Toyota, BMW und Co. Die Angst der Autobosse vor dem harten Brexit

Ein halbes Jahr vor dem geplanten EU-Austritt der Briten steigt die Nervosität. Jetzt warnen Automobilkonzerne vor den möglichen katastrophalen Folgen eines No-Deal-Brexits.
Mini Cooper

Mini Cooper

Foto: David Clapp/ Getty Images

Es war eine unmissverständliche Warnung: Sollte Großbritannien im kommenden März die EU verlassen, ohne dass sich London und Brüssel auf ein Abkommen für die Zeit danach geeinigt haben, könnte das zu einem Produktionsstopp im Werk im britischen Burnaston führen. Das sagte Toyota-Europa-Chef Johan van Zyl dem Fernsehsender BBC  auf einer Veranstaltung am Rande der Paris Motor Show.

"Der Grund dafür, dass viele Hersteller in Großbritannien sind, ist, dass sie auf den europäischen Markt zollfrei exportieren konnten", fügte Van Zyl hinzu. "Der britische Markt ist für sich allein nicht groß genug, um ein Werk dieser Größe zu rechtfertigen. Wenn wir nicht länger in den europäischen Markt verkaufen können, dann wird das Auswirkungen auf die Zukunft des Werks haben."

Die Ankündigung entbehrt nicht einer gewissen Dramatik: Denn die Autoindustrie spielt eine wichtige Rolle in Großbritannien. Aktuell arbeiten mehr als 850.000 Menschen in der Branche. Neben Toyota unterhalten auch Honda und Nissan große Werke in Großbritannien. Das Nissan-Werk im nordenglischen Sunderland etwa - wo 7000 Menschen arbeiten - spuckt im Jahr eine halbe Million Autos aus, ein Drittel der gesamten Produktion des Landes. Ironie der Geschichte: Beim EU-Referendum vor zwei Jahren haben die Bewohner der Region unerwartet deutlich für einen Brexit gestimmt.

Goldene Zukunft in weiter Ferne

Doch allmählich wird vielen klar, dass ein Ausstieg aus der Europäischen Union nicht automatisch eine goldene Zukunft verheißt. Ein harter Bruch hätte sogar gravierende Folgen - speziell für Unternehmen, die mit ihren Zulieferern in der ganzen Welt vernetzt sind.

Kein Wunder also, dass die Nervosität in der Branche spürbar zunimmt. Denn in Großbritanniens Automobilindustrie wird, wie überall heute, fast nur noch "just in time" produziert: Die meisten Teile treffen erst kurz, bevor sie verbaut werden sollen, in den Werken ein. Die Lieferketten erstrecken sich durch ganz Europa. Ein Brexit ohne Abkommen - mit Grenzkontrollen und Zollschranken als Konsequenz - würde alles in Stocken bringen.

Mini-Produktion in Oxford

Mini-Produktion in Oxford

Foto: GEOFF CADDICK/ AFP

Als noch Hoffnung auf eine Vereinbarung bestand, übten sich die Konzerne in Zurückhaltung, wenn es um den Brexit ging. Die Standardantwort auf Anfragen zum Thema lautete: Kein Kommentar. Man wollte sich schlicht nicht mit dem reißerisch EU-kritischen Boulevard des Landes anlegen.

Wie brutal die rechtslastige Presse auf "Brexit-Skeptiker", reagiert , bekam Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös zu spüren, als er seine Mitarbeiter vor dem Referendum im Juni 2016 in einem internen Schreiben auf die möglichen wirtschaftlichen Folgen eines harten Brexits hinwies. Seine Worte von damals klingen angesichts des festgefahrenen Brexit-Prozesses beinahe prophetisch: "Wir können nicht annehmen, dass Großbritannien ein Freihandelsabkommen mit Europa außerhalb der EU gewährt werden würde."

Versorgungsketten wochenlang gestört

Rolls Royce gehört ebenso wie die urbritische Marke Mini zum Münchner BMW-Konzern, der in Großbritannien an vier Standorten etwa 9000 Mitarbeiter beschäftigt. Nur etwa ein Fünftel der Minis, die in Oxford vom Band gehen, bleibt im Land. Der Rest wird exportiert, die Hälfte davon in die EU. Daher haben die BMW-Chefs schon früh vor den möglichen Folgen eines Brexits gewarnt.

Mehr als zwei Jahre später sieht es tatsächlich danach aus, als könnten die Brexit-Verhandlungen scheitern. "Sind wir vom Fortschritt (bei den Brexit-Verhandlungen, d. Red) enttäuscht? Ja, das sind wir",sagte Finanzvorstand Nicolas Peter dem Nachrichtensender Sky News . "Daher bereiten wir uns für alle Szenarios vor, einschließlich eines harten, komplizierten Brexits, der sich wochenlang auf die Versorgungsketten auswirken würde." Es gebe "viele, viele Teile", die jeden Tag von Europa nach Großbritannien und in umgekehrter Richtung transportiert würden, fügte Peter hinzu.

Erst kürzlich hat BMW mit seiner Ankündigung für Aufsehen gesorgt, dass am 1. April 2019 - dem Tag, an dem Großbritanniens Mitgliedschaft in der EU endet - das Mini-Werk in Oxford für mehrere Wochen geschlossen werden soll . Eine solche vorübergehende Schließung sei zwar nicht ungewöhnlich, erklärte ein Konzernsprecher. In dieser Zeit würden Wartungsarbeiten durchgeführt. Doch diese geplanten Routinearbeiten seien vorgezogen worden, um möglichen Lieferengpässen vorzubeugen. "Obwohl wir glauben, dass dieses schlimmstmögliche Szenario unwahrscheinlich ist, müssen wir dafür planen."

Investitionen verschoben

Auch der Chef der Groupe PSA, zu der unter anderem Peugeot, Citroën, Opel und Vauxhall gehören, warnte diese Woche vor den potenziell schwerwiegenden Folgen im Falle eines No-Deal-Brexits. PSAs "Nummer Eins"-Anliegen bei den Brexit-Verhandlungen sei der unbeschränkte Handel , sagte Carlos Tavares der BBC. "Wenn wir keinen freien Handel haben, dann werden wir uns natürlich anpassen müssen." Das könne "dramatische Konsequenzen für unsere Aktivitäten" in Großbritannien haben, fügte er hinzu.

Die bislang vielleicht drastischste Warnung hat im vergangenen Monat Ralf Speth ausgesprochen, Chef von Jaguar Land Rover. Die Werke des größten Autobauers in Großbritannien könnten "zum Stillstand kommen," wenn es der Regierung nicht gelingen sollte, ein Abkommen mit Brüssel für die Zeit nach dem Brexit zu schließen, sagte Speth am Rand eines Gipfels in Birmingham . Jaguar Land Rover drohten Einbußen in Höhe von 1,2 Milliarden Pfund im Jahr. Zehntausende Jobs könnten verloren gehen, "wenn wir nicht den richtigen Brexit-Deal bekommen."

Auch Speth warfen Brexit-Hardliner daraufhin Angstmacherei vor. Wenige Tage später drosselte das Unternehmen seine Produktion und setzte 2000 Angestellte im Werk Castle Bromwich bei Birmingham auf eine Dreitagewoche. So sollten Kündigungen verhindert werden, erklärte der Konzern.

Am Dienstag legte Speth noch einmal nach. Die Entscheidung darüber, ob geplante Elektroautos in Großbritannien gefertigt werden sollen, sei wegen des Brexits noch nicht gefallen . "Weil wir letzten Endes die endgültigen Bedingungen noch nicht kennen", erklärte der Manager. Die Unsicherheit, die eine Folge der Brexit-Verhandlungen sei, führe dazu, "dass wir nicht wissen, wo wir am besten investieren können."

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