Brexit-Folgen Börsenbeben für Europas schwache Banken

Die Folgen des Brexit-Votums lassen Europas Banken wackeln. Italien feilt bereits an einem gigantischen Rettungsprogramm. Doch auch für die Deutsche Bank wird es zunehmend eng. Droht eine neue Krise?

Italienische Bankenstadt Mailand
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Italienische Bankenstadt Mailand

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Diese Bank hat schon einiges überstanden. Seit 1472 residiert die Banca Monte dei Paschi im herrschaftlichen Palazzo Salimbeni, mitten im historischen Stadtkern von Siena. Sie hat Kriege und Krisen überstanden und dabei stets irgendwie überlebt. Doch diesmal könnte es für die älteste Bank der Welt wirklich eng werden.

Der letzte Warnschuss kam vor wenigen Tagen in Form eines Briefs von der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Bis zum 3. Oktober, heißt es darin, müsse das traditionsreiche Geldhaus einen Plan vorlegen, wie es seine Problemkredite bis 2018 um 40 Prozent abbauen will. Seit das Schreiben am Montag bekannt wurde, rauscht der Aktienkurs immer weiter in die Tiefe. Bis Dienstagabend betrug das Minus rund 30 Prozent.

Die Krise von Monte dei Paschi steht sinnbildlich für die Schwäche vieler europäischer Finanzinstitute, besonders ausgeprägt ist diese aber in Italien.

Zentrale der Banca Monte dei Paschi
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Zentrale der Banca Monte dei Paschi

Die Geldhäuser des Landes haben in den vergangenen Jahren einen gigantischen Berg fauler Kredite in ihren Bilanzen angehäuft. Rund 360 Milliarden Euro sollen es mittlerweile sein - rund vier Mal so viel wie zum Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2008. 17 Prozent aller ausstehenden Kredite italienischer Banken werden inzwischen als notleidend eingestuft. Auch das größte Institut des Landes, die Unicredit, steht vor mächtigen Problemen. Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs um 64 Prozent eingebrochen (siehe Grafik).

Doch nicht nur in Italien geht es für viele Banken steil nach unten. Auch andere Geldhäuser in Europa kämpfen mit drastischen Wertverlusten. In Griechenland etwa ging es für die National Bank of Greece am Dienstag erneut um mehr als zehn Prozent nach unten. Gerade einmal 17 Cent ist die Aktie der größten Bank des Landes mittlerweile noch wert. Noch schlimmer sieht es bei der Piraeus Bank aus, deren Kurs um fast 13 Prozent auf 13 Cent fiel.

Selbst in Deutschland sieht es alles andere als rosig aus. Die Deutsche Bank hat seit Jahresbeginn 45 Prozent ihres Werts verloren und ist derzeit so billig wie zuletzt 1992 - also vor 24 Jahren. Vergangene Woche fiel das größte deutsche Geldhaus zum zweiten Mal in Folge beim Stresstest der US-Notenbank Fed durch. Der Internationale Währungsfonds (IWF) kürte sie gar zum größten Risiko für das globale Finanzsystem.

Dramatischer Wertverlust der Krisenbanken

Schaut man sich an, was die schwächelnden Finanzinstitute allein seit der Finanzkrise an Wert verloren haben, kann einem schon mal schwindelig werden. Waren die sieben in der Grafik gezeigten Banken Anfang 2007 zusammen noch knapp 300 Milliarden Euro wert, sind es mittlerweile nur noch gut 60 Milliarden Euro. Allein seit Jahresbeginn hat sich ihr Wert halbiert. Ohne Rettungsaktionen der Staaten und private Kapitalerhöhungen sähen die Verluste noch dramatischer aus.

Es ist eine Mixtur von Problemen, die den europäischen Banken derzeit zu schaffen machen:

  • Die Niedrigzinspolitik der EZB macht das Geldhorten für sie teuer und schränkt zugleich die Verdienstmöglichkeiten stark ein.
  • Die schwache Wirtschaftsentwicklung lässt die Kreditnachfrage der Unternehmen auf niedrigem Niveau verharren - und führt in Ländern wie Italien zudem zu vielen Ausfällen.
  • Die stärkere Regulierung sorgt dafür, dass gerade die großen Investmentbanken im Handelsgeschäft viel weniger verdienen können als noch vor der Finanzkrise.
  • Nicht zuletzt sorgt das Brexit-Votum der Briten dafür, dass die Unsicherheit über die politische und wirtschaftliche Entwicklung Europas zunimmt.

Gerade bei den Krisenbanken sitzen die Probleme aber oft noch tiefer. Fehlende Geschäftsmodelle und falsche Managemententscheidungen sind der Grund, warum einige Banken deutlich mehr leiden als andere.

Besonders sichtbar wird das in Italien, wo es Politik und Bankmanager versäumt haben, die Institute besser für künftige Krisen zu wappnen. "Statt ausreichend Eigenkapital aufzubauen, wurden Gewinne an die Aktionäre ausgeschüttet", klagt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim. Er sieht darin eine bewusste Politik zulasten der Steuerzahler.

Die könnten nun tatsächlich wieder herangezogen werden, wenn es darum geht, die kriselnden Banken zu retten. Zwar hatte die Regierung erst Mitte April einen privat finanzierten Rettungsfonds gegründet, um die Banken zu stützen. Doch das dort gesammelte Geld wird kaum ausreichen, um die Kapitallücken zu füllen. Deshalb will die Regierung von Ministerpräsident Matteo Renzi die maroden Institute am liebsten mit zusätzlichen Milliarden aus dem Staatshaushalt retten.

Doch genau das ist eigentlich nicht mehr erlaubt. Eine neue europäische Abwicklungsrichtlinie soll verhindern, dass immer wieder Steuerzahler für wankende Banken einspringen müssen. Sie sieht vor, dass zuerst Aktionäre und Gläubiger der Banken haften müssen, wenn es zu einer Schieflage kommt. Sogar Sparguthaben über 100.000 Euro können gepfändet werden - für den politisch ohnehin unter Druck stehenden Renzi eine Horrorvorstellung.

Die europäische Bankenabwicklungsrichtlinie gilt seit Januar 2015. Nun sieht so aus, als könnte sie schon im Jahr 2016 zur Makulatur werden. "Italiens Banken sind ein massives Problem", sagt Finanzprofessor Burghof. "Das kann Europa sprengen."

Zusammengefasst: Viele europäische Banken müssen derzeit wieder zittern. Ihre Aktien verlieren dramatisch an Wert. Vor allem in Italien könnte es problematisch werden. Dort plant Ministerpräsident Matteo Renzi bereits eine staatliche Rettungsaktion - obwohl das eigentlich mittlerweile verboten ist.



insgesamt 123 Beiträge
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ralf-spindler 05.07.2016
1. Systemrelevant
Keine Bange - der Steuerzahler steht schon bereit, evtl. anfallende Verluste oder Risiken zu übernehmen. Schließlich müssen ja Boni und Gehälter der Finanzasse gesichert werden. Same procedure as 2008.
nic 05.07.2016
2. Brexit-Folgen
Nein, keine Folge des Brexit. Folge der Zockerei sowie 2008 auch. Einem jetzt weiß machen zu wollen es läge am Brexit ist schon recht starker Tobak.
Kannebichler 05.07.2016
3. Brexit Folgen?
Der in dem Artikel richtig beschriebene Zustand der europäischen Bankenwelt hat, anders als die Überschrift suggeriert, nichts aber auch gar nichts mit dem BREXIT (der ja noch nicht einmal gestartet, geschweige denn vollzogen ist) zu tun. In dem Artikel findet sich auch kein überzeugender Hinweis darauf (nur eben die Behauptung in der Überschrift). Der desolate Zustand der kontinentaleuropäischen Banken hat vielmehr mit den falschen (französisch/italienisch/deutschen) Rezepten nach der letzten Bankenkrise zu tun. Die englischen und amerikanischen Banken hingegen sind doch recht vital. In den Ländern war man wesentlich konsequenter in der Aufarbeitung der Krise im Finanzsektor. Europa hat hier offensichtlich wieder in einer konkreten Krisensituation versagt.
dani272 05.07.2016
4. Steigende und fallende Aktienkurse
bringen den Banken, Konzernen und Investoren die richtig dicke Kohle. Das hat man bei der Finanzkrise gelernt. Die Medien bringen abwechselnd gute, dann schlechte Nachrichten, die Kurse steigen und fallen und zwar kräftig, wer sich auskennt kann dementsprechend wetten und Milliarden verdienen, die Verlierer sind Kleininvestoren, die für ihr Erspartes keine Zinsen mehr bekommen und sich Finanzprodukte und Aktienfonds aufschwatzen lassen. Sowie bei der Griechenland Krise die Kurse heftig am tanzen waren, so tanzen sie jetzt wegen dem Brexit und wahrscheinlich wird das Referendum der Engländer genau so für den Allerwertesten sein wie das Referendum der Griechen.
fottesfott 05.07.2016
5. Ich bin dann mal weg...
...bei einem erneuten milliardenschweren Rettungsprogramm "systemrelevanter" Banken bin ich (Jahrgang 1961, tendenziell eher SPD-/Grünen-Wähler) dann mal weg; entweder beim nächsten mal wider besseres Wissen AfD oder Linke, oder wenn möglich ab ins Nicht-EU-Ausland (da gibt es ja neuerdings hübsche Locations, Schottland...). Vor der ältesten Bank in Siena bin ich schon flaniert, aber man kann aus dieses "Asset" auch einer anderen Nutzung zuführen...
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