EU-Grundfreiheiten Deutsche Firmen lehnen Brexit-Sonderdeal ab

Soll Großbritannien den Zugang zum Binnenmarkt behalten, auch wenn es die Grundfreiheiten der EU ablehnt? Nein, sagt eine Mehrheit betroffener Firmen in Deutschland - und bereitet sich intensiv auf den Brexit vor.

Blick auf London vom Greenwich Park
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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Deutsche Großunternehmen mit Handelsbeziehungen nach Großbritannien lehnen eine Sonderbehandlung des Landes nach dem Brexit mehrheitlich ab. Das geht aus einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte hervor, die am Dienstag veröffentlicht wird und dem SPIEGEL vorab vorlag.

Demnach befürworten 49 Prozent einen vollständigen Ausschluss des Vereinigten Königreichs aus dem Binnenmarkt, sofern die Briten die vier Grundfreiheiten der EU nicht akzeptieren. Diese sind der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital. Relevant ist bei den Brexit-Verhandlungen vor allem die Personenfreizügigkeit - also das Recht von EU-Bürgern, in jedem Mitgliedsland zu leben und arbeiten.

Lediglich 26 Prozent wollen Großbritannien auch dann noch einen weitgehenden Zugang zum Binnenmarkt gewähren, wenn dafür die Personenfreizügigkeit aufgegeben werden muss. Einen Freihandelsvertrag wie das Ceta-Abkommen mit Kanada halten 24 Prozent für das richtige Verhandlungsziel.

Auch wenn Premierministerin Theresa May erst vor wenigen Wochen offiziell den Brexit beantragte, ist er in betroffenen Unternehmen bereits ein wichtiges Thema: Hatten sich im Frühjahr 2016 lediglich 30 Prozent auf den Brexit vorbereitet, sind es mittlerweile mehr als 90 Prozent.

Dabei gaben fast 60 Prozent an, sich "intensiv" oder "sehr intensiv" auf den britischen EU-Austritt vorzubereiten. 28 Prozent der Firmen setzen eine spezielle Taskforce für den Brexit ein, ebenso viele holen sich externe Beratung. Fast zwei Drittel erstellen punktuelle Analysen der Auswirkungen zum Beispiel auf Steuern oder Lieferketten.

Trotz ihrer frühen Vorbereitung halten viele Unternehmer eine langwierige Scheidung für möglich. So glauben 39 Prozent, dass am Ende der zweijährigen Verhandlungszeit zunächst ein mehrjähriges Übergangsabkommen stehen wird. 29 Prozent erwarten eine Verlängerung der Verhandlungen.

Immerhin jeder Fünfte glaubt, dass die Verhandlungen ganz scheitern werden und es zu einem unkontrollierten Brexit ohne Übergangsregelungen kommen wird. Das optimistischste Szenario einer engen Zusammenarbeit mit wenigen oder gar keinen Handelsschranken erwarten 23 Prozent.

Hoffnung auf weniger Konkurrenz

Nach dem Vollzug des Brexit überwiegen aus Sicht der Unternehmen die Risiken. Dazu gehören höhere Komplexität und Kosten, die 38 Prozent aufgrund von rechtlichen und 32 Prozent aufgrund von steuerrechtlichen Regulierungen erwarten. Zu den Chancen eines Brexit zählen sie weniger Konkurrenz auf dem europäischen Markt (36 Prozent) und den Bezug von Vorleistungen aus Großbritannien zu günstigen Wechselkursen (23 Prozent).

Profitieren könnten auch deutsche Städte, wenn Unternehmen nach dem Brexit ihre Tätigkeiten verlagern - besonders Frankfurt am Main. Insgesamt 56 Prozent sehen die Stadt als am besten auf Verlagerung vorbereitet, gefolgt von München mit 28 Prozent und Hamburg mit 21 Prozent.

Für die Studie wurden im April 2017 insgesamt 250 deutsche Großunternehmen befragt, die Handelsbeziehungen zu Großbritannien pflegen. Dazu gehören Exporte (64 Prozent), Niederlassungen (51 Prozent), Importe (41 Prozent), Lieferantenbeziehungen (37 Prozent), Fertigung (31 Prozent) und Finanzierung (24 Prozent).


Zusammengefasst: Laut einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte ist eine Mehrheit deutscher Unternehmen für einen Ausschluss Großbritanniens vom Binnenmarkt, sofern das Land die Grundfreiheiten der EU nicht mehr akzeptiert. Die meisten Firmen mit Handelsbeziehungen zur Insel bereiten sich bereits intensiv auf den Brexit vor, viele erwarten aber langwierige Austrittsverhandlungen.

insgesamt 48 Beiträge
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xysvenxy 16.05.2017
1. Mathe, Staistik, Glaube?
"Trotz ihrer frühen Vorbereitung halten viele Unternehmer eine langwierige Scheidung für möglich. So glauben 39 Prozent, dass am Ende der zweijährigen Verhandlungszeit zunächst ein mehrjähriges Übergangsabkommen stehen wird. 29 Prozent erwarten eine Verlängerung der Verhandlungen. Immerhin jeder Fünfte glaubt, dass die Verhandlungen ganz scheitern und es zu einem unkontrollierten Brexit ohne Übergangsregelungen kommt. Das optimistischste Szenario einer engen Zusammenarbeit mit wenigen oder gar keinen Handelsschranken erwarten 23 Prozent." 39 + 29 + 20 (jeder Fünfte) + 23 = 111% Is klar ;)
vielflieger_1970 16.05.2017
2. Brexit ist mehr als Schade...
aber es ist die logische Konsequenz, dass man den Briten keine Sonderrechte einräumen wird. Alles andere wäre sowohl volkswirtschaftlich wie politisch ein Skandal. Auch in unserem Unternehmen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, denn, wie richtig im Artikel angemerkt, es wird ein langwieriger und kein einfacher Strukturwandel werden.
DerRömer 16.05.2017
3. Die Realität siegt
Wenn die Briten es krachen lassen wollen, dann lasst sie. Natürlich müssen deutsche Firmen vorsorgen für den bevorstehenden harten Brexit. Und natürlich sind sie gegen eine Sonderbehandlung des Inselvolkes, warum sollte man sich auch eine Unfaire Konkurrenz heranzüchten. Lieber weg mit Schaden, als ein nicht kalkulietbares Risiko einzugehen, und auf die sonderlichen Rythen der Briten einzugehen. Was die Regierung den Briten eingebrockt hat wird die Wirtschaft auslöffeln müssen. Das Wunschkonzert wird nicht stattfinden. Mal sehen wann sie das merken, sie haben ja noch knapp 2 Jahre Zeit.
karsten_böhm 16.05.2017
4. Wann
begreifen die Deutschen endlich das die Briten nicht im Binnenmarkt und der Zollunion verbleiben wollen? die Briten wollen mit den Ländern der EU Handel treiben wie jedes andere unabhängige Land auf der Welt. Idealerweise durch einen Handelsvertrag der für beide Seiten Vorteile bringt,oder eben unter WTO Regeln ,was auch kein Weltuntergang wäre. Ich habe manchmal das Gefühl in Deutschen Medien werden rein aus Prinzip Schlachten geschlagen die jeder Grundlage entbehren.
naive is beautiful 16.05.2017
5. nur folgerichtig - und für die Europäische Wirtschaft ohne Alternative
Hier geht es um die Einschätzungen und Vorbereitungen auf die mittel- und langfristig neuen Spielregeln auf der Seite der Deutschen Großunternehmen auf Tag 1 nach dem Brexit, und deren zwangsläufig notwendige Ausrichtung auf die Zeit NACH GB und die künftigen Beziehungen ZU GB. Die ziemlich weltfremden und von wenig Realismus getrübten Äußerungen des britischen Außenministers (der ist allerdings in der Tat ziemlich 'Außen'...), aber auch anderer nicht ganz unmaßgeblicher Lautsprecher von der Insel zwingen die kontinentalen 'resteuropäischen' Unternehmen ja geradezu, alle nur denkbaren Zukunftsszenarien nicht nur durchzuspielen, sondern sich auch auf ihre zukünftigen einschätzbaren Positionen und Chancen in einem neuen Marktgefüge rechtzeitig einzustellen, in denen u.a. so seltsame Kalkulationsfaktoren wie "Zölle" (häääää...?) und andere ptektionistische Barrieren vermutlich wieder eine Rolle spielen werden. Zwei Jahre Planungs- und Vorbereitungszeit sind in diesem Kontext alles andere als eine bequeme Zeitspanne - und genau diese relative Eilbedürftigkeit beim Fällen strategischer Ausrichtungen und Entscheidungen wird gerade den Briten und ihrer Wirtschaft noch SEHR schwer zu schaffen machen. Im Zweifel werden sich gerade die kontinentalen Großunternehmen nämlich an den langfristig 'sicheren Optionen' orientieren und ausrichten - nämlich an den 'Rest-EU-Märkten' mit ihren unmaßgeblichen 450 Millionen Resteinwohnern, anstatt wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange gebannt auf die schwindelerregenden 65 Mio Briten zu starren (am Ende evtl. ja sogar noch abzüglich der 5 Mio+ Einwohner in Schottland...). Nichts gegen ein gesundes Maß an berechtigtem Nationalstolz - wenn man den aber so grandios übertreibt wie die Briten in ihrer schier grenzenosen Selbstüberschätzung als so irgendwas wie die 'zweite Weltwirtschaftsgroßmacht', geht der Schuss fast zwangsläufig nach hinten los. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf die Vauxhall-Großoffensive zur Überflutung Kontinentaleuropas mit höchst konkurrenzfähigen Automobilen. Die langen Gesichter britischer Käufer kontinentaleuropäischer Premiumprodukte bei der Zahlungsanweisung für ihre 'importierten' Waren würde ich mir offen gestanden lieber sparen können... - davor und dagegen stehen aber so kluge und weitsichtige Leute wie Frau May oder Herr Johnson, beide nebst Gefolge.
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