Reaktionen auf Brexit-Deal Spekulanten wetten auf Absturz des Pfunds

Der Brexit-Deal sorgt an den Finanzmärkten für Turbulenzen: Währungen fallen, Hedgefonds wittern Chancen. Aus den europäischen Hauptstädten kommt Zustimmung, Unternehmen sehen noch Lücken.

Brexit-Gegner in London
AP

Brexit-Gegner in London


Der Euro ist nur zeitweise durch politische Turbulenzen in Großbritannien belastet worden. Nach mehreren Rücktritten britischer Regierungsmitglieder fiel die Gemeinschaftswährung bis auf 1,127 US-Dollar, erholte sich aber wieder auf zuletzt 1,131 Dollar.

Das britische Pfund wurde hingegen nachhaltig geschwächt: Sowohl zum US-Dollar als auch zum Euro verlor das Pfund 1,3 Prozent an Wert. Seit dem Brexit-Referendum vom Juni 2016 wertete das Pfund von rund 1,50 Dollar auf aktuell 1,28 Dollar ab. Sollte es am Ende zu einem harten Brexit kommen, also einem Ausstieg ohne konkrete Regelungen, könnte der Kurs des Pfund noch stärker fallen, prognostizieren Experten.

Bankanalysten kommentierten die Rücktritte vor allem mit Blick auf die ohnehin fragliche Zustimmung des britischen Parlaments zum Brexit-Vertragsentwurf. Die politischen Unruhen würden eine Zustimmung des britischen Unterhauses erschweren.

Für Hedgefonds sind die Unsicherheiten und die Gefahr eines No-Deal-Brexit ein gefundenes Fressen: Die Wetten auf einen weiteren Kursrutsch des Pfunds haben in den vergangenen Tagen deutlich zugenommen, wie Daten der US-Derivateaufsicht CFTC für die vergangene Woche zeigen. Insgesamt setzen die Spekulanten 4,6 Milliarden Dollar darauf, dass der Kurs der britischen Währung fällt.

Industrie ist noch nicht beruhigt

Der europäische Flugzeughersteller Airbus begrüßt den Vertragsentwurf. Generaldirektor Tom Enders fügte aber hinzu: "Wir hoffen, dass weiter Klarheit geschaffen wird und Unsicherheiten so schnell wie möglich beseitigt werden, sodass Airbus wie alle anderen Unternehmen im Vereinten Königsreich angemessen für die Zukunft planen kann."

Für den Chef des Luxusauto-Produzenten Aston Martin, Andy Palmer, sind die Brexit-Vereinbarungen derzeit lediglich "gut genug". Das Unternehmen werde weiterhin einen Notfallplan für den Fall eines No-Deal-Brexit ausarbeiten.

Auch der Autohersteller BMW bereitet sich weiter auf einen sogenannten "harten Brexit" vor. Die mit der EU getroffene Vereinbarung sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, hieß es in einer Mitteilung. Die politische Lage sei nach den Protest-Rücktritten britischer Minister aber ungewiss. "Unsicherheit ist nicht gut für das Geschäft." Als ein verantwortungsvoller Arbeitgeber müsse BMW sich weiter auf das "denkbar schlimmste Szenario" vorbereiten, nämlich auf einen No-Deal-Brexit. "Wir appellieren weiter an alle Seiten, auf eine Schlussvereinbarung hinzuarbeiten, die einen wirklich reibungslosen Handel ermöglicht, auf dem unser Produktionsnetzwerk beruht."

Der Chef des Handelsverbandes der britischen Automobilindustrie (SMMT), Mike Hawes, befand die Rahmenvereinbarung als "positiven Schritt", um einen harten Brexit zu vermeiden. Es sei jedoch nur ein erster Schritt und Unternehmen bräuchten Sicherheit und ehrgeizige Bestrebungen, um eine wettbewerbsfähige Zukunft sicherzustellen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zeigte sich beunruhigt über die Lage in Großbritannien angesichts des Streits in der britischen Regierung. "Es gibt keine Entwarnung", erklärte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Ob es zur Ratifizierung des Verhandlungsergebnisses zwischen Brüssel und London komme, sei sehr unsicher. Lang warnte weiter, dass ein ungeregeltes Ausscheiden Großbritanniens aus der EU ohne ein Abkommen "desaströs" wäre.

Regierungen sind positiv gestimmt

Die europäischen Regierungen begrüßen die Vereinbarungen mehrheitlich: Spanien ist froh, dass in der Brexit-Vereinbarung auch eine Absprache zu Gibraltar enthalten ist. Das Abkommen sei positiv für die Arbeitnehmer und Einwohner der kleinen Halbinsel, sagt EU-Staatssekretär Luis Marco Aguiriano Nalda. Spanien habe seine Ansprüche auf Gibraltar jedoch nicht aufgegeben.

Zypern wiederum will seine engen historischen, ökonomischen und sozialen Beziehungen zu Großbritannien weiter stärken, sagte Präsident Nicos Anastasiades. Er begrüßte, dass in den zwei britischen Militärbasen auf Zypern weiterhin EU-Recht gelten solle.

Auch Rumänien befürwortete die Vereinbarung, durch die Hunderttausenden in Großbritannien lebenden Rumänen Sicherheit zugesagt wurde. Obwohl lediglich 190.000 Rumänen offiziell in Großbritannien registriert sind, schätzen rumänische Beamte die Zahl der in dem Land lebenden Rumänen auf eine halbe Million.

mal/AP/AFP/dpa/Reuters



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