"Tod durch tausend Einschnitte" Harter Brexit könnte britische Autoproduktion halbieren

Großbritanniens zukünftiges Verhältnis zur EU ist weiter ungewiss, die Schäden durch den Brexit aber sind schon sehr konkret: Die Investitionen in britische Fabriken sind bereits drastisch eingebrochen - neue Aufträge gehen ins Ausland.

Nissan-Arbeiter im Werk Sunderland
Nigel Roddis / REUTERS

Nissan-Arbeiter im Werk Sunderland


Auf den letzten Drücker hat die Politik noch einmal das - aus Sicht der Wirtschaft - schlimmste Szenario abgewendet, einen harten Brexit. Doch der dramatische Abstimmungs- und Verhandlungsmarathon der vergangenen Monate hinterlässt schon jetzt sichtbare Spuren in der Wirtschaft.

Eine Untersuchung der Universität Oxford zeigt das am Beispiel der britischen Autoindustrie ("Tod durch tausend Einschnitte: Strategischer Ausblick der britischen Autoindustrie") . Dort sind die Investitionen seit 2016 - dem Jahr der Volksabstimmung über den Brexit - um 80 Prozent zurückgegangen. Aller Voraussicht nach werde das "irreversible Folgen" für die Branche haben, so Studienautor Matthias Holweg.

Grund dafür sind die Produktzyklen: Etwa zwei Jahre vor dem Auslaufen der Produktion eines Pkw-Modells vergeben die Konzerne die Produktionsaufträge für die Nachfolgermodelle, die oft auf der ganzen Welt verstreuten Standorte konkurrieren darum. "Seit dem Brexit-Referendum sind von den großen Entscheidungen alle bis auf eine gegen Großbritannien ausgefallen", schreibt Holweg.

- Daimler hat sein Gemeinschaftsprojekt mit Nissan in Sunderland gekippt,

- Jaguar Land Rover hat die Fertigung des SUV Discovery an ein Werk in der Slowakei vergeben,

- Honda schließt seine Fabrik in Swindon,

- Nissan lässt seinen X-Trail doch in Japan bauen.

Lediglich Toyota habe angekündigt, den Corolla estate in Großbritannien bauen zu lassen. Dadurch würden allerdings "weder neue Beschäftigung, noch signifikante zusätzliche Investitionen entstehen". Es bestehe die Gefahr einer sukzessiven "Aushöhlung" der lokalen Produktionsbasis. Das werde auch negative Folgen für andere, verwandte Industriebereiche haben, etwa den Flugzeugbau und die Rüstung.

Bereits in den vergangenen drei Jahren ist die britische Autoproduktion der Oxford-Erhebung zufolge um 17,4 Prozent von 1,7 Millionen auf weniger als 1,5 Millionen Fahrzeuge gesunken. Im Falle eines harten Brexits könnte es noch deutlich schlimmer kommen. 2026 könnte die Pkw-Fertigung auf etwa 900.000 Autos sinken.

Autos in die EU verkaufen würde sich nicht mehr lohnen

Berechnet hat Oxford-Professor Holweg dieses Szenario auf Basis der Zölle und Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Sie würden greifen, sollten sich Großbritannien und die EU auf kein Abkommen und an den Brexit anschließende Handelserleichterungen einigen können.

Im Schnitt werden rund 56 Prozent der Bauteile der britischen Autoindustrie derzeit importiert. Unter WTO-Regeln würden darauf Zölle in Höhe von 4,5 Prozent erhoben werden. Der Studie zufolge würde das die Gewinnmarge der britischen Fabriken allerdings nur unwesentlich drücken.

Schwerwiegender wären die zu erwartenden Absatzprobleme der in Großbritannien gefertigten Wagen. Bislang wurden acht von zehn in britischen Fabriken gebaute Pkw exportiert, mehr als die Hälfte davon in die EU. Auf diese würden dann aber mit einem Schlag WTO-Zölle in Höhe von zehn Prozent fällig. "Das entspricht mehr oder weniger der durchschnittlichen Profitspanne", schreibt Auto-Experte Holweg.

Anders gesagt: Ohne Handelsabkommen oder Zollunion würde sich das Verkaufen von Autos in der EU für die Briten kaum noch lohnen.

beb

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