Britisch-russischer Wirtschaftskrimi "Es ist wie beim Schiffeversenken"

Er war der Star unter Moskaus Investoren, Aktionär bei Gazprom, ein glühender Bewunderer von Wladimir Putin. Dann fiel William Browder in Ungnade: Heute lässt der Kreml nach ihm fahnden, Gangster sollen sich seiner Firmen bemächtigt haben. Der Unternehmer wehrt sich mit einer mächtigen PR-Kampagne.
Hedgefonds-Manager William Browder: "Irgendwann trifft man das Schlachtschiff"

Hedgefonds-Manager William Browder: "Irgendwann trifft man das Schlachtschiff"

Foto: VIRGINIA MAYO/ ASSOCIATED PRESS

Moskau/London - William Browder ist sich sicher: Er steht jemandem in der russischen Nomenklatura im Weg. Im November 2005 wurde er am Moskauer Flughafen Scheremetowo 2 von Sicherheitsbeamten diskret zur Seite gebeten, 24 Stunden festgehalten und schließlich als "nationales Sicherheitsrisiko" ausgewiesen. "Es ist wie beim Schiffeversenken", philosophiert der 45-jährige Hedgefonds-Manager vier Jahre später in seinem Londoner Büro in der Nähe des Piccadilly Circus. "Man feuert, und irgendwann trifft man das Schlachtschiff."

Browders Geschichte liest sich wie ein Wirtschaftskrimi, der seinen Anfang in den Jahren des Raubtierkapitalismus im Wilden Osten nahm. 1996 zog der Enkel von Earl Russel Browder, dem früheren Generalsekretär der Kommunistischen Partei der USA, nach Moskau und baute ein kapitalistisches Imperium auf. Sein Hedgefonds Hermitage Capital startete mit 25 Millionen Dollar und erzielte bald schwindelerregende Gewinne: Allein in den ersten 18 Monaten betrug die Rendite 850 Prozent. Die angelsächsische Wirtschaftspresse feierte Browder als Shareholder-Value-Aktivist, der Staatsunternehmen von korrupten Managern befreit. Studenten der Harvard Business School studierten den "Hermitage-Effekt".

Browder stieg zum größten ausländischen Investor in Russland auf, bis zu seiner Ausweisung 2005 schwoll sein Fonds auf vier Milliarden Dollar an. Er erwarb Anteile an Staatskonzernen wie der Sberbank   oder dem Energieriesen Gazprom   - und arrangierte sich mit den politischen Verhältnissen. Nach der Verhaftung des in Ungnade gefallenen Oligarchen Michail Chodorkowski im Jahr 2003 verteidigte Browder das Vorgehen des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegen internationale Kritik. Chodorkowski habe "den Staat herausgefordert", sagte der Finanzinvestor in einem Interview. Mit dem harten Vorgehen gegen den Ölmagnaten habe der Kreml lediglich ein Exempel an einem Gauner statuiert.

Persönliche Kriegserklärung an den Kreml

Heute wartet einer von Browders eigenen Leuten in der berüchtigten Butyrka auf seinen Prozess. Es ist dasselbe Moskauer Gefängnis, in dem einst auch Chodorkowski saß. Browder selbst steht auf der Interpol-Fahndungsliste - der Kreml sucht ihn wegen Steuerhinterziehung.

Browder selbst sieht sich als Opfer einer weitverzweigten Verschwörung, die vom russischen Innenministerium bis in die Moskauer Finanzämter reicht: Russische Kriminelle sollen sich mit Rückendeckung der Behörden seiner Firmen bemächtigt haben. Jetzt steuert der gebürtige US-Amerikaner, der die britische Staatsbürgerschaft angenommen hat, von London aus eine machtvolle PR-Kampagne gegen Russlands Führung - es ist Browders Kriegserklärung an die Adresse des Kreml.

"Die folgende Geschichte ist so außergewöhnlich, dass man sie nicht erfinden könnte", beginnt ein zehnminütiges Video, das seit einigen Wochen auf dem Videoportal YouTube in Umlauf ist. Allein die russische Version wurde bereits 40.000-mal aufgerufen. In dem Video erzählt Browder seine Erlebnisse und warnt Anleger davor, in Russland zu investieren. Er zeigt sich überzeugt, dass er sich als Minderheitsaktionär in russischen Großunternehmen mächtige Feinde gemacht habe, die ihn nun drangsalierten. Es gehe längst nicht mehr ums Geschäft, sagt Browder. "Es ist ein Krieg um Gerechtigkeit. Es geht um richtig und falsch."

Dabei gilt es in Moskau als offenes Geheimnis, dass Browder es mit der strikten Unterteilung in richtig und falsch mitunter selbst nicht allzu genau genommen und sich damit verwundbar gemacht habe. Glaubwürdige Insider der Moskauer Bankenszene berichten, dass die von den Behörden vorgebrachten Vorwürfe durchaus Substanz hätten.

Bizarrer Autokrat in der Provinz

Die Behörden werfen Browder und seinem inhaftierten Anwalt Sergej Magnitskij vor, in der unwirtlichen Steppenprovinz Kalmückien, fernab vom Finanzzentrum Moskau, mehrere Briefkastenfirmen gegründet zu haben. Deren angeblich einziger Zweck: Steuerhinterziehung.

Russlands asiatischer Sprengel in der Nähe des Kaspischen Meers galt lange Jahre als russisches Steuersparparadies und wird seit zwei Jahrzehnten von einem bizarren Autokraten regiert: Kirsan Nikolajewitsch Iljumschinow. Der agiert seit 1995 auch als Chef des Weltschachbundes - und beglückte seine Hauptstadt Elista mit einem riesigen Gebäudekomplex namens "Schachstadt".

Hier ließ Browder Firmen wie "Weite Steppe" oder "Saturn Investments" registrieren. Über diese wickelte sein Fonds Hermitage Capital nach Ansicht der Staatsanwaltschaft viele Transaktionen ab. Die Firmen hätten Behinderte beschäftigt, um in den Genuss von Steuerprivilegien zu kommen. Statt mehr als 30 Prozent habe Browder nur fünf Prozent Abgaben abgeführt, berichtet die renommierte russische Wirtschaftszeitung "Kommersant". Russische Ermittler versuchen Hermitage nun nachzuweisen, dass die behinderten Angestellten pro forma auf Browders Gehaltsliste auftauchten, aber niemals Leistungen für ihren Arbeitgeber erbrachten.

Seit elf Monaten sitzt Browders russischer Anwalt Sergej Magnitskij deswegen in Untersuchungshaft. Die Akten der Staatsanwaltschaft umfassen inzwischen 36 Bände, insgesamt 7000 Seiten. "Dabei geht es gar nicht um Magnitskij oder die angebliche Steuerhinterziehung", sagt dessen Anwalt Dmitrij Charitonow in seinem Büro in einem roten Backsteinbau unweit der Moskwa. Browder habe sich einfach mit den falschen Leuten angelegt, die Steuerdelikte seien nur vorgeschoben.

Magnitskij, sagt Charitonow, sei nur eine Geisel, eigentlich wollten die Behörden seines Chefs habhaft werden.

Ein gewisser Andrej K. stellte sich als Moskauer Beamter vor

Browder bestreitet die Steuerhinterziehung und erhebt seinerseits schwere Vorwürfe gegen die russischen Behörden. Sein Ringen mit der Bürokratie begann im Februar 2007, anderthalb Jahre nach seiner Ausweisung aus Russland. Damals sprach er nach eigenen Angaben den damaligen stellvertretenden Premier und heutigen Präsidenten Dmitrij Medwedew beim Wirtschaftsforum in Davos auf sein Visum an. Der habe ihm versprochen zu helfen, und tatsächlich habe in London bald das Telefon geklingelt. Ein gewisser Andrej K. habe sich als Beamter des Moskauer Innenministeriums vorgestellt und um ein "informelles" Treffen gebeten. Browder - so seine Darstellung - fürchtete eine Erpressung und lehnte ab. Vier Monate später habe derselbe K. eine Razzia in den Moskauer Hermitage-Büros durchgeführt und Dokumente für eine Steuerprüfung beschlagnahmt. Kurz darauf seien diese Dokumente dazu benutzt worden, um drei Hermitage-Tochterfirmen an neue russische Besitzer zu übertragen - angeblich ohne Browders Wissen.

Die angeblichen Firmenräuber sollen die erbeuteten Unternehmen zu einem gigantischen Steuerbetrug genutzt haben. Nach Browders Angaben fälschten sie die Unternehmenszahlen, plötzlich tauchten in den Bilanzen der einst profitablen Gesellschaften tiefrote Zahlen auf. So hätten der Beamte K. und seine Komplizen die von Hermitage gezahlten Steuern für das Jahr 2006, insgesamt 230 Millionen Dollar, vom Finanzamt zurückfordern können. Die stattliche Summe sei ohne Rückfrage nach nur zwei Tagen erstattet worden - für Browder der Beweis, dass der Kriminellen-Ring vom Innenministerium über die Gerichte in drei Städten bis in die Moskauer Finanzämter 25 und 28 reiche. Die 230 Millionen Dollar Steuergelder seien auf Konten bei zwei obskuren Moskauer Minibanken geflossen, die bald danach geschlossen worden seien.

Vor zwei Wochen veröffentlichte Browder neue Vorwürfe. Der Betrüger-Ring soll noch in zehn weiteren Fällen mit dem gleichen Trick Steuergelder auf private Konten umgeleitet haben - in Höhe von insgesamt 470 Millionen Dollar. "Wenn eine halbe Milliarde Dollar die russischen Behörden nicht zum Handeln bewegen kann", sagt Browder, "dann läuft doch etwas grundfalsch."