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Britische Autoindustrie: Brexit-Angst in Solihull

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Angst in der britischen Autoindustrie "Das mit dem Brexit ist alles Bullshit"

Die britische Autoindustrie lebt von Exporten - doch der Brexit könnte den Aufschwung der Branche gefährden. Ein Besuch in der Arbeiterstadt Solihull, in der sich viele Menschen sorgen.

Die beiden Mitarbeiter empfangen im Besucherzentrum, ein moderner, repräsentativer Glasbau mit Blick auf einen Parkplatz voller glänzender Autos. Es gibt Kaffee und eine auf Papier gedruckte Luftaufnahme des Werksgeländes: große und kleine Hallendächer sind darauf zu sehen, eine "Erlebnisstrecke", ein Fußballfeld.

Es ist eine gigantische Anlage, in der Jaguar Land Rover seine Autos baut - hier, am Rand von Solihull, einer mittelgroßen Arbeiterstadt in den englischen West Midlands, nicht weit von Birmingham entfernt. Gut 90.000 Einwohner, Fachwerkhäuser - aber vor allem: JLR, wie hier alle das Unternehmen nennen.

Das Stammwerk des größten britischen Autoherstellers liegt eingebettet zwischen Wohngebiet und Feldern, fast so als wäre es schon immer da gewesen, und könnte für immer bleiben. Dieses Gefühl wollen sie hier gerne vermitteln. Gerade jetzt.

Besucherzentrum

Besucherzentrum

Foto: Google Maps Street View

Denn Solihull und Jaguar Land Rover, das ist eine Geschichte mit zwei Seiten. Eine Geschichte, wie man sie über all die Hochburgen der britischen Automobilindustrie erzählen könnte, über Sunderland, über Coventry, über Luton. Sie handelt von Tradition - aber auch von Abhängigkeit und der unsicheren Frage: Wie geht es weiter?

Jeder dritte Wagen ins EU-Ausland

Das Brexit-Votum bei der Volksabstimmung im Juni hat viel durcheinander gebracht. Vor allem in der Autoindustrie herrschen seit Monaten große Sorgen. Die Branche lebt auch von ihren Exporten. Große Firmen produzieren hier: Honda, Toyota, Nissan, die Volkswagen-Tochter Bentley, Vauxhall, BMW mit Mini und Rolls Royce. 2015 wurde fast jeder dritte auf der Insel hergestellte Wagen ins EU-Ausland geliefert. Was, wenn nach einem EU-Austritt des Königreichs Zölle alles teurer machen? Wenn die Einfuhr wichtiger Bauteile schwieriger und die Beschäftigung ausländischer Experten komplizierter wird?

Nissan-Chef Carlos Ghosn hat vor einiger Zeit gewarnt, künftig seine Autos auch woanders produzieren zu lassen. Bei Toyota drohte man, alles zu unternehmen, "was nötig ist", um Verluste zu vermeiden. Und der deutsche Chef von Jaguar Land Rover, Ralf Speth, erklärte, sein Unternehmen werde womöglich die Investitionen in Großbritannien überdenken.

Fußgängerzone von Solihull

Fußgängerzone von Solihull

Foto: SPIEGEL ONLINE

In Solihull zeichnen sie ein anderes Bild. "Für uns hat sich hier nichts verändert", sagt einer der Mitarbeiter im Besucherzentrum, ein Pressesprecher. Seit mehr als 70 Jahren laufen hier Autos vom Band. Nach der Übernahme durch den indischen Tata-Konzern haben die Briten in den vergangenen Jahren mehrere Milliarden Pfund in das Werk gesteckt. In einer neuen Halle bauen jetzt Hunderte Roboter Aluminiumteile für Sportwagen zusammen. Insgesamt etwa 10.700 Menschen arbeiten hier. Kann das so bleiben?

"Business as usual"

Der Firmensprecher gibt sich entspannt: Klar, man wolle auch künftig zollfreien Handel mit der EU, man sei gegen weitere Einschränkungen für Fachkräfte aus dem Ausland. Aber im Moment? "Business as usual", sagt er.

"Natürlich habe ich Angst um meinen Job", sagt ein Arbeiter.

Der 24-Jährige steht an einer vierspurigen Straße, das Werkstor im Rücken. Es ist kühl an diesem Novembertag, sein Kinn verschwindet hinter dem Kragen der neongelben Firmenjacke, die Wollmütze hat er tief in die Stirn gezogen. "Ich sage Ihnen, wie es ist", zischt der junge Mann, während er sich eine Zigarette dreht. "Das mit dem Brexit ist alles Bullshit."

Seit zwei Jahren arbeite er in der Fabrik, erzählt er. Jetzt sorge er sich, dass es mit der Firma, ja, dass es mit dem ganzen Land bergab gehe. "Wir brauchen Hilfe."

Werksgelände

Werksgelände

Foto: Jaguar Land Rover

Aushängeschild fürs Land, Sicherheit vor Ort

800.000 Menschen sind in der britischen Autoindustrie beschäftigt. Lag sie in den Achtzigerjahren noch am Boden, erlebt sie seit einiger Zeit einen kräftigen Aufschwung. In der ersten Hälfte des Jahres wurden so viele Autos im Königreich gebaut, wie seit 2000 nicht mehr. Die Branche steuerte zuletzt zwölf Prozent des britischen Exports bei. Für Großbritannien ist sie wieder ein Aushängeschild.

Für Solihull ist sie Sicherheit.

Die Lobby eines Bürohauses, etwa 20 Autominuten vom Werk entfernt. Nick Stephens, grauer Schnauzer, rundliches Gesicht, sinkt vorsichtig in einen etwas zu tiefen Sessel. In Birmingham arbeitet der 58-Jährige als Banker. Ansonsten ist er Chef der örtlichen Labour-Partei in Solihull. Die möglichen Brexit-Folgen, sagt der Lokalpolitiker, seien das zentrale Thema für die Stadt.

"Die Unsicherheit ist das Schlimmste. Wir wissen nicht, wie es weitergeht, ob Arbeitsplätze verloren gehen", sagt er. "Wenn sich JLR hier zurückzieht, wäre das verheerend für die Region." Ob er das tatsächlich für möglich hält? Stephens zuckt mit den Schultern. "Wir haben so etwas schon einmal erlebt." Rover hatte einst seinen Sitz in Solihull, dann ging das Unternehmen pleite.

Nick Stephens

Nick Stephens

Foto: SPIEGEL ONLINE

Es gibt nun jede Menge Hinterzimmergespräche zwischen Unternehmen und Regierung, die verhindern sollen, dass sich solche Geschichten in Großbritannien wiederholen. Mitunter mit eigenwilligem Ausgang. Kürzlich verkündete Nissan, man werde weiterhin in Sunderland produzieren.

Was genau die Japaner mit Westminster vereinbart haben, ist bis heute nicht klar. Wirtschaftsminister Greg Clark erklärte für die Regierung lediglich, man habe zugesichert, sich für einen Zugang zu den europäischen Märkten ohne Zölle und bürokratische Hürden einzusetzen. Kritiker vermuten einen konkreten Deal. Nissan hatte zuvor gefordert, für neue Kosten bei einem Brexit entschädigt zu werden.

Bei Jaguar Land Rover beobachtet man das genau. Medien berichten, im Unternehmen sei man zuversichtlich. Offenbar vertraut man darauf, notfalls eine ähnliche Lösung herauszuschlagen. Offiziell heißt es, man führe Gespräche. Zum Fall Nissan will sich der Konzern nicht äußern.

Taktiererei und Muskelspiele

Das Brexit-Referendum hat zu Taktiererei und zu Muskelspielen in der Branche geführt. Bis klar ist, welche Bedingungen die Firmen in Großbritannien nach einem möglichen EU-Austritt vorfinden, dürfte noch viel Zeit vergehen. Die Leidtragenden sind die Arbeitnehmer. Für sie bleibt die Ungewissheit. Meistens zumindest.

Schichtwechsel am Werk in Solihull. Immer mehr Männer und Frauen strömen zur Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite. Marc ist 43 Jahre alt, 1995 hat er hier angefangen, damals noch bei Rover. "Ich habe dafür gestimmt", sagt er und meint den Brexit. Der Ausländer wegen. Damit gehört Marc zur Mehrheit der Wähler in der Gegend, obwohl gerade hier der EU-Austritt so schmerzhaft wäre - eine der Absurditäten bei von Populisten geprägten Abstimmungen.

Um seinen Arbeitgeber macht sich Marc dagegen keine Sorgen. "Schauen Sie sich doch an, was die hier reingesteckt haben", sagt er und deutet in Richtung Werk. "Das werden meine Kinder noch genauso erleben." Warum er sich da so sicher ist? "Ich glaube eben daran", sagt Marc. Ein gutes Gefühl können sie brauchen in Solihull. Gerade jetzt.

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