Virtuelle Büros Briefkastenfirma ab 4,95 Euro

Sydney, Bangkok, Chicago: Mit wenigen Klicks kann man sich Geschäftsadressen in aller Welt mieten. Aber was ist mit Geldwäsche und Betrug?
Digitales Türschild von ClevverMail

Digitales Türschild von ClevverMail

Foto: SPIEGEL ONLINE

Ein Büro in der Madison Avenue in New York oder in Tokios Cerulean Tower dürfte für viele Unternehmen kaum bezahlbar sein. Für ein paar Euro im Monat können Firmen die prestigeträchtigen Adressen dennoch ganz offiziell auf ihre Visitenkarte drucken - und dort ihre Post empfangen, obwohl sie selbst nicht vor Ort sind.

Neben anderen Anbietern vermietet auch das deutsche Start-up ClevverMail weltweit Geschäftsadressen. Dahinter steckt eine einfache Idee: ein virtueller Briefkasten. Kunden mieten eine Adresse an einem von mittlerweile 35 Standorten. Die dort eingehende Post kann dann über eine Software von überall auf der Welt verwaltet werden.

Je nach Wunsch werden Briefumschläge und Briefe gescannt, aufbewahrt oder vernichtet. Auch Pakete können weitergeleitet werden. Mit ein paar Klicks entscheidet der Kunde über den Umgang mit jeder einzelnen Postsendung individuell. So sei auch der Datenschutz gesichert. "Wir öffnen nur dann einen Brief, wenn der Kunde uns dazu beauftragt hat", sagt Mitbegründer und Geschäftsführer Christian Hemmrich.

Entstanden sei das Konzept aus einem eigenen Bedürfnis heraus, sagen Hemmrich und sein Geschäftspartner Sven Hecker. Die beiden haben gemeinsam in Münster BWL studiert und schon mehrere Unternehmen zusammen gegründet. Bereits zu Unizeiten entstand die Münzpräge-Firma derTaler.de. Das Geschäft in Deutschland lief gut an. Doch als Hecker und Hemmrich auch in Frankreich aktiv werden wollten, standen sie vor einem Problem: Sie brauchten einen Geschäftssitz im Land.

In Frankreich allerdings gab es keinen Anbieter, der bei der Einrichtung einer Geschäftsadresse hätte behilflich sein können. So entstand die Idee zu den professionell vermieteten "Briefkastenfirmen".

Eine Adresse, Hunderte Firmen

2013 startete ClevverMail zunächst mit einer Adresse in Berlin. Damals wurden noch alle Firmennamen auf das Türschild gedruckt. Mittlerweile ist der Service des Start-ups in 35 Metropolen weltweit verfügbar, die Kundenzahl liegt im knapp fünfstelligen Bereich. Jede verfügbare Adresse werde aktuell von Hunderten Firmen genutzt. Die klassischen Schilder an der Haustür gebe es daher nicht mehr. "Wir haben eine Art digitales Türschild entwickelt, da kann man an jeder Adresse abrufen, wer sie gemietet hat", so Hemmrich.

Christian Hemmrich, Sven Hecker (rechts)

Christian Hemmrich, Sven Hecker (rechts)

Foto: Clevver

Zu den Kunden gehören vor allem mittelständische und kleine Unternehmen, die ins Ausland expandieren wollen. Oft sei dafür eine Geschäftsadresse im jeweiligen Zielland nötig. Und auch Freiberufler und sogenannte digitale Nomaden ohne festen Wohn- oder Arbeitsplatz nutzen das Angebot.

Seit April 2016 ist Marcus Herzig Kunde bei ClevverMail. Der Autor schreibt Bücher, die in den USA veröffentlicht werden. Die Geschäftsadresse in New York habe er gemietet, um authentischer auf die Leser zu wirken. "Meine Geschichten spielen in den USA. Eine deutsche Adresse in den bibliographischen Angaben würde vielleicht dazu führen, dass die Leser mich nicht mehr für glaubwürdig halten", sagt Herzig.

Steuervorteile als Motivation?

Steuerexperte Markus Meinzer, Analyst beim "Netzwerk Steuergerechtigkeit", vermutet, dass die gemieteten Geschäftsadressen oft auch finanziell motiviert sein dürften: "Kunden könnten sich so Steuervorteile verschaffen. Für Länder wie Thailand oder die USA könnte die gemietete Adresse allein den Behörden bereits als Nachweis für eine Geschäftstätigkeit im jeweiligen Land ausreichen." Das könne wiederum bereits genügen, um steuerlich davon zu profitieren, so Meinzer.

Autor Herzig zieht nach eigenen Angaben keine finanziellen Vorteile aus seiner New Yorker Geschäftsadresse. "Ich führe alle Steuern in Deutschland ab. Hier ist auch meine Meldeadresse", sagt er.

Auch Freiberufler Kai Vásquez nutzt den Service von Clevver Mail nach eigenen Angaben, ohne dabei finanzielle Hintergedanken zu haben. Der Deutsche lebt mit seiner Frau in der Dominikanischen Republik, sein Unternehmen führt er allerdings in Deutschland. Als Freiberufler betreut er Onlineshops. "Meine Kunden sind in Deutschland. Ich brauchte eine deutsche Telefonnummer, damit ich für sie erreichbar bin. Das geht allerdings nur mit einer deutschen Adresse", begründet Vásquez seine Entscheidung, das Angebot von ClevverMail zu nutzen.

Er habe eine deutsche Steuernummer, es sei jedoch nicht so einfach gewesen, sein Gewerbe hierzulande anzumelden. "Zuerst hatte ich eine Adresse in Frankfurt gemietet. Das Gewerbeamt wollte aber einen Nachweis darüber, dass ich auch Geschäftsräume vor Ort nutze", sagt Vásquez. Daraufhin habe er eine Adresse in Berlin gemietet. Bei den dortigen Behörden sei die Anmeldung dann problemlos erfolgt, sagt er.

"Das Angebot senkt die Schwelle für Geldwäsche"

Steuerexperte Meinzer sieht genau dort eine Schwäche des deutschen Rechts. "Natürlich will nicht jeder, der diese Angebote nutzt, Geld waschen", sagt er. Die Angebote würden es Betrügern jedoch leichter machen. "Wenn man nur Geschäftsadressen vermietet, dann senkt das die Schwelle für Geldwäsche. Das System ermöglicht hohe Anonymität", sagt Meinzer. Wer die richtigen Kniffe kenne, könne die Angebote leicht ausnutzen.

Die Geschäftsführer von ClevverMail sind sich der Kritik an ihren "Briefkastenfirmen" bewusst. "Wir haben einen mehrstufigen Verifikationsprozess und halten uns an die Gesetze gegen Geldwäsche", so Hemmrich.

Meinzer greift dieser Prozess zu kurz. "Ein notariell beglaubigter Nachweis über die Nutzung von Geschäftsräumen sollte Pflicht sein, um Steuerhinterziehung entgegenzuwirken", fordert er. Die Politik sei in der Pflicht und müsse nachbessern, meint der Steuerexperte.

Das Start-up ClevverMail erklärt, im Rahmen der aktuellen Geldwäschegesetze erfülle man seine Pflichten. Dass Kriminelle die Angebote dennoch für sich nutzen, könne natürlich nicht ausgeschlossen werden. "Wer betrügen will, der findet vermutlich immer einen Weg. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, den Betrug weltweit zu bekämpfen", sagt Hemmrich.

Die geringen Kosten bei ClevverMail sollen vor allem kleine Unternehmen locken; aber kann man sicher wissen, wer sich sonst noch davon angezogen fühlt? Je nach Account-Art und Standort variieren die Preise. Einen privaten Zugang gibt es ab 4,95 Euro pro Monat, den Business-Account ab 9,95 Euro. Eine Adresse in New York kostet beispielsweise mehr als in Lissabon. "Das liegt auch daran, dass wir die Partner vor Ort bezahlen müssen, und dabei fallen unterschiedliche Kosten an", so Hemmrich.

Damit ist ClevverMail viel günstiger als die meisten Konkurrenten. Neben dem Berliner Start-up bieten mehrere ausländische Unternehmen weltweit Geschäftsadressen an. Der deutsche Anbieter ebuero macht ClevverMail mit Adressen im Inland Konkurrenz. Der vermutlich größte Konkurrent des Start-ups dürfte jedoch Regus sein.

Verdächtiges wird gemeldet

Bei der global agierenden Gruppe beginnen die Preise im dreistelligen Bereich. Ähnlich wie bei ClevverMail können Kunden bei Regus weltweit Adressen mieten und die Post verarbeiten lassen. "Briefkastenfirmen bieten wir allerdings nicht", sagt Regus-Managerin Stefanie Lürken. Nur wenn auch ein physischer Arbeitsplatz gemietet werde, könne die Adresse als offizielle Geschäftsadresse genutzt werden. Voraussetzung dafür sei ein Nachweis über einen Eintrag ins Handelsregister. So wolle man verhindern, dass Personen die Adresse zur Geldwäsche nutzen.

"Wenn uns etwas verdächtig vorkommt, melden wir das sofort der Polizei", sagt Lürken. Dies gelte natürlich nur, wenn der Verdächtige bereits Kunde ist. Personen, die während des Registrierungsprozesses auffallen, würden abgelehnt, aber nicht gemeldet.

Die können ihr Glück dann bei einem der anderen Anbieter versuchen.