Brexit-Schock Deutsche Unternehmen erwarten Exporteinbruch

Das EU-Austrittsvotum zeigt erste Effekte auf die deutsche Wirtschaft. Der Spitzenverband DIHK korrigiert seine Prognose: Er erwartet statt eines Zuwachses der Exporte einen Rückgang.

Mitarbeiter der MAN Turbo an einer Dampfturbine
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Mitarbeiter der MAN Turbo an einer Dampfturbine


Der Schock des EU-Austrittvotums der Briten hat die deutsche Wirtschaft erfasst: Einen kräftigen Rückgang der deutschen Exporte nach Großbritannien erwartet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Hatte der Spitzenverband noch vor Kurzem ein deutliches Exportplus von fünf Prozent in diesem Jahr erwartet, so geht er jetzt von einem Minus von einem Prozent in diesem und fünf Prozent im nächsten Jahr aus. "Der Brexit schadet auf Dauer der deutschen Wirtschaft", sagte Verbandspräsident Eric Schweitzer.

Die Zahlen des DIHK konterkarieren die Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die keine grundlegenden Nachteile für die deutsche Wirtschaft durch das Brexit-Votum ausmacht. Die Unsicherheiten hielten sich "in Grenzen", sagte sie.

Wie stark die Austrittspläne in Großbritannien Deutschland treffen können, belegt eine DIHK-Blitzumfrage unter gut 5600 Firmen. Danach planen viele deutsche Unternehmen bei Töchtern in Großbritannien nun Personalabbau und eine Kürzung der Investitionen. Die DIHK-Analyse ist die erste große deutsche Firmenumfrage nach dem EU-Votum.

Großbritannien ist für die deutschen Exporteure der drittwichtigste Markt nach den USA und Frankreich. Vergangenes Jahr lieferten hiesige Unternehmen Waren und Güter im Wert von knapp 90 Milliarden Euro in das Vereinigte Königreich. Auch bei den Importen rangiert das Land für deutsche Firmen unter den zehn größten Nationen.

Nach der Brexit-Entscheidung könnte sich das schnell ändern: "Die Unternehmen exportieren weniger nach Großbritannien, wollen ihre Investitionen und Beschäftigungspläne auf der Insel zurückfahren und fürchten mehr Handelshemmnisse", sagte DIHK-Chef Schweitzer. Anlass für die Prognoserevision des DIHK sind die kräftige Abwertung des britischen Pfunds seit dem Brexit-Votum und die Schwächung der Wirtschaftsaussichten Großbritanniens durch das geplante Ausscheiden aus der EU.

Aus Sicht der deutschen Wirtschaft sei nun wichtig, das bei den Verhandlungen über die Trennung von der EU "die richtige Balance" gefunden werde, um weiter für gute Handelsbeziehungen zu sorgen und einen funktionierenden europäischen Binnenmarkt zu sichern, betonte Schweitzer. Eine "Rosinenpickerei" dürfe es für die Briten nicht geben.

Geringere Investitionen in Großbritannien geplant

Unter den befragten deutschen Unternehmen erwarten 51 Prozent längerfristig Einbußen im Exportgeschäft. Mit weniger Exporten in das Land in der zweijährigen Phase der Trennungsverhandlungen rechnen 27 Prozent der Firmen. "Die politische und rechtliche Unsicherheit führt bereits in der Übergangszeit bei jedem vierten Unternehmen zu sinkenden Ausfuhren nach Großbritannien", sagte Schweitzer.

Die deutschen Unternehmen wollen bei einem EU-Austritt der Briten ihre Investitionen im Königreich zurückfahren und dort teils weniger Mitarbeiter beschäftigten. Mehr als ein Drittel der Firmen mit Tochterunternehmen, Zweigstellen oder Filialen im Vereinigten Königreich planen, ihre Investitionsbudgets zu senken. 26 Prozent erwarten zudem einen Personalabbau in Großbritannien.

Andererseits wollen gut ein Fünftel der britischen Konzerne die Investitionen in Deutschland nun hochfahren und knapp ein Fünftel auch mehr Personal bei ihren Tochterfirmen und Zweistellen in Deutschland einstellen. "Welche genauen Auswirkungen der Brexit für Unternehmen im In- und Ausland hat, ist derzeit noch nicht abschließend absehbar", analysierte der DIHK. Viel hänge von den anstehenden Austrittsverhandlungen ab. Schon jetzt sei aber festzustellen: "Die Unsicherheit ist mit Händen zu greifen und wirkt kurzfristig als Dämpfer für die Konjunktur".

kig/Reuters/dpa



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furorteutonikus 07.07.2016
1. Angstmacherei
Zum Einen handelt es sich um eine Erwartung, zum Anderen ist es reine Angstmacherei. Das sind dieselben Sprachrohre, die auch aufgrund einer Vereinheitlichung von einem Karton TTIP und CETA befürworten, aber die Grundsätze der Demokratie und des Vorsorgeprinzips ausser Acht lassen. Im Export hat es schon immer Schwankungen gegeben; mal mehr, mal weniger. Zudem sollte hier auch noch bedacht werden dass etliche Firmen aufgrund z.B. der Russlandsanktionen sie in Russland selbst Töchter gegründet haben, um dort zu produzieren. Kein Wunder wenn anschließend der Export erst einmal zurück geht.
nic 07.07.2016
2.
(Dumping-) Gehälter und (Dumping-) Löhne hoch, im Gegenzug eventuell Mangergehälter bzw. (Eigentümer-) Gewinne runter und dann klappt es auch mit dem Binnenmarkt. Der kompensiert den ausbleibenden Export. Nur eins bitte nicht: Klagen über Exporteinbruch.
muellerthomas 07.07.2016
3.
hm, 2015 gingen 7,5% der deutschen Exporte nach Großbritannien. Wenn der DIHK nun einen Einbruch der deutschen Exporte um 5% erwartet, müsste der Export nach Grobritannien also drastisch zurückgehen, vermutlich in der Größenordnung 50%, damit dieser direkte Effekt und die indirekten Effekte, weil auch unsere anderen Handelspartner dann weniger dorthin exportieren und somit letztlich auch weniger importieren sich auf 5% summiert. Schwer vorstellbar, zumal für mich nicht ersichtlich ist, wieso Großbritannien nun plötzlich so viel weniger importieren sollte. Werden dort keine Autos, Medikamente, Möbel mehr nachgefragt?
C-Hochwald 07.07.2016
4. Bild zum Artikel
Wenn es um Berichte zu Exporten deutscher Unternehmen geht, werden auf SPON, aber auch anderen Medien oft Bilder von Dampf- oder Gasturbinen für Großkraftwerke gezeigt, welche fossile oder nukleare Primärenergieträger zur Gewinnung elektrischer Enerige verwenden. Hierzu ist anzumerken, dass diese Branche in Deutschland wegen der Energiewende, und nicht wegen des Brexits, über die letzten 6 Jahre einen drastischen Auftrags- und Arbeitsplatzeinbruch zu verzeichnen hatte. Dies wird sich in den kommenden Jahren weiter fortsetzen. Diese Verluste betreffen Tausende Arbeitsplätze bei den Großkonzernen Siemens, Alstom und General Electric.
honey_d 07.07.2016
5. Ist das nicht irgendwie logisch?
"Danach planen viele deutsche Unternehmen bei Töchtern in Großbritannien nun Personalabbau und eine Kürzung der Investitionen." Wenn unternehmen das schon planen, ist es dann nicht logisch, dass darauf ein Exporteinbruch folgt? Der Titel hört sich dagegen so an, als ob das *gegen* deren Willen passieren würde. Na wat denn nu?
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