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EU-Austritt ohne Vertrag Deutsche Firmen planen mit hartem Brexit

Noch immer verspricht die britische Regierungschefin May einen EU-Austritt mit Vertrag zum Monatsende. Nach SPIEGEL-Informationen erwarten die meisten betroffenen Unternehmen in Deutschland einen anderen Ausgang.

Worauf sollen wir uns einstellen? Diese Frage stellen sich Unternehmer auf beiden Seiten des Ärmelkanals, seit die Briten im Juni 2016 für den EU-Austritt stimmten. Eine Antwort gibt es bis heute nicht. Premierministerin Theresa May will erst kommende Woche die letzten Abstimmungen über ihren Austrittsplan abhalten. Dennoch beteuert sie, es sei weiterhin ihr Ziel, "die Europäische Union mit einem Vertrag am 29. März zu verlassen."

Die Auffassung von deutschen Unternehmen mit Handelsbeziehungen nach Großbritannien ist mehrheitlich eine andere. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte in Kooperation mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie, die dem SPIEGEL vorliegt. Demnach planen 36 Prozent der befragten Unternehmen mit einem harten Brexit, also einem Austritt ohne Vertrag.

Nur gut ein Viertel geht hingegen davon aus, dass bis Ende März ein Austrittsabkommen mit Übergangsphase steht. Mit einer Verlängerung der Verhandlungsfrist, wie von May in Aussicht gestellt, plant ein weiteres Viertel. An eine komplette Kehrtwende, den "Exit vom Brexit", glauben nur sechs Prozent.

Falls es tatsächlich zum harten Brexit kommt, erwartet knapp die Hälfte der Unternehmen einen hohen oder sehr hohen Schaden fürs eigene Unternehmen. Etwas höher liegt der Anteil jener, die nur niedrige oder sehr niedrige Schäden erwarten.

Jedes vierte Unternehmen plant im Fall eines harten Brexits Stellenstreichungen. Deutlich höher liegt dieser Anteil mit jeweils 35 Prozent bei der eng verwobenen Autobranche, dem in Großbritannien traditionell starken Bankensektor sowie bei Konsumgüterherstellern. Letzteren drohten bei einem Austritt ohne Vertrag deutlich höhere Zölle nach den Vorgaben der Welthandelsorganisation, sagt Alexander Börsch, Chefökonom bei Deloitte. "Sie wären von einem harten Brexit stark betroffen."

Schon jetzt verzeichnen viele der Befragten Auswirkungen des bevorstehenden Brexits. Von einer erschwerten Planung des Geschäfts mit Großbritannien berichten 45 Prozent, 35 Prozent haben wegen der Unsicherheit Investitionen zurückgestellt und 30 Prozent machen die Schwankungen des britischen Pfunds seit dem Referendum zu schaffen.

Auch die Vorbereitungen laufen trotz aller Unsicherheit längst. So haben 60 Prozent der befragten Automobilhersteller bereits britische Zulieferer oder Dienstleister ausgetauscht oder planen dies in Kürze. Im Handel erhöhten 57 Prozent ihre Lagerkapazitäten oder haben es bald vor. Es gehe darum, in einer möglichen Phase kompletter Unsicherheit lieferfähig zu bleiben, sagt Börsch. "Vor allem Lager in Hafennähe sind derzeit sehr schwer zu finden."

Unternehmer unterstützen Zentralisierung der EU

Die Lehre aus dem Brexit-Chaos ist für die meisten Unternehmer eher mehr Europa als weniger: 39 Prozent sind für eine stärkere allgemeine Integration und Zentralisierung, zu der auch ein Euro-Finanzminister oder Eurozonen-Budget gezählt werden. Weitere 35 Prozent wollen zumindest in ausgewählten Bereichen wie Außenpolitik oder Migration mehr Integration. Eine Rückgabe von Kompetenzen an die EU-Mitgliedstaaten wünschen dagegen nur 13 Prozent. Zwar hätten schon frühere Umfragen eine Unterstützung für die EU gezeigt, sagt Börsch. "Damals ging es aber noch eher um eine punktuelle Integration."

Trotz der negativen Erwartungen hat erst gut die Hälfte der befragten Unternehmen einen Notfallplan für den Fall eines harten Brexits erarbeitet. Knapp ein Drittel will diesen nun "zeitnah erstellen". Falls es doch bei einem Austritt zum Monatsende bleibt, dürfte das ziemlich knapp werden.

Für die Studie wurden vom 7. bis 15. Februar insgesamt 262 deutsche Großunternehmen mit wirtschaftlichen Beziehungen zu Großbritannien befragt. Knapp zwei Drittel der Teilnehmer exportieren auf die Insel, 44 Prozent importieren von dort und fast die Hälfte hat eine Niederlassung vor Ort.

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