Vor Brexit-Gesprächen Unternehmerverband warnt vor "Desaster" bei No-Deal-Austritt

Erstmals trifft sich der britische Premier Johnson mit EU-Kommissionschef Juncker in Sachen Brexit. Unternehmer appellieren an beide, "alles Vernünftige zu versuchen".

Anti-Brexit-Demonstranten in Belfast: Nordirland-Frage als Knackpunkt
Liam Mcburney/DPA

Anti-Brexit-Demonstranten in Belfast: Nordirland-Frage als Knackpunkt


EU-Diplomaten rechnen zwar nicht mit einem Durchbruch, dennoch stehen die Brexit-Gespräche des britischen Premierministers Boris Johnson mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker unter besonderer Beobachtung. Beide treffen sich erstmals zu einem direkten Gespräch. Wirtschaftsvertreter verlangen dringend eine Einigung im Brexit-Streit.

Der Unternehmerverband BusinessEurope forderte, einen britischen EU-Austritt ohne Vertrag definitiv auszuschließen, weil er für Bürger und Wirtschaft auf beiden Seiten ein "Desaster" wäre. Nach einem harten Bruch würden Waren schwieriger erhältlich und teurer, auch das Reisen würde komplizierter, warnte der Verband.

"Wir müssen einen glatten Übergang von der heutigen zur künftigen Beziehung zwischen der EU und Großbritannien sicherstellen, mit einem klaren Rahmenvertrag, der Bürgern und Unternehmen Zuversicht gibt", sagte Verbandschef Markus Beyrer. "Wir fordern beide Seiten auf, alles Vernünftige zu versuchen und einen konstruktiven Dialog zu führen, um einen No-Deal abzuwenden."

Die Unsicherheit bei einer weiteren Verschiebung des Brexits sei zwar nicht ideal, sollte aber dennoch in Erwägung gezogen werden, teilte der Verband mit. Vorteil für Bürger und Wirtschaft bei einem geregelten Austritt wäre die im Vertrag vorgesehene Übergangsfrist bis Ende 2020, in der sich zunächst praktisch nichts ändert. In der Zeit wollen beide Seiten ihre künftigen Beziehungen aushandeln.

Handelskammer korrigiert Wachstumsprognose nach unten

In der Wirtschaft wächst derweil die Verunsicherung. Die britische Handelskammer hat wegen des Brexit-Pokers, der mauen globalen Konjunktur und anhaltender Handelsstreitigkeiten ihre Prognosen für das britische Wirtschaftswachstum heruntergeschraubt.

Der Verband erwartet, dass die britische Wirtschaft in diesem Jahr um 1,2 Prozent wächst, im nächsten Jahr nur noch um 0,8 Prozent. Das wäre die geringste Wachstumsrate seit der Rezession in den Jahren 2008/2009. Nicht berücksichtigt in der Prognose sei die Möglichkeit, dass Großbritannien einen harten Brexit am 31. Oktober nicht verhindern könne.

Aus britischen Regierungskreisen hieß es, die Regierung strebe weiter ein Abkommen an. Johnson will demnach in dem Gespräch aber bekräftigen, dass er eine weitere Verlängerung der Brexit-Frist ablehnen werde, sollte sie angeboten werden.

Der Premier will das fertige EU-Austrittsabkommen ändern, was die Europäische Union bislang ablehnt. Sollte keine Einigung gelingen, droht Johnson mit einem ungeregelten Brexit Ende Oktober - und das, obwohl das britische Parlament keinen No-Deal will und für den Notfall verlangt, eine weitere Verlängerung der Austrittsfrist zu beantragen.

Knackpunkt ist die Frage, wie trotz des Brexits eine feste EU-Außengrenze zwischen Irland und dem britischen Nordirland vermieden werden kann. Denn eine erneute Teilung der erst vor gut 20 Jahren befriedeten Insel könnte Unruhen auslösen.

Merck stockt Arzneimittelbestände auf

Neben der Nordirlandfrage gibt es auch Sorgen wegen möglicher Versorgungsengpässe. So hat der Chemie- und Pharmakonzern Merck die lokalen Arzneilager für den Fall eines ungeordneten Brexits aufgestockt.

Pro Monat würden 45 Millionen Packungen Medikamente aus Großbritannien in die EU gebracht, 35 Millionen gingen umgekehrt auf die Insel, sagte Merck-Chef Stefan Oschmann. "Es wäre nicht auszudenken, wenn es zu langwierigen Grenzkontrollen käme und Patienten wichtige Medikamente fehlten."

Bei einem Brexit ohne Abkommen mit Brüssel ist die Versorgung mit Arzneien in Großbritannien eine der großen Sorgen. Während das Bundesgesundheitsministerium keine Hinweise auf Medikamentenengpässe in Deutschland sieht, gab es in Großbritannien wiederholt Warnungen davor - zuletzt in internen "Yellowhammer"-Dokumenten der Regierung in London. Das Vereinigte Königreich ist einer der größten Abnehmer deutscher Arzneien. Der Pharmahandel mit der EU ist 2018 laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) bereits eingebrochen.

mmq/dpa/Reuters

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proffessor_hugo 16.09.2019
1.
das verstehe ich einfach nicht. Gerade die hyper-reiche Oberschicht (= also die Unternehmer) will doch a tout prix den Brexit Jetzt nicht mehr lange fackeln - die Briten müssen nun endlich raus - die Visegrad-Statten möglichst gleich mit. Erst dann ist eine weitere Integration Europas möglich - ein Europa nicht der "Nationalstaaten" (eh eine Erfindung der von Napoleon vertriebenen Adligen), sondern der Regionen !
cucaracho_enojado 16.09.2019
2. Glatter Übergang ...
"Wir fordern beide Seiten auf, alles Vernünftige zu versuchen und einen konstruktiven Dialog zu führen, um einen No-Deal abzuwenden". - Hallo?! "Beide" Seiten? Immer noch? Der Stein wurde durch Lügen ins Rollen gebracht, und wir hangeln jetzt an der Katastrophe entlang AUSSCHLIESSLICH weil die Brexiter 'was Besseres' haben wollen. 'Bessere' Bedingungen, als sie selber JEDEM ANDEREN Land zugestanden haben (sie haben die bestehenden Modelle - von Schweiz bis Türkei, ... - maßgeblich mitverhandelt!). Nein, sogar NOCH besser: 'Besser' als die Bedingungen, die die EU von sich selbst verlangt - aber wir sind eben nicht NUR ein 'Wirtschafts-Club'. Wo bitte ist also das "alles Vernünftige" eher Mangelware? :-D
mit66jahren 16.09.2019
3. Das Brexit Kräftemessen
Der Unternehmerverband BusinessEurope spricht nun von einem beidseitigen Desaster bei einem No-Deal Brexit. Bislang war zu hören, dass in einem solchen Fall die Briten die Hauptleidtragenden wären. Das ist ein gewisser Unterschied in der Betrachtungsweise. Auch konnte man den Eindruck haben, Johnson kämpfe in erster Linie gegen die oppositionelle Labor Party im Land. Beim Brexit ringt er natürlich mit den Mächtigen der EU. Sollte es zu einem für beide Seiten unangenehmen No-Deal Brexit kommen, wird man dies nicht allein den Briten anlasten können.
Ezechiel 16.09.2019
4. "alles Vernünftige zu versuchen, damit ...."
Das ist meines Erachtens ein neuer Apell an die EU nachzugeben. Den Unternehmen sind sie Verwerfungen die dadurch innerhalb der Rest-EU entstehen könnten egal. Hauptsache der "Schaden" hält sich für sie in Grenzen. Deutschland könnte ja auch kleine interne EU-Rebellionen mit Steuergeld beruhigen. Am besten durch das anheben der Lohn-/Einkommen-Steuersätze bei den kleinen und mittleren Einkommen. Das ist Unternehmer-Gedankengut.
nc-winklema19 16.09.2019
5. Nach dem Brexit
In Anbetracht der völlig festgefahrenen, anscheinend nicht mehr vernünftig zu lösenden Brexit-Problematik, kehrt die Vernunft auf beiden Seiten womöglich erst nach dem 31.10.2019 schnell wieder zurück.
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