Britische Chefökonomin zum verschobenen EU-Austritt Wie der Brexit die Briten jetzt schon schmerzt

Seit Jahren rechnen Ökonomen den Briten vor, warum sie der EU-Austritt teuer kommt, doch Brexit-Fans bleiben stur. Rain Newton-Smith vom Industrieverband CBI beschreibt die Folgen - und was sich ändern muss.

London
Getty Images

London

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Newton-Smith, die Europäische Union hat einer Verlängerung der Brexit-Frist um sechs Monate zugestimmt. Atmet die britische Wirtschaft jetzt auf?

Newton-Smith: Die Firmen haben begonnen, ihre Notfallpläne zu ändern - canceln werden sie die aber nicht. Die Verlängerung bedeutet lediglich, dass eine unmittelbar bevorstehende Krise abgewendet worden ist. Jetzt muss ein politischer Neustart folgen: Wenn wir weitermachen wie bisher, bekommen wir noch mehr Chaos im Herbst. Was wir brauchen, ist endlich eine ernsthafte, parteiübergreifende Zusammenarbeit.

Rain Newton-Smith ist Chefökonomin des britischen Industrieverbands CBI, der 190.000 britische Firmen vertritt
CBI

Rain Newton-Smith ist Chefökonomin des britischen Industrieverbands CBI, der 190.000 britische Firmen vertritt

SPIEGEL ONLINE: Schreckt die unklare Zukunft Investoren ab?

Newton-Smith: Die Unsicherheit ist der entscheidende Faktor: Die Investitionen sind vier Quartale in Folge gesunken. Eine so lange Schwächeperiode hatten wir nicht mehr seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise vor einem Jahrzehnt. Ganz gleich, was mit dem Brexit passiert: Europa bleibt unser größter Handelspartner. 40 Prozent der Exporte gehen in die EU. Mit jedem Tag, an dem ein No-Deal-Szenario nicht explizit ausgeschlossen ist, wird das Vertrauen weiter geschädigt. Diese Schäden sind jetzt schon real, deshalb ist der Frust in der Wirtschaft so groß.

SPIEGEL ONLINE: Mitte der Woche stand Großbritannien kurz vor einem harten Brexit, die Gefahr ist noch immer nicht gebannt. Was wären die Folgen eines plötzlichen und harten Ausscheidens aus der EU?

Newton-Smith: Das Pfund würde umgehend an Wert verlieren, die Preise müssten steigen. An den Grenzen käme es zu Warteschlangen. Neun von zehn befragten Firmen haben sich zuletzt Sorgen gemacht, ob sie Güter rechtzeitig durch die Kontrollen etwa in Dover bekommen würden. Die Politik würde das vor unangenehme Entscheidungen stellen: Wir importieren 70 Prozent unseres Obstes und 90 Prozent unseres Gemüses, unser Salat kommt aus der EU. Dann müsste die Regierung festlegen, ob sie an den Grenzen Obst- und Gemüsetransporten Vorrang gibt - oder Bauteilen, die unsere Just-in-time-produzierende Autoindustrie braucht.

SPIEGEL ONLINE: Viele Brexit-Anhänger trauen solchen Vorhersagen nicht. Wären die Folgen eines No-Deal-Szenarios wirklich so schlimm - oder könnte sich Großbritannien schnell erholen?

Newton-Smith: Wir würden kurzfristig Verheerungen sehen und langfristig keine Gewinne. Wir würden massive Handelsbarrieren für die wichtigsten Handelspartner errichten, Großbritannien wäre eine viel weniger offene Volkswirtschaft. Das heißt: auch weniger offen für Innovationen und Technologien. Das hat Einfluss auf das Wachstum. Über zehn bis 15 Jahre kann das acht bis zehn Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen.

SPIEGEL ONLINE: Die Brexiteers haben versprochen, andere Absatzmärkte zu erschließen.

Newton-Smith: Die Idee war, dass wir fantastische Handelsabkommen mit anderen Staaten abschließen, um die Ausfälle durch die EU aufzufangen. Wie wir wissen, ist das pie in the sky - nicht mehr als Träumereien. Durch die EU haben wir mit mehr als 50 Staaten Handelsabkommen. Unser Handelsministerium hat es seit dem Referendum gerade einmal geschafft, eine Handvoll Abkommen auszuhandeln.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so schwierig?

Newton-Smith: Aushandeln von Abkommen braucht sehr viel Zeit. Kanada und die EU haben sieben Jahre verhandelt. Hinzu kommt: Die USA sind nach der EU unser wichtigster Handelspartner. Aber US-Präsident Donald Trump ist ein ziemlich harter Verhandler. Sein Fokus liegt auf Gütern, unsere Wirtschaft wird dominiert von Dienstleistungen. Die USA würden auch wollen, dass wir unseren Agrarsektor stärker öffnen.

SPIEGEL ONLINE: Der "Guardian" hat jüngst argumentiert, der EU-Binnenmarkt sei zwar toll für Waren und Güter, wie sie etwa Deutschland herstellt. Bei Dienstleistungen sperre sich die EU aber traditionell gegen Liberalisierungen, was Großbritannien schade. Haben die Brexiteers da recht?

Newton-Smith: 80 Prozent der Wertschöpfung entfallen in Großbritannien auf Dienstleistungen. Die Argumentation finde ich trotzdem unredlich. Natürlich ist der gemeinsame EU-Binnenmarkt für Dienstleistungen nicht vollendet. Trotzdem ist er weit stärker integriert als jeder andere Handelsblock auf der Welt. Sie können die Dienstleistungswelt auch nicht trennen von den Industriegütern. Oft geht es um Service- und Wartungsverträge, die begleitend zum Export von britischen Maschinen abgeschlossen werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie wären britische Dienstleister von dem Brexit betroffen, etwa in der Finanzbranche?

Newton-Smith: Im Moment gibt es klare Regelungen für grenzüberschreitenden Datenaustausch. Beim No-Deal-Brexit fiele das weg. Das kann sich auf unsere Stärken auswirken, auf die Fähigkeit, Talente aus aller Welt anzuziehen. Viele Start-ups in der Finanzbranche - die sogenannten Fintechs - machen sich Sorgen. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf: die klügsten Köpfe aus der ganzen Welt einstellen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal erzählt, warum Sie Wirtschaft studiert haben: Gereizt habe Sie das, weil die Wirtschaftswissenschaften viel zu sagen hätten zu den Problemen der Zeit, etwa Arbeitslosigkeit und Ungleichheit. Beim Brexit wirkt es aber, als kämen Ihre Warnungen bei vielen Leuten gar nicht an.

Newton-Smith: Die Lage hat sich gewandelt. Den Leuten sind die wirtschaftlichen Konsequenzen klarer als zur Zeit des Referendums. Viele denken aber: Wenn das Wachstum schwächer ausfällt, betrifft mich das persönlich nicht. Wenn die Wirtschaft aber geringer wächst, schränkt das unsere Fähigkeiten ein, öffentliche Güter für die Bevölkerung zu Verfügung zu stellen. Das betrifft die Gesundheitsversorgung, die Bildung.

SPIEGEL ONLINE: Wird das nicht immer wieder von den Remainern erklärt?

Newton-Smith: Es ist die größte Schwierigkeit, dass es den meisten Menschen beim Brexit nicht um Wirtschaftliches geht, sondern um nationale Identität, um Souveränität. Ökonomische Argumente werden von Befürwortern pauschal als Teil eines angeblichen project fear abgetan. Sie tun so, als wäre das eine gezielte Kampagne, um den Leuten Angst einzujagen.

SPIEGEL ONLINE: Die Konservative Partei wirkt mit der Lage überfordert.

Newton-Smith: Bedauerlicherweise haben sich die Lager verschanzt. Die Dynamiken der britischen Politik verschieben sich. Die Menschen identifizieren sich immer weniger mit Parteien und stärker mit ihrer Wahlentscheidung beim Referendum. Das beginnt sich erst jetzt in der Politik niederzuschlagen. Erst jetzt sehen wir parteiübergreifende Zusammenarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler haben die Remainer gemacht?

Newton-Smith: Niemand hat wirklich leidenschaftlich für Europa plädiert. Die Leute haben kaum darüber gesprochen, warum die EU gegründet worden war: Dass sie aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist und ein Projekt des Friedens ist. Das zweite Problem war eine gewisse Selbstgefälligkeit bei denen, die die Remain-Kampagne geführt haben - und da waren wir auch involviert. Ich glaube, es waren nicht genug Leute draußen auf der Straße, um die Menschen zu hören.

SPIEGEL ONLINE: Wo kommt der Ärger her?

Newton-Smith: Schauen Sie sich die britischen Regionen an: Ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise liegt der Lebensstandard nur in London und im Südosten höher als vor der Krise. Das ist der Boden, auf dem die Leave-Kampagne Erfolg haben konnte. Mit ihren Parolen, wieder die Kontrolle über das Leben zu übernehmen und dass es die eigenen Kinder besser haben würden. Aber das Grundproblem war: Es war verrückt, ein so komplexes Thema zu reduzieren auf eine Ja-oder-Nein-Entscheidung. Wie konnte man erwarten, dass Menschen eine rationale Entscheidung über Institutionen treffen können, die über 40 Jahre entstanden sind und komplexe Handelsbeziehungen?

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie jetzt von der Politik?

Newton-Smith: Wir müssen die Zeit nutzen, um überparteilich eine Mehrheit zu bekommen, entweder für den bestehenden Deal oder für einen neuen. Wenn wir doch in ein No-Deal-Szenario rutschen, sollten sich die Politiker schämen. Die ökonomischen Schäden wären enorm. In Nordirland geht es sogar um Krieg und Frieden. Die Schlüsselfrage für unser Land wird sein: Wie lässt sich die Kluft überbrücken, die sich aufgetan hat? Vielleicht brauchen wir eine nationale Versöhnungskommission, um die Menschen wieder zusammenzubringen und eine positive Agenda zu entwickeln.



insgesamt 177 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mirage122 12.04.2019
1. Warum?
Jeden Tag wieder ein Brexit-Artikel als SPON-Headlne. Ich hatte gehofft, dass es nun mal endlich ganz ohne gehen würde. Das war leider nur ein frommer Wunsch, der nicht in Erfüllung geht. Was regen sich die Briten nun immer noch auf - haben ihren Willen doch vorerst durchgesetzt. Und nun wird lamentiert, dass alles teurer wird. Das war doch zu erwarten. Ich bin dafür, dass Lizzy endlich mal ein Machtwort spricht, damit das Elend ein Ende hat. Es geht doch nicht an, dass noch mitgewählt wird und damit Einfluss auf ein Parlament genommen wird, das derartig abgelehnt wird.
karlo1952 12.04.2019
2. Das ist doch alles nichts Neues.
Seit über 2 Jahren wird jetzt auf beiden Seiten über die Vor- und Nachteile diskutiert. Und dass sie eintreten ist doch kein Wunder. Alles ist oder war bekannt. Also Ball flach halten und auf den endgültigen Brexshit warten.
reznikoff2 12.04.2019
3. Endlich mal...
...ein gutes und verständliches Interview zu diesem irren Thema. Sicher wäre mehr wirtschaftliche Sicht ein Schlüssel zur Lösung. Denn von der britischen Politik ist ja kaum mehr als weiteres Versagen zu erwarten.
isi-dor 12.04.2019
4.
Es ist klar, dass Trumpland auf der Insel die Rolle der EU übernehmen möchte und den Briten bleibt dann auch gar keine andere Wahl. Nach dem Austritt werden sie den US-Genfraß auf ihren Märkten zulassen müssen. Ob es wirklich gut ist, die angeblichen EU-Fesseln abzuschütteln und dafür US-Fesseln anzunehmen, dürfte fraglich sein. Immerhin strebt die EU für alle Marktteilnehmer positive Entwicklung an, aber Trump ist es völlig egal, ob andere auch profitieren, er will das Maximale für die US-Wirtschaft und da kann nur einer gewinnen. Das wird dann nicht UK sein. UK gibt Sicherheit auf zugunsten von Unsicherheit und Chaos. Ich würde das nicht machen, egal was die irren Spekulanten wollen, die am Brexit Milliarden verdienen.
tempus fugit 12.04.2019
5. Noch 2-3 Monate....
...Bedenkzeit, dann ein neues Referendum und dann gibt's den Exit aus dem Brexit. Und die Bullshit-Politiker wie dieser kleine Bruder vom biggest brain ever hinterm Atlantik kann sich dann mit Bullshit, den er angerichtet hat mit Lügen und Illusionen auf Eine Farm verziehen. 2 Sachen Gutes hat ds. Brexit: 1. Hält die EU - trotz paar anderen Bullshitern besonder bei den neuen im Osten - zusammen. 2. Weiss - hoffentlich jeder - der ausscheiden will, was auf ihn zukommt. 3. Dass drüber nachzudenken wäre, ob der EURO bleibt oder nicht, mit dem ECU zuvor (an dem sich die nationalen Währungen anpassen konnten je nach Leistung oder Nachlassen) konnten durch Ab- und Aufwertungen in Bezuig auf diese 'Währungseinheit' die Mitglieder ihre Wirtschaftsbilanzen angleichen und Druck wegnehmen. Hier hat man - durchaus nachvollziehbar um 2000 - das Europapferd von hinten aufgezäumt - und zum heutigen Schlamassel geführt!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.