrie treffen. Hier dürfte das Minus bei "gut zwei Prozent" liegen.

Der Effekt auf das Wirtschaftswachstum wiederum dürfte noch geringer ausfallen. "Die deutschen Unternehmen würden ja nicht in Lethargie verfallen und den Briten ein Jahr hinterherweinen", sagt Böhmer. Stattdessen sei davon auszugehen, dass sie zügig nach anderen Absatzmärkten suchten.

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