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Fotostrecke: Wie Yourbus der Bahn Konkurrenz macht

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Bus-Start-up Wie die Bahn kreative Konkurrenz zerstört

Drei Studenten wollen mehr Wettbewerb beim Fernverkehr - und gründen eine Mitfahrzentrale für Busse. Die Kunden jubeln über das günstige Angebot. Doch die Bahn will den unliebsamen Wettbewerber loswerden und verklagt die junge Firma. Damit könnte der Staatskonzern das Start-up in den Ruin treiben.

Hamburg - Immerhin haben sie ihren Humor noch nicht verloren. Christian Janisch und Ingo Mayr-Knoch sitzen in einem Bonner Bistro, trinken Apfelschorle, lachen viel und sehen mit ihrer Kapuzenjacke und ihrem braun-grau karierten Wollpulli auch sonst nicht gerade aus wie die BWL-Edition des Teufels.

Dabei tun die beiden 25- und 28-Jährigen zusammen mit ihrem Studienfreund Alexander Kuhr, 27, ganz viel Böses. Zumindest nach Ansicht der Deutschen Bahn. Denn die hat deren junge Firma Yourbus verklagt. "Wir fahren trotzdem noch immer gerne Zug", sagen Janisch und Mayr-Knoch.

Yourbus gegen Deutsche Bahn - das ist nicht einmal der berühmte Kampf "David gegen Goliath", eher schon eine Art "Davidchen gegen GOLIATH". Denn der Staatskonzern mit seinen 30 Milliarden Euro Umsatz und 240.000 Mitarbeitern will erreichen, dass die noch junge Drei-Mann-Bude vom Markt verschwindet. Auf 16 Seiten haben die Bahn-Anwälte in Schachtelsätzen zusammengetragen, warum das Studenten-Start-up das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb missachtet, sich also nicht an die guten Sitten der Marktwirtschaft hält.

Dabei kämpfen die drei Absolventen für die Marktwirtschaft. Sie wollen einem Bereich Wettbewerb einhauchen, der noch so reglementiert ist, als würde Erich Honecker und nicht Angela Merkel die Richtlinien der Politik bestimmen.

Vor zwei Jahren haben Janisch, Mayr-Knoch und Kuhr eine Mitfahrzentrale für Busse gegründet. Unter www.deinbus.de  kann jeder nach Mitfahrern für eine Bustour suchen oder selbst eine Fahrt organisieren - etwa von Frankfurt nach Köln. Finden sich mindestens zehn Teilnehmer, kümmert sich die Firma um den Bus.

Nur rund 50 Fernbus-Verbindungen

Dass die Prozedur etwas kompliziert ist, hat einen einfachen Grund: Für ihren Plan, Fernbusse durchs Land zu schicken, mussten Janisch und Co. eine Lücke im Personenbeförderungsgesetz finden. Dieses stammt aus dem Jahr 1934 und gesteht der Bahn seither ein Quasi-Monopol beim Fernverkehr zu.

Laut dem Gesetz können Linienverkehre mit dem Bus auf einer Strecke, auf der schon Züge fahren, nur dann genehmigt werden, wenn sie eine "deutliche Verbesserung des Angebots" darstellen. Es ist ein bisschen so, als hätte der Gesetzgeber den Markteintritt von Pepsi-Cola mit dem Argument verhindert, es gebe ja schon Coca-Cola.

Einst sollte das Gesetz die vom Staat finanzierte Bahn-Infrastruktur vor privater Konkurrenz schützen. Es hat aber vor allem dazu geführt, dass Busse auch acht Jahrzehnte später noch immer kein gängiges Fortbewegungsmittel in der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt sind.

Während in den USA Greyhounds quer durchs Land fahren, bleiben den Deutschen auch im 21. Jahrhundert meist nur Auto, Flugzeug und eben die Bahn. Es gibt gerade einmal rund 50 Fernbus-Verbindungen - vor allem von und nach Berlin. Diese wurden noch zu Zeiten der deutschen Teilung genehmigt. Dabei zeigt eine Studie des Umweltbundesamtes, dass die CO2-Bilanz von Bussen aufgrund einer im Schnitt höheren Auslastung besser ist als die von Zügen.

Allerdings verbietet das antiquierte Gesetz nicht, sich spontan zu Fahrgemeinschaften zusammenzutun. Diese Lücke nutzt Yourbus aus. Es gibt keinen festen Plan, nach dem die Busse fahren, sondern eine Tour geht erst los, wenn sich ausreichend Mitfahrer gefunden haben.

Es handelt sich also - so heißt das im Beamtendeutsch - um Gelegenheits- und nicht um Linienverkehr. Zu diesem Schluss ist zumindest das Landratsamt Bodenseekreis gekommen, als es den damaligen Studenten aus Friedrichshafen im Frühjahr 2008 die Genehmigung für die Firma erteilte.

"Die Bahn will uns plattmachen"

Seit gut einem halben Jahr bietet Yourbus nun Touren an. Die Firma gewinnt Woche für Woche neue Mitfahrer, hat bereits viele Stammkunden und bei Facebook mehr als tausend Fans. "Die Leute schätzen vor allem den niedrigen Preis", sagt Christian Janisch. Der 2,5-Stunden-Bustrip von Frankfurt nach Köln kostet bei Yourbus 12,50 bis 15 Euro. Bei der Bahn werden ohne BahnCard dagegen 64 Euro fällig. Dafür dauert die Fahrt nur rund eine Stunde und 15 Minuten.

Es dürfte wohl vor allem die unliebsame, weil günstigere, Konkurrenz sein, die die Bahn bewogen hat, gegen das Start-up vorzugehen - auch wenn der Konzern das offiziell bestreitet. Die Bahn argumentiert in ihrer Klage, Yourbus biete "Fernverkehr-Busreisen überwiegend zwischen deutschen Großstädten mit Hilfe eines speziellen Geschäfts- und Buchungsprozesses an. Die Beklagte unterhält damit ein Angebot von deutschen sog. Intercity-Verbindungen". Soll heißen: Yourbus betreibt Linienverkehr, der in Konkurrenz zur Bahn steht. Und für den hat die Firma keine Genehmigung. Ätsch.

"Unser Eindruck ist: Die Bahn will uns plattmachen", sagt Janisch von Yourbus. Es gehe dem Konzern darum, ein Exempel zu statuieren. Erst schickte die Bahn im Frühsommer eine Abmahnung, dann kam per Telefon die Nachfrage, warum die Firma nicht einknicke, und schließlich lag die Klage auf dem Tisch. "Der Verkehrsmarkt unterliegt Spielregeln, die für Groß und Klein gelten", begründet die Bahn ihr Vorgehen.

Ein Satz, mit dem es sich die Bahn allerdings recht einfach macht. Schließlich gehört sie zu 100 Prozent dem Staat. Mit der Klage gegen Yourbus geht also der Staat gegen private Konkurrenten vor. Und indirekt helfen die Politiker im Aufsichtsrat, die in Sonntagsreden gerne von jungen Menschen mehr Mut zum Risiko und Firmengründungen fordern, werktags bei der Zerstörung kreativer Konkurrenz.

Eine Berufung können sich die Gründer nicht leisten

Zumal Yourbus nur in der Theorie ein direkter Wettbewerber für die Staatsbahn ist. Zum einen, weil die Gründer davon träumen, im besten Fall irgendwann einmal 300.000 Fahrgäste pro Jahr durchs Land zu befördern. Die Bahn hat allein an einem Tag mehr Kunden im Fernverkehr.

Zum anderen, weil Yourbus weniger der Bahn als der Auto-Mitfahrzentrale Konkurrenz macht. "Unsere Fahrgäste können sich die hohen Preise der Bahn meistens nicht leisten. 90 Prozent von ihnen sind in den vergangenen sechs Monaten nicht Zug gefahren", sagt Mitgründer Janisch. Außerdem erschließe die Firma neue Zielgruppen. Viele Mitfahrer seien früher einfach zu Hause geblieben.

Warum der Staatskonzern trotz dieser nur gefühlten Konkurrenz gegen die Firma vorgeht, lässt sich erklären: Denn die Bundesregierung will den Fernverkehr für Busse liberalisieren. Und die Bahn ist derzeit selbst der größte Busanbieter der Republik. Entsprechend dürfte der Konzern versucht sein, ein Doppelmonopol bei Zügen und Bussen zu etablieren. Yourbus wird deshalb wohl weniger als aktueller denn als künftiger Konkurrent gesehen, den es schon heute zu bekämpfen gilt.

Wann die Regierung dem Gesetz von 1934 ein Update verpasst, und wie großzügig die Liberalisierung ausfallen wird, ist derzeit offen. So oder so dürfte die Novelle für die Yourbus-Gründer zu spät kommen. Am 19. November verhandelt das Landgericht Frankfurt die Klage der Bahn.

Nur weil befreundete Anwälte Janisch und Co. unterstützen und die drei Gründer bei Freunden und Familien Tausende Euro zusammengekratzt haben, sind sie das Prozessrisiko überhaupt eingegangen. Falls sie in der ersten Instanz verlieren, hat sie ihr Kampf für mehr Wettbewerb 10.000 Euro gekostet. "Eine Berufung können wir uns nicht leisten", sagt Janisch.

Yourbus muss also gewinnen. Und selbst wenn das gelingt, ist die Firma lange noch nicht die Siegerin des Konflikts. Denn die finanzkräftige Bahn wird im Zweifel einfach weiterklagen.

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