Topökonom DIW-Chef spricht sich für harten Brexit aus

Viele Ökonomen warnen vor einem No-Deal-Brexit. Der Chef des einflussreichen Instituts DIW sieht das völlig anders: Ein harter Schnitt sei besser als eine Hängepartie, sagt Marcel Fratzscher.

AFP

Ein ungeregelter Brexit Ende Oktober wäre aus Sicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) für Deutschland weniger schlimm als eine erneute Verschiebung. Die erwartbaren Kosten für die Bundesrepublik seien mittel- bis langfristig eher gering, deutsche Verbraucher kaum betroffen und Chaos vermeidbar, sagte DIW-Chef Marcel Fratzscher der Nachrichtenagentur dpa.

"Was ich jetzt an Risiken sehe, ist die Unsicherheit", sagte Fratzscher. "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende - lieber jetzt ein harter Brexit als eine Hängepartie, die sich noch ein oder zwei Jahre hinzieht."

Schon jetzt hätten sich wegen der Unsicherheit deutsche Exporte nach Großbritannien und Irland abgeschwächt. "Wenn einmal Klarheit da ist und die Unternehmen wissen, worauf sie sich einstellen müssen, kann man auch damit umgehen", fügte der DIW-Präsident hinzu.

Deutsche Unternehmen orientieren sich bereits um

Viele Wirtschaftsforscher warnen vor einem britischen EU-Austritt ohne Vertrag, zumal Deutschland 2018 immer noch Waren im Wert von 82 Milliarden Euro nach Großbritannien exportierte. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung geht davon aus, dass ein No-Deal Einkommensverluste von fast 100 Milliarden Euro pro Jahr zur Folge hätte, davon 57 Milliarden in Großbritannien und gut 9,5 Milliarden in Deutschland.

DIW-Chef Marcel Fratzscher
imago/IPON

DIW-Chef Marcel Fratzscher

"Es ist immer noch von Vorteil für alle Seiten, wenn der 'Hard Brexit' abgewendet wird", sagte Studienautor Dominic Ponattu. "Mehr Zeit, um ein Abkommen zu verhandeln, wäre es definitiv wert."

Doch Fratzscher argumentiert dagegen. So sagte er mit Blick auf deutsche Verbraucher: "Wenn man jetzt die Konsumenten nimmt, habe ich Schwierigkeiten zu sehen, wer da besonders betroffen sein soll. Das, was wir aus Großbritannien importieren an Konsumgütern, ist begrenzt."

Deutsche Unternehmen seien bereits dabei, sich neu zu orientieren - sowohl für den Bezug von Vorprodukten als auch für neue Absatzmärkte. Nach Regeln der Welthandelsorganisation würden auch bei einem Brexit ohne Vertrag nur geringe Zölle von durchschnittlich ein bis zwei Prozent auf britische Waren fällig. Lange Wartezeiten wegen nötiger Grenzkontrollen sowie Lieferengpässe könne man verhindern.

"Kein anderes Land will ein Chaos wie die Briten haben"

"Es muss nicht sein, dass es zu diesem Chaos kommt, und es ist letztlich weder im Interesse der EU noch Großbritanniens", sagte Fratzscher. "Das Argument, man müsse nun an Großbritannien ein Exempel statuieren und das bloß nicht attraktiv machen, das haben wir lange hinter uns. Ich glaube, kein anderes Land möchte ein solches Chaos haben, wie Großbritannien das in den letzten drei Jahren gesehen hat."

Anders als Deutschland müssen sich Großbritannien und Irland auch aus Fratzschers Sicht auf erhebliche negative Folgen einstellen. Und da es ohne Abkommen keine Übergangsfrist gäbe, stünde London unter großem Einigungsdruck mit der EU.

"Ich glaube nicht, dass Großbritannien nach einem harten Brexit eine bessere Verhandlungsposition hätte, sondern ganz im Gegenteil: Der Druck auf Großbritannien, schnellstmöglich ein Freihandelsabkommen mit der EU auszuhandeln, wäre eher größer als kleiner", sagte Fratzscher.

beb/dpa



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ganymed1234 06.09.2019
1. Die EU sollte einschreiten...
und sagen das es keine Verlängerung gibt. dieses Affentheater im England mit BoJo und Co. bei dem es nur noch um Taktik geht und die eigene Position wird auch in 3 oder 6 Monaten keinen vernünftigen Abschluss finden. Brexit am 31. Oktober und dann werden die Briten sehr schnell sich von alleine zusammenraufen und mit der EU wirklich und vernünftig verhandeln wollen! @Spiegel: Ein Artikel was die EU Vertreter überhaupt zu einer Verlängerung stehen und ob Macron etc. das überhaupt mittragen wäre mal interessant!
michibln 06.09.2019
2. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende
Die Briten haben sich nunmal für ihre Freiheit, oder was sie dafür halten, entschieden und sind offenbar auch bereit ihren Wohlstand und vielleicht sogar die Einheit zu riskieren. Kann/soll man sie abhalten?
lokithor 06.09.2019
3. Dem kann
man nur zustimmen. Lieber ein Ende mit Schrecken, als das derzeitige Schrecken ohne Ende geeiere der Briten. Am Besten wäre der Brexit im Mai gewesen. Die Briten könnten sich dann nur noch selbst quälen und nicht mehr die ganze EU unter Arrest zu nehmen. Eine erneute Verlängerung wäre nur eine Weiterführung des derzeitigen Trauerspiels
lathea 06.09.2019
4. Eine Verlängerung des Austritts.....
......und die damit verbundene Hängepartie wäre für die EU in jedem Fall von Vorteil, da GB bis dahin in die EU einzahlen müsste und die bei einem harten Brexit möglicherweise strittige Austrittsrechnung kleiner wäre. Die Wirtschaft könnte sich noch besser auf einen harten Brexit vorbereiten. Wenn jetzt auch schon im Vorfeld von den Torys kein umfangreiches Freihandelsabkommen angestrebt wird, dann wäre es umso wichtiger, der Wirtschaft mehr Zeit zu geben, die Firmensitze auf das Festland zu verlagern. Ausserdem.werden in GB neue Wahlen kommen und diese sollte man erst abwarten. Denn dieses Mal dürfte die Wahlbeteiligung der jungen Wähler und der Neuwähler grösser sein und möglicherweise auch eine Überraschung in die eine oder andere Richtung bringen.
NuclearSavety 06.09.2019
5. Wirtschaftlich...
.... wäre ein schnelles Ende vielleicht von Vorteil, aber was den DIW nicht interessiert ist ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs in Nordirland....
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