Immobilienmarkt vor dem Brexit Londons Luxustürme wackeln

In kaum einer Branche hat sich der Brexit so früh bemerkbar gemacht wie am Immobilienmarkt. Fallende Preise bedrohen das Milliardengeschäft mit Londoner Luxuswohnungen. Für junge Briten aber sind sie eine Chance.

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Von , London


Seit einiger Zeit machen David Salvi und seine Mitarbeiter beunruhigende Beobachtungen. "Wir sehen, dass mehr Leute bei Maklern um eine Neubewertung ihrer Immobilie bitten", erzählt der Besitzer und Geschäftsführer der Londoner Maklerfirma Hurford Salvi Carr. Eigentümer aus dem Rest von Europa prüften, ob sie zurück in die Heimat ziehen. Zugleich gebe es "einen kontinuierlichen Rückgang von Käufern - was hart ist, da ohnehin nur wenige kaufen".

Britische Immobilien gehörten zu den ersten Märkten, auf denen sich der bevorstehende Brexit bemerkbar machte. Seit dem Ja zum EU-Austritt im Sommer 2016 stagnieren oder sinken vielerorts die Preise, auch in der britischen Hauptstadt. Dabei war London lange geradezu das Synonym für einen boomenden Immobilienmarkt, angetrieben von einer kaufkräftigen Klientel aus aller Welt.

Die typischen Kunden von Salvi sind kinderlos, beide berufstätig und können für eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern bis zu eine Million Pfund ausgeben. Doch die Interessenten werden zögerlicher. "Wir stecken seit vier Jahren in einem rückläufigen Markt", klagt der Makler. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Immobilienblase nach dem Brexit platzt? Oder ist es doch eher eine sanfte Korrektur von völlig überteuerten Preisen?

Immobilienmakler Salvi
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Immobilienmakler Salvi

Von einer Immobilienkrise ist in London auf den ersten Blick jedenfalls nichts zu sehen. An allen Ecken wird gebaut, in diesem Jahr sollen in der Stadt so viele Wolkenkratzer entstehen wie nie zuvor. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass sich die Stimmung dreht. Und es gibt Menschen, die darüber nicht unglücklich sind.


Noch ein Turm für die Reichen


Wenn die Security wollte, könnte sie den Besucher einfach aus dem Viertel schmeißen; schließlich ist das alles hier Privatgelände. Mit diesem Hinweis eröffnet Mikolaj Orzazewski das Werbegespräch im Geschäftsviertel Canary Wharf. In dem Bürogebäudekomplex an der Themse haben sich Großbanken wie HSBC, Citigroup oder Morgan Stanley niedergelassen, tagsüber arbeiten hier mehr als 100.000 Menschen. Wer es sich leisten kann, der bleibt auch nachts hier - in der eigenen Wohnung.

Gleich mehrere Wohntürme mit Luxuswohnungen werden derzeit um die Canary Wharf herum hochgezogen. Einer davon sieht aus, als habe ein Kind Bauklötze im Kreis gestapelt: One Park Drive stammt vom Schweizer Büro Herzog & de Meuron, das auch die Hamburger Elbphilharmonie entworfen hat, und soll auf 58 Stockwerken fast 500 Wohnungen bieten. Orzazewski, ein junger Pole, wirbt in einem nahe gelegenen Verkaufsbüro um Käufer.

Baustelle von One Park Drive
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Baustelle von One Park Drive

"Wir haben ein paar Kunden, die sich Sorgen wegen des Brexits machen", sagt er. Rund 70 Prozent der Wohnungen seien aber schon vergeben. Zu den künftigen Bewohnern gehören beispielsweise der Banker Geff Parsons und sein Ehemann Kevin Tang, ein Immobilienentwickler und Investor. Sie werden in den höchsten Teil des Turms ziehen, wo 95 Quadratmeter für knapp 1,5 Millionen Pfund angeboten werden. Die neue Bleibe sei als Zweitwohnung gedacht, erzählte das Paar dem Lokalblatt "Wharf Life". Man pendle zwischen London und Vancouver.

"Dies sind Käufer, die ihre Häuser mit den weltweit besten Hotels vergleichen", heißt es in einer Veröffentlichung der Analysefirma LonRes über Londons heutige Premiumkunden. Im Vergleich zu früheren Generationen seien sie "jung, global, viel mobiler und immer reicher an Cash".

Investiert diese hochmobile Klientel ihr Geld bald woanders, weil die Bankenmetropole London durch den Brexit an Bedeutung verliert? Zumindest wird es auf dem Luxusmarkt schwerer, die gewünschten Preise zu erzielen. Laut Daten von LonRes wird heute bei jedem zweiten Geschäft in Londons Premiumlagen ein Rabatt gewährt, vor vier Jahren lag der Anteil noch halb so hoch. Die durchschnittliche Höhe der Rabatte hat sich im gleichen Zeitraum sogar verdreifacht.

Die veränderte Lage zieht Schnäppchenjäger an. So hat der Berliner Immobilienkonzern Grand City Property nach eigenen Angaben in letzter Zeit in London mehr als 800 Wohnungen gekauft und dabei teilweise Rabatte von 20 Prozent erzielt. Es sei ein "rein opportunistischer" Kauf gewesen, sagte Unternehmenschef Christian Windfuhr der "New York Times". Die Verkäufer, zu denen angeblich einige von Großbritanniens größten Bauunternehmen gehörten, hätten "unter Verkaufsdruck gestanden".

Immobilienhändler Salvi bezweifelt zwar, dass die Abschläge tatsächlich immer so groß sind wie von den Käufern behauptet. Aber auch er sagt: "Wir haben gehört, dass es in London ein, zwei sehr vertrauliche Massenverkäufe von Neubauten mit Rabatt gab." Und er ist sicher: "Wir werden mehr Transaktionen dieser Art erleben."


Hurra, die Preise fallen


Maren Evans (Name geändert) steht kurz vor ihrem persönlichen Immobiliendeal: Eine Wohnung in Londons Süden, gut 130 Quadratmeter, zwei Schlafzimmer, Parkett und Kamin für 350.000 Pfund. "Ich suche schon seit Jahren und habe so was noch nie gesehen", sagt die Deutsche, die mit einem Briten verheiratet ist und seit Kurzem auch die britische Staatsbürgerschaft hat.

Eine eigene Wohnung im teuren London war für das Paar lange kein Thema. Doch irgendwann begann Evans, den Markt zu studieren; lud sogar eine App herunter, die Preisveränderungen meldet. "Alle Preise gehen runter", hat sie beobachtet. Ihren wahren Namen will Evans vor Abschluss des Geschäfts dennoch lieber nicht genannt wissen, der britische Immobilienmarkt hat sie Vorsicht gelehrt. "Bis zum Tag der Schlüsselübergabe kann noch alles schiefgehen."

Das Eigenheim hat auf der Insel traditionell einen hohen Stellenwert. Zwei Drittel der Briten leben in selbst genutztem Wohneigentum, in Deutschland ist es nur jeder Zweite. "In Großbritannien gibt es diese Einstellung, dass du kein richtiger Erwachsener bist, bis du etwas kaufst", sagt Lianna Etkind. Die 34-Jährige arbeitet für eine gemeinnützige Stiftung, die erschwinglichen Wohnraum schafft. Wie rar der in London ist, weiß sie aus eigener Erfahrung.

In einer früheren Wohnung von Etkind und ihrem Partner Simon ging eine Badezimmerkachel kaputt, sie baten um Reparatur. Die Vermieterin reagierte, indem sie eine umfassende Renovierung ankündigte. Danach könnten beide gern wieder einziehen, allerdings werde die Miete um rund 350 Pfund höher liegen. Nun müsse sie leider erst einmal kündigen - was in Großbritannien mit Zweimonatsfrist und ohne Angabe von Gründen möglich ist. "Das wirkt sehr unfreundlich, nehmt es bitte nicht persönlich", schrieb die Frau zum Abschied.

Mieterin Etkind
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Mieterin Etkind

"Solange wir uns nichts kaufen können, werden wir immer von den Launen eines Vermieters abhängig sein", sagt Etkind. "Eine Reparatur anzumelden, wird sich immer ein bisschen riskant anfühlen."

Diese Erfahrung macht eine wachsende Zahl junger Briten. Über die vergangenen zehn Jahre stieg der Anteil der unter 34-Jährigen, die zur Miete wohnen, laut offiziellen Zahlen von 28 auf 44 Prozent, der Anteil der Gleichaltrigen in selbst genutztem Wohneigentum sank von 55 auf 38 Prozent. In Großbritannien spricht man schon von einer "Generation Miete".

Für diese Generation könnten fallende Preise zu einer Chance werden, wie sie Maren Evans schon ergriffen hat. Was aber wäre mit jenen, die schon zu höheren Preisen gekauft haben? Ihnen droht der Verlust von Vermögen.

Allerdings hat sich der britische Hausmarkt auch in anderer Hinsicht gewandelt: War es früher üblich, sich in jungen Jahren fürs Eigenheim hoch zu verschulden, sind die Käufer inzwischen vorsichtiger geworden: Nicht mal jeder dritte Hauskäufer hat noch eine Hypothek, früher waren es noch mehr als 40 Prozent. Zudem wurden die Kreditkonditionen seit der letzten Finanzkrise vor zehn Jahren verschärft. Auch deshalb dürfte ein Immobiliencrash diesmal weniger dramatische Folgen haben.

Lianna Etkind bleibt erst einmal Mieterin. Ihre jetzige Wohnung im südlichen Bezirk Lewisham ist zwar bescheiden und eher abgelegen, doch dafür hat sie nun einen freundlichen Vermieter. Als neulich die Toilette kaputtging, ließ er sie einfach so reparieren.


Alarm in Londons Kraftwerk


"Take back control", lautete ein Schlachtruf der Brexit-Vorkämpfer, sie wollten die Kontrolle über Großbritannien zurückerobern. Angesichts der chaotischen Austrittsverhandlungen aber wirkt das Land wie gelähmt, und sein Immobilienmarkt auch.

Am vergangenen Dienstag, als das Parlament zum wiederholten Mal den Brexit-Deal von Premierministerin Theresa May abschmetterte, veröffentlichte der Immobilienverband Royal Institution of Chartered Surveyors neue Zahlen. Demnach melden Immobiliensachverständige im ganzen Land weiter eine rückläufige Nachfrage. Als aktuell größtes Problem nannten 77 Prozent den Brexit.

Um Kontrolle über den Immobilienmarkt rangen die Briten allerdings schon vor dem EU-Referendum. So weitete die Regierung in den vergangenen Jahren mehrmals die Grunderwerbsteuern aus. Im Oktober vergangenen Jahres kündigte Premierministerin May dann einen zusätzlichen Aufschlag von drei Prozent für ausländische Käufer an. Zur Begründung sagte die Chefin der traditionell marktfreundlichen Konservativen, es sei "nicht recht, dass es für Individuen, die außerhalb des Vereinigten Königreichs leben, sowie ausländische Firmen genauso leicht ist, Häuser zu kaufen, wie für hart arbeitende Briten."

Immobilienmakler Salvi glaubt, dass diese Steuerpläne den Markt mehr verunsichert haben als der Brexit. Mays Ankündigung habe ausländische Investoren verschreckt, die durch die Abwertung des Pfunds derzeit eigentlich gute Geschäfte machen könnten. Die Regierung vertrete nun ebenso wie die oppositionelle Labour-Partei eine Vermieter- und investorenfeindliche Politik, weil sie auf die Stimmen von jungen Mietern schiele. "Über den Brexit hinaus konkurrieren die politischen Parteien schon um die nächste Generation von Wählern."

Eine Stimme in diesem politischen Wettkampf spricht Anfang März mit breitem Londoner Cockney-Akkzent in einem Luxushotel am Hyde Park: Darren Rodwell leitet den Gemeinderat von Barking and Dagenham, einem der ärmsten Bezirke der Hauptstadt. Zusammen mit anderen Politikern und Unternehmern diskutiert er auf Einladung des Immobiliennetzwerks Movers and Shakers die Frage, wie in London mehr bezahlbarer Wohnraum entstehen kann.

Labour-Politiker Rodwell (r.) und Bürgermeister Khan
imago/ZUMA Press

Labour-Politiker Rodwell (r.) und Bürgermeister Khan

Rodwell ist ein Labour-Politiker mit viel Arbeiterstolz. "Wir sind die Leute, die seit Generationen das Kraftwerk für London bilden", sagt er über seinen Stadtteil. Dennoch könnten es sich hier viele "kaum noch leisten, in London zu bleiben". In der Vergangenheit seien Teile der Bevölkerung komplett abgehängt worden, auch in der Wohnungspolitik. "Das hat den Brexit verursacht, da bin ich mir sicher!"

Londons Bürgermeister Sadiq Khan, ein Parteifreund von Rodwell, hat einen Plan vorgelegt, laut dem in Neubauten zu mindestens 35 Prozent erschwinglicher Wohnraum entstehen soll. Doch die Quote droht verfehlt zu werden, der Lokalpolitiker ist ungeduldig.

Durch noch mehr "imposante Türme" werde nur die soziale Spaltung in der Stadt zunehmen, warnt Rodwell das illustre Publikum. Man müsse sich jetzt erst einmal um die Abgehängten kümmern. "Wenn das geschafft ist, können wir immer noch Geld verdienen."

insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
vegefranz 19.03.2019
1. oh, ein halbwegs ausgewogener Artikel zum Brexit...?
wie konnte das passieren? Böcking wird ein Problem bekommen. Eigentlich ist doch Marschrichtung "soviel Panik wie möglich" Die Welt, die ja eigentlich schon bei der Trump-Wahl untergegangen ist, soll doch jetzt erst recht jeden Tag im Chaos versinken....
archi47 19.03.2019
2. bei fallenden Kursen/Preisen gilt die alte Börsenregel
"Nicht in das fallende Messer greifen". In diesem Falle dürfte es erst der Anfang sein ...
claus7447 19.03.2019
3. Echtes Luxusproblem
Die Mieten / Kaufpreise für John Miller werden deswegen nicht wesentlich besser. Der Polizist und Feuerwehrmann muss eh schon 2 Stunden und länger pendeln.
spon_7302413 19.03.2019
4. Sollten sich die ...
... Preise für Immobilien nach einem durchaus denkbaren Brexit ohne Deal drastisch nach unten entwickeln, weil die Attraktivität des Standortes einknickt, der Fakt des "No Deas" Realität wird, und darauf hin das nötige Klientel für die Refinanzierung ausbleibt, weil Firmen abziehen und die MA mitnehmen, oder entlassen und damit die durchschnittliche Bonität weiter Kreise einbricht, die bislang die Blase aufgepumpt und unter Druck gehalten haben, werden die fallenden Immobilienwerte auch die Banken ins trudeln bringen, die auf Höchstbewertungen basierende Finanzierungen bewilligt und als entsprechende Risikopositionen in den Büchern haben. Wie viele Hundert Milliarden Pfund Abschreibungsbedarf verkraftet das System der Immobilienfinanzierer, bis sich die nächste Bankenkrise zur Krise des Brexit gesellt - und wie sollen die Jongleure des billigen Geldes damit umgehen? Bislang scheinen die Implikationen der gegenwärtigen Entwicklung noch in weiter Ferne zu liegen, doch der Schein trügt.
Sibylle1969 19.03.2019
5.
Nicht die EU ist für die hohen Preise für Immobilien in London verantwortlich, sondern der Neoliberalismus, der seit den 80ern in GB die Oberhand hat.
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