Reichenanwalt "Die Playboys kann ich an einer Hand abzählen"

Er ist der Consigliere des deutschen Industrieadels: Brun-Hagen Hennerkes, Wirtschaftsanwalt in Stuttgart und Chef der Stiftung Familienunternehmen. Im Interview spricht er über unfähige Erben, talentierte Töchter und die Angst der Reichen vor höheren Steuern.
Eigentümerfamilie des Likör-Herstellers Underberg: Viele Firmen werden von Frauen geführt

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Foto: Bernd Thissen/ picture alliance / dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Hennerkes, herzlichen Glückwunsch nachträglich!

Hennerkes: Wozu?

SPIEGEL ONLINE: Ihnen dürfte mit der Stiftung Familienunternehmen der größte Lobbyerfolg in der Geschichte der Bundesrepublik gelungen sein. Seit 2009 können selbst schwerreiche Industrielle ihr gesamtes Vermögen steuerfrei vererben, wenn sie nur ein paar Regeln beachten.

Hennerkes: Vorsicht! Es geht nicht um ein paar Regeln, es geht um eine Arbeitsplatzgarantie für sieben Jahre, und es geht ausschließlich um das betrieblich gebundene Vermögen. Wir können uns daher alle gegenseitig gratulieren, denn die jetzige Regelung dient dem Gemeinwohl. Familienunternehmer müssen nun nicht mehr fürchten, dass dem Unternehmen bei jedem Generationswechsel Kapital durch die Erbschaftsteuer entzogen wird.

SPIEGEL ONLINE: Klingt gut, aber in Wahrheit ist die Steuerbefreiung doch bei weitem nicht auf Unternehmer begrenzt. Der Bundesfinanzhof konstatiert: Mit ein bisschen Phantasie lässt sich heute auch das Mietshaus oder das millionenschwere Aktiendepot steuerfrei weitervererben. Finden Sie das gerecht?

Hennerkes: Nein. Aber wenn wir das Steuerrecht nur danach ausgestalten, dass wir alle erdenklichen Schlupflöcher ausschließen, dann kommen wir auch nicht zu praktikablen Regelungen. Aber wir würden uns auch nicht gegen eine Nachbesserung sperren, die solche Umgehungstatbestände durch Generalklauseln ausschließt. Ich weiß nur nicht, wie so eine Regelung technisch aussehen soll.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment sieht es nicht so aus, als kämen Sie mit einer bloßen Nachbesserung davon. SPD, Grüne und Linkspartei fordern die Rückkehr zu einer höheren Erbschaftsteuer oder sogar eine wiederbelebte Vermögensteuer, bei der Reiche jedes Jahr einen kleinen Teil ihres Geldes abgeben müssen.

Hennerkes: Es wird immer so getan, als hätten die deutschen Familienunternehmer ihr Geld auf der Bank herumliegen. Aber das Vermögen steckt nahezu ausschließlich im Betrieb. Und jeder Euro, der ans Finanzamt abgeführt werden muss, schwächt die Finanzkraft für Investitionen. Wir reden hier über 12.000 bis 15.000 relevante Unternehmen, die Königsklasse der deutschen Wirtschaft. Diese "Hidden Champions" brauchen ihr Kapital, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen und in Deutschland Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ein Unternehmer die Erbschaftsteuer nicht aufbringen kann, soll er halt einen externen Investor aufnehmen, zum Beispiel eine Private-Equity-Gesellschaft.

Hennerkes: Damit zerstören Sie genau das, was den im Ausland bewunderten Erfolg der Familienunternehmen ausmacht: Dass eben nicht anonyme Kapitalgeber das Sagen haben, sondern Unternehmerpersönlichkeiten, die langfristig denken und mit ihrer Existenz für Erfolg oder Misserfolg einstehen.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte es auch anders sagen: Familienunternehmer sind bornierte Autokraten, die lieber ihr Unternehmen schwächen, als die Macht mit einem externen Geldgeber zu teilen. Und die Gesellschaft soll diesen Machtanspruch mit Steuervergünstigungen subventionieren?

Hennerkes: Es geht nicht um Macht, es geht um nachhaltigen Erfolg. Familienunternehmen funktionieren am besten über flache Hierarchien. Und das geht nur mit einer starken Frau oder einem starken Mann an der Spitze.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist der Erbe denn wirklich immer der Richtige, um das Unternehmen weiterzuführen? Sie kennen doch sicher den Spruch von Otto von Bismarck: Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt vollends.

Hennerkes: Also, von diesem Spruch halte ich gar nichts. Denken Sie an traditionsreiche Unternehmen wie Heraeus, Brenninkmeyer oder Freudenberg. Ich berate seit fast einem halben Jahrhundert deutsche Familienunternehmen. Die Zahl der Playboys, die ich unter den Erben erlebt habe, kann ich an einer Hand abzählen.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie doch mal ein paar!

Hennerkes: Das lohnt sich nicht. Heute sind Playboys in Familienunternehmen ausgestorben. Was es häufiger gibt, sind Kinder, die nicht zum Unternehmer taugen, und Alte, die nicht loslassen können.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ja auch wirklich keinen Grund, warum der Sohn eines Unternehmers automatisch ebenfalls ein guter Unternehmer sein sollte.

Hennerkes: Ach, die Zeit der Automatismen bei der Erbfolge ist doch längst vorbei. Früher lief es so: Der älteste Sohn durfte das Unternehmen führen, egal wie unfähig er war. Und am 18. Geburtstag der Tochter stand immer schon der Notar vor der Villa. Bevor es ans Gratulieren ging, musste die junge Dame nämlich erst einmal einen Erbverzicht unterschreiben. Das ist zum Glück Vergangenheit. Was man zum Beispiel auch an den vielen Fällen sieht, in denen heute große Familienunternehmen von Frauen geführt werden: Claas Landmaschinen, Underberg, Warsteiner.

SPIEGEL ONLINE: Und weil Familienunternehmer so dufte Typen sind und ihre Kinder meist auch nicht ganz blöd, sollen wir in Kauf nehmen, dass sich in Deutschland das Geld immer stärker am oberen Rand der Gesellschaft ansammelt? Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen heute 58 Prozent des gesamten Vermögens, Tendenz steigend. Ohne Erbschaft- oder Vermögensteuer gibt es keine Chance, an diesem Trend etwas zu ändern.

Hennerkes: Aber sie werden doch jetzt schon kräftig zur Kasse gebeten. Die zehn Prozent der Steuerpflichtigen, die über hohe Einkommen verfügen, zahlen mehr als die Hälfte der gesamten Einkommensteuer. Die Wohlhabenden in Deutschland tragen also auch ohne Erbschaft- oder Vermögensteuer den größten Anteil der Steuerlast.

SPIEGEL ONLINE: Die Einkommensteuer trifft ihre Klientel der Familienunternehmer doch mehrheitlich gar nicht, weil sie ihr Einkommen aus Kapitalerträgen bestreitet. Und die müssen lediglich pauschal mit 25 Prozent versteuert werden.

Hennerkes: Sie würden sich wundern! Die meisten Unternehmer führen ihre Betriebe immer noch als Personengesellschaften, müssen dementsprechend Einkommensteuer zahlen und tragen dazu noch das volle Risiko. Anton Schlecker war da beileibe kein Einzelfall. Und bei Kapitalgesellschaften muss vor der Kapitalertragsteuer ja erst einmal die Körperschaftsteuer abgeführt werden. In der Summe werden Unternehmereinkünfte also ähnlich hoch belastet wie Einkommen aus Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Aber während heute schon manch gutverdienender Facharbeiter den Spitzensteuersatz zahlen muss, sind die Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen in den letzten 20 Jahren immer weiter gesunken. Meist aus Angst, die reichen Unternehmer könnten mit ihrem Geld und ihren Arbeitsplätzen ins Ausland abhauen. Wie realistisch ist diese Furcht?

Hennerkes: Ich glaube nicht, dass von den Inhabern großer Familienunternehmen viele ins Ausland abwandern würden, selbst wenn hier zum Beispiel die Vermögensteuer wieder eingeführt wird. Sie sind ihrer Region stark verbunden. Familienunternehmen findet man ja selten in den großen Städten, sondern meist in der Provinz. Da singen die Kinder des Unternehmers sonntags im Kirchenchor, da werden der örtliche Fußballclub und kulturelle Angebote unterstützt. Die wollen nicht weg aus ihrer Heimat. Aber der Steuergesetzgeber darf auch nicht übertreiben.

SPIEGEL ONLINE: Theo Müller von Müller-Milch hat seinen Wohnsitz wegen der angeblich zu hohen deutschen Steuern in die Schweiz verlegt.

Hennerkes: Ausnahmen bestätigen die Regel. Es war bei ihm kaufmännisch geboten: Wegen der hohen Bewertung von Auslandsgesellschaften und dem Fehlen von Verschonungsregeln in diesem Fall hätte der deutsche Staat von ihm dreistellige Millionenbeträge gefordert. Dies hätte das Unternehmen massiv geschwächt und die erforderliche Expansion gestoppt.

Das Interview führte Christian Rickens

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