Verkauf deutscher Traditionsmarke Warum C&A und China gut zusammenpassen

Das Traditionsunternehmen C&A könnte nach SPIEGEL-Informationen an chinesische Investoren verkauft werden. Handelsexperte Gerrit Heinemann hält den Schritt für logisch. Beide Seiten würden profitieren.
C&A-Logo an der Fassade einer Filiale in Düsseldorf (Archivbild)

C&A-Logo an der Fassade einer Filiale in Düsseldorf (Archivbild)

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SPIEGEL ONLINE: Herr Heinemann, warum sollte die Eigentümer-Familie Brenninkmeijer ein Traditionshaus wie C&A verkaufen wollen?

Heinemann: Weil natürlich auch die Brenninkmeijers in erster Linie Geschäftsleute sind und Geld verdienen wollen. Der stationäre Textileinzelhandel befindet sich derzeit in einem radikalen Wandel, Konkurrenten wie Primark oder Zalando haben C&A massiv unter Druck gesetzt. Noch vor zwanzig Jahren war C&A Marktführer in Europa.

Zur Person
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Gerrit Heinemann ist Professor für Handel und Management an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Der Ökonom, Jahrgang 1960, ist auf E-Commerce und Multichannel-Marketing spezialisiert und arbeitete in früheren Jahren als Manager bei Kaufhof und Douglas. Seit 2011 leitet Heinemann das eWeb Research Center, das unter anderem Auswirkungen des Onlinehandels auf den stationären Einzelhandel untersucht.

SPIEGEL ONLINE: Könnte man daran nicht anknüpfen?

Heinemann: Das würde wohl extrem teuer werden. Wer heute ehrlich auf die Geschäftsentwicklung von C&A schaut, erkennt schnell, dass es massive finanzielle Mittel erfordern würde, um das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Auch ein erfahrener Manager wie Ex-Rewe-Chef Alain Caparros, der seit Juli 2017 bei C&A ist, kann ja keine Wunder vollbringen. Aus Sicht der Familie Brenninkmeijer rechnet sich das offenbar nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Unternehmen ist seit 1841 in Familienbesitz.

Heinemann: Natürlich, und das Unternehmen stand in dieser langen Geschichte oft am Abgrund - aber immer wieder hat man es geschafft, die Sache zu drehen. Die Brenninkmeijers hatten quasi sieben Leben, aber über viele Generationen verteilt. Es ist durchaus klug, nicht weiterzumachen, bis man pleite ist, sondern rechtzeitig zu verkaufen. In der fünften, sechsten Generation sind die Nachfahren dann auch nicht mehr allzu emotional, was so ein Thema angeht. Sie haben keine Lust, nur in Emotion und Ehre zu investieren.

SPIEGEL ONLINE: Investoren aus China sollen Interesse an der Textilkette haben. Ergibt das aus Ihrer Sicht Sinn?

Heinemann: Absolut. Chinesische Investoren denken massiv über Vertikalisierung nach. Soll heißen: Die Hersteller sind die neuen Händler und brauchen keine Zwischenstufe mehr. Wo immer es möglich ist, schaltet man diese Zwischenstufen aus, um mehr Gewinn zu erzielen.

SPIEGEL ONLINE: China ist die Nummer eins in der weltweiten Textilproduktion.

Heinemann: Genau. Und wenn schon fast 99 Prozent dessen, was in einem C&A-Geschäft auf der Stange hängt, in China produziert wird, wieso sollte sich da ein chinesischer Investor nicht denken: Den Rest können wir auch noch. So ein Laden könnte selbst Primark im Preis unterbieten.

SPIEGEL ONLINE: Wer könnte von so einem Deal profitieren?

Heinemann: Es wäre ein logischer Schritt - für beide Seiten. Für die Familie Brenninkmeijer wäre das Drohszenario des schrittweisen Abstiegs von C&A schnell und elegant vom Tisch. In jüngster Zeit hat man sich sowieso auf die Rolle als Finanzinvestor konzentriert. Und chinesische Investoren könnten damit ein Unternehmen mit gutem Ruf und Tradition erwerben, das fest in Europa verwurzelt ist und über ein breites Filialnetz verfügt.

SPIEGEL ONLINE: C&A ist auch in China mit mehr als 80 Filialen vertreten.

Heinemann: Ja, man kennt die Geschäfte. Aber darüber hinaus war C&A auch einer der ersten europäischen Händler, die in China "gesourct" haben, wie man in der Branche sagt, also Waren im Ursprung eingekauft haben. C&A hat sich in der chinesischen Textilproduktion als Einkäufer einen Namen gemacht, die Firma verfügt gerade in Hongkong über ein gutes, etabliertes Netzwerk.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch chinesische Investoren müssten investieren.

Heinemann: Sicher. 2016 sprach C&A bereits von rund einer Milliarde Euro Investitionsbedarf, der sich wahrscheinlich vornehmlich auf das Stammgeschäft bezog. Seitdem ist es nicht weniger geworden, und ich gehe für die zukunftsfähige Digitalisierung von einer weiteren Milliarde aus.

SPIEGEL ONLINE: Würde C&A bei einer Übernahme aus den deutschen Innenstädten verschwinden?

Heinemann: Das glaube ich nicht. Wenn Chinesen sich in fremde Märkte einkaufen, dann schauen sie meist erst einmal ganz genau hin und lernen. Auch wenn manche Investoren aggressiv auftreten: Ich habe es selten erlebt, dass chinesische Eigentümer sofort alles auf den Kopf stellen. Auch die Mitarbeiter sollten sich deshalb erst einmal keine Sorge machen.