Währungsschwäche Brexit-Votum Schwaches Pfund verunsichert Briten

Das Brexit-Votum schickte das Pfund auf Talfahrt. Die britischen Verbraucher sind seitdem vorsichtig, die Firmen pessimistisch.

Passanten vor einem Maklerbüro in London
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Passanten vor einem Maklerbüro in London

Aus London berichtet


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Der Makler steht vor seinem Büro im Osten Londons und raucht. Die Fotos hinter ihm im Fenster zeigen helle Zimmer mit Holzböden, moderne Küchen, kleine Bäder. Es sind schöne Häuser und Wohnungen, viele in guter Lage, alle stehen zum Verkauf. Doch obwohl der Londoner Wohnungsmarkt umkämpft ist, hat der junge Mann in den vergangenen Tagen keinen Abschluss getätigt. "Es gab schon bessere Zeiten", sagt er.

Eine Erfahrung, die er mit vielen anderen Londoner Maklern teilt. Bereits in den vergangenen Monaten war die Stimmung auf dem Immobilienmarkt eher getrübt. Nach dem Brexit-Votum im Juni ist sie aber vollends ins Stocken geraten: 36 Prozent der von der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS) Befragten meldeten eine sinkende Nachfrage.

Die Entwicklung kommt nicht überraschend: Verbände, Institutionen und Politiker hatten vor dem Referendum bei jeder Gelegenheit eindringlich gewarnt: Im Falle eines EU-Austritts werde die britische Wirtschaft massive Schwierigkeiten bekommen, das Pfund deutlich an Wert verlieren.

Angst vor Rezession

Letzteres trat sofort ein. Kaum stand das Ergebnis des Referendums fest, sackte die britische Währung auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren. Mit der Ernennung Theresa Mays zur Premierministerin und der Entscheidung der Bank of England, den Leitzins unverändert zu lassen, erholte es sich zwischenzeitlich zwar etwas - Ende vergangener Woche geriet es aber wieder stark unter Druck. Binnen weniger Minuten verlor die Währung im Vergleich mehr als einen Cent auf 1,3166 US-Dollar.

Das lag vor allem an schlechten Konjunkturzahlen und Umfragen. Der Einkaufsmanagerindex fiel laut Marktforschern von Markit auf den niedrigsten Stand seit April 2009, als die Folgen der Finanzkrise die Stimmung trübten. Auch die Kauflaune der Briten verschlechterte sich nach dem Referendum deutlich. Der Konsumklimaindex ging acht Punkte nach unten auf den niedrigsten Stand seit Dezember 2013.

Der Internationale Währungsfonds korrigierte seine Wachstumsaussichten für Großbritannien deutlich nach unten: Für dieses Jahr um 0,2 Prozentpunkte auf 1,7 Prozent, für das kommende Jahr sogar um 0,9 Punkte auf nur noch 1,3 Prozent Wachstum.

Es sind vor allem Umfragen und Prognosen, die einen Ausblick darauf geben, wie sich die Situation in den kommenden Monaten entwickeln könnte. Die Ergebnisse zeigen, wie groß die Furcht vor einer schrumpfenden Wirtschaft auf der Insel ist. "Wenn wir noch mehr Zahlen dieser Art in den kommenden Monaten sehen werden, wird die Wirtschaft noch vor Jahresende in eine Rezession rutschen", sagt Craig Erlam, Marktstratege bei Oanda.

Im Alltag heißt es Abwarten

Im Alltag äußert sich diese Sorge mit britischer Zurückhaltung. "Wait and see", das sagen die meisten auf die Frage, ob sie die wirtschaftlichen Folgen des Austritts zu spüren bekommen. Nach dem Motto: "Abwarten und Tee trinken."

In den heimischen Restaurants und Supermärkten sind die Preise noch weitgehend unverändert. Das liegt auch daran, dass die meisten Unternehmen längerfristige Verträge mit ihren Lieferanten haben. Bleibt das Pfund schwach, dürfte sich das aber ändern. Großbritannien importiert rund 40 Prozent seiner Lebensmittel. Derzeit sind die Preise vergleichsweise günstig, auch weil die deutschen Discounter Aldi und Lidl auf dem britischen Markt expandieren. "Längerfristige Veränderungen der Wechselkurse würden die Niedrigpreisphase aber gefährden",warnte das Marktforschungsunternehmen Kantar Worldpanel gegenüber dem britischen Sender BBC.

Kunden im Supermarkt in London
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Kunden im Supermarkt in London

Eine der wenigen, die als Folge des Brexit bereits Preise erhöhen mussten, ist die "Square Mile Coffee". In einem unscheinbaren Gebäude im Osten Londons röstet die kleine Firma jedes Jahr 120 Tonnen Kaffeebohnen aus Brasilien, Burundi und El Salvador und verkauft den Kaffee online. Für 350 Gramm müssen Kunden dort nun 50 Pence mehr zahlen, erzählt Inhaberin Annette Moldvaer dem "Independent". Der Kaffeepreis war schon vorher auf hohem Niveau. Doch nach dem Referendum verteuerte sich eine Lieferung über 18.950 Kilogramm Bohnen aus Costa Rica um 7500 Dollar. "Das hat uns kalt erwischt", so Moldvaer.

Am deutlichsten bekommen bislang vor allem Briten, die ins Ausland reisen, die Folgen des schwachen Pfunds zu spüren: Durch den Wechselkurs sind ihre Ausgaben höher. Das hält die Menschen bislang jedoch nicht davon ab, zu verreisen. Auch hier gelte es im Moment, die Lage zu beobachten, sagt eine Sprecherin der ABTA, der größten Vereinigung von Reiseanbietern in Großbritannien.

Es gebe allerdings schon Hinweise darauf, dass die Kunden zurückhaltender seien. Die meisten aber hätten ihren Sommerurlaub bereits gebucht - "und mit den anderen Reisen warten sie im Zweifel einfach", sagt die Sprecherin.

Um den Kunden ihre Unsicherheit zu nehmen, hat der Verband auf seinem Internetauftritt vorsorglich eine extra Seite für Fragen rund um den Brexit eingerichtet. Sollte das Pfund schwach bleiben, rechnet ABTA mit einer größeren Nachfrage nach All-inclusive-Reisen, auch Ziele in Großbritannien könnten attraktiver werden. "Eine USA-Reise wird eher verschoben als Urlaube auf dem europäischen Festland", so die Sprecherin.

Die Makler in London blicken da deutlich pessimistischer in die Zukunft: 58 Prozent gaben nach dem Referendum an, die Nachfrage sei gesunken - und sie rechnen damit, dass auch die Preise deutlich fallen. Zumindest für die Gruppe der potenziellen Hauskäufer aus der Mittelschicht könnte sich das Brexit-Votum so wirtschaftlich doch noch als gute Nachricht herausstellen.


Zusammengefasst: Seitdem sich die Briten für einen EU-Austritt ausgesprochen haben, hat das Pfund deutlich an Wert verloren. Das bekommen bislang vor allem Briten zu spüren, die ins Ausland reisen. Doch auch zu Hause reagieren britische Verbraucher verunsichert, Unternehmen blicken laut Umfragen pessimistisch in die Zukunft.

insgesamt 56 Beiträge
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pmeierspiegel 25.07.2016
1.
der britische aktienindex steht deutlöich höher als vor der brexitentscheidung ... der spiegel mag es sich nopch so sehr wünschen, das GB abschmiert, es wird nicht passieren.. es wird die blaupause , NL wird als nächsten folgen in wenigen jahren.
Beauregard 25.07.2016
2. investieren
evtl der richtige Zeitpunkt um in Immobilien in England zu investieren...
joG 25.07.2016
3. Eine schwache Währung.....
....ist ein guter Motor für die Wirtschaft. Der deutsche Export lebt durch den krisengeschwächten Euro gut seit einiger Zeit. Ohne dem mit den daher zu tiefen Zinsen ginge es uns wenig gut.
Europäer1992 25.07.2016
4. @#1 ?Blaupause NL?
Das mögen Sie sich vielleicht noch so wünschen, wird es aber nicht. Wir sind Europäer in Europa. Einfach mal die Bevölkerungsentwicklung der letzten 100 Jahre auf dem Planeten (oder die größten Städte der Welt damals und heute) ansehen, dann ist klar, wo die Reise hingeht. Wir verspielen mit unseren lächerlichen Brexit-Spielchen in Europa nur wichtige Zeit, bevor den Ton auf dem Planeten tatsächlich andere angeben.
mhwse 25.07.2016
5. Ob Sie da als Ausländer
Zitat von Beauregardevtl der richtige Zeitpunkt um in Immobilien in England zu investieren...
noch Grunderwerb tätigen dürfen - bzw. ob nach vollzogenem Brexit noch Anrechte auf den erworbenen Grund haben .. Ggf. können Sie die Rechte einklagen - als Ausländer, ein teurer Spass .. bleibt also der Binnenmarkt, dazu müsste dann die Fortpflanzungsrate hochgehen - bei schlechter Wirtschaftslage, bzw. Aussicht auf geringes Wachstum im gebildeten einkommensstarken Bürgertum, eher unwahrscheinlich. .. dream on ..
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