Schlechte Zahlen Wie der ungeklärte Brexit die Wirtschaft lähmt

Das Gezerre um den Brexit und die Furcht vor Zollchaos in Dover wirken sich auf Großbritanniens Wirtschaft aus: Viele Firmen legen Investitionen auf Eis, die britische Handelskammer senkt ihre Wachstumsprognose.
London: Westminsterpalast, "Big Ben"

London: Westminsterpalast, "Big Ben"

Foto: Kirsty O'connor/ dpa

Großbritanniens Wirtschaft steuert auf die ökonomisch schlechtesten Jahre seit der Weltwirtschaftskrise zu - soviel hält die britische Handelskammer schon jetzt für sicher, trotz all den Unwägbarkeiten, wie genau das Vereinigte Königreich die EU verlassen wird.

Genau diese Unsicherheit hat aber schon heute Folgen für die britische Wirtschaft, schreibt der Verband in seiner aktuellen Konjunkturprognose: Für 2018 sei deshalb nur noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,2 Prozent zu rechnen, für 2019 dann von 1,3 Prozent.

Viele Unternehmen investierten momentan kaum noch, weil unklar sei, wie das Verhältnis Großbritanniens zur EU künftig gestaltet werde. Das Land will Ende März 2019 aus der Europäischen Union austreten. Die Schwäche des Pfunds heize zudem die Inflation an, was die Kaufkraft der Verbraucher schmälere.

"Kein guter Deal", findet die britische Wirtschaft

Und: Sollte es zu einem ungeordneten, einem "harten" Brexit kommen, könnten die Folgen für die Wirtschaft noch schlimmer ausfallen.

Auch gut drei Monate vor dem geplanten EU-Austritt geht der Streit über die Art und Weise des Abschieds unvermindert weiter. Die Chancen, dass Premierministerin Theresa May das mit Brüssel ausgehandelte Abkommen durchs Parlament bringt, gelten als gering. Auch der bislang vereinbarte Deal flößt den Unternehmen keine Zuversicht ein - weil die Phase der weiteren Verhandlungen und damit der Unsicherheit insgesamt verlängert würde.

Eine versehentlich an die Presse gelangte E-Mail des größten britischen Unternehmerverbands CBI offenbarte kürzlich das Unbehagen. "Das ist kein guter Deal", schrieb Brexit-Expertin Nicole Sykes an einen Kollegen. Der Schwebezustand macht größere Investitionen unmöglich. Die noch immer nicht gebannte Gefahr eines Brexit ohne Abkommen zwingt viele in der Produktion und im Handel dazu, Vorräte anzulegen und Notfallpläne zu erstellen. Im Oktober gaben 80 Prozent der britischen Unternehmen an, der Brexit habe einen negativen Effekt auf ihre Investitionsentscheidungen gehabt. Das kostet Geld und bindet Kapazitäten.

Zwei Milliarden Euro Kosten für die deutschen Autobauer?

Auch deutsche Firmen sind betroffen. Bosch hat beispielsweise eine Investition von 39 Millionen Euro (35 Millionen Pfund) in den Bau einer neuen britischen Regionalzentrale zurückgestellt, teilte ein Sprecher mit.

Aufgeschoben könnte in vielen Fällen aufgehoben bedeuten. "Für viele Investitionen ist der Zug wahrscheinlich jetzt schon abgefahren", sagt Ulrich Hoppe, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London. "Gewisse Dinge, die ich unter Umständen woanders machen kann, in einem heute schon absehbar stabilen regulativen Umfeld, die mache ich jetzt woanders."

Für den Fall eines ungeregelten Brexit rechnet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) allein für deutsche Unternehmen mit bis zu 10 Millionen zusätzlichen Zollanmeldungen pro Jahr und mehr als 200 Millionen Euro an zusätzlichen Kosten nur durch diese Zollbürokratie. "Die eigentlichen Zölle könnten noch dazu kommen: Allein für die deutschen Autoexporte drohen dann Mehrbelastungen von rund zwei Milliarden Euro im Jahr."

Die Behörden im Vereinigten Königreich seien kaum darauf vorbereitet, ein Chaos in Dover zu verhindern, wenn Zollanmeldungen und Kontrollen nötig wären. "Just-in-Time-Produktions- und Lieferketten stehen auf dem Spiel", warnt DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Die unklare Lage beim Brexit führe zu einer massiven Verunsicherung der Unternehmen - in einem derzeit ohnehin zunehmend instabilen Konjunkturumfeld. "Das hat also konkrete Auswirkungen. Weil es keine Klarheit gibt, können sich die Firmen nicht wirklich auf den Brexit vorbereiten. Da hängen ganze Wertschöpfungsketten dran."

Britische Autofirmen gehen ins Ausland

Empfindliche Waren wie Lebensmittel und Medikamente könnten unterwegs unbrauchbar werden, fürchten Experten. Deswegen platzen die Lagerhallen - besonders für gekühlte und gefrorene Lebensmittel - in Großbritannien inzwischen aus allen Nähten. Alles sei ausgebucht, warnte der Chef des Branchenverbands Food and Drink Federation (FDF), Ian Wright, vor einem Parlamentsausschuss Ende November.

Schon jetzt schwer von dem Brexit-Gezerre betroffen sind auch die britischen Autobauer. Einer Umfrage des britischen Branchenverbands SMMT zufolge haben bereits die Hälfte der Mitglieder durch die Unsicherheit Schaden genommen. Ein Drittel hat heimische Investitionen verschoben oder abgeblasen. Zehn Prozent gaben jeweils an, Kapazitäten ins Ausland verlagert oder die Zahl an Mitarbeitern reduziert zu haben.

BMW kündigte an, eine geplante Produktionspause in seinem Mini-Werk in Oxford auf die Zeit unmittelbar nach dem EU-Austritt am 29. März zu verlegen. Jaguar Land Rover griff zu Maßnahmen wie Kurzarbeit und Jobstreichungen, um einen Rückgang der Nachfrage abzufedern.

Die Regierung gibt inzwischen zu, dass der Brexit - egal, wie er am Ende konkret aussieht - der Wirtschaft schaden wird. Kaum noch ist die Rede von der angeblichen "Brexit-Dividende" - den 350 Millionen Pfund pro Woche, die Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson auf die Seite eines roten Busses hatte drucken lassen und die dann dem nationalen Gesundheitsdienst NHS zugute kommen sollten.

Vier Prozent weniger Wirtschaftsleistung bis 2030

Stattdessen kostet der Brexit den britischen Fiskus schon heute bares Geld. Laut jüngsten Schätzungen hat die Unsicherheit während der zähen Verhandlungen die Wirtschaftskraft des Landes seit dem Referendum 2016 um zwei Prozent kleiner ausfallen lassen, als es sonst der Fall gewesen wäre. Eine Denkfabrik bezifferte den Schaden für den Schatzkanzler im Sommer auf 500 Millionen Pfund pro Woche.

Das angesehene National Institute of Economic and Social Research (NIESR) geht davon aus, dass Großbritanniens wirtschaftliche Leistung im Jahr 2030 um vier Prozent kleiner ausfallen wird als ohne Austritt. Doch das sei noch eine sehr vorsichtige Schätzung, hieß es.

Wenn man nur die Wirtschaft betrachte, zeige die Analyse deutlich, dass in der EU zu bleiben ein besseres Ergebnis für Großbritannien bringen würde, sagte vor einigen Wochen der britische Schatzkanzler Philip Hammond. Zur Umkehr führt diese Einsicht bislang nicht.

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SPIEGEL ONLINE
beb/Andreas Hoenig (dpa)/Reuters
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