Mini-Pizza Carazza Echt fertig

Ob Wunder der Lebensmitteltechnik oder neuester Elektroschrott - SPIEGEL-ONLINE-Redakteure bekennen sich ab sofort regelmäßig zu unheimlichen Vergnügen beim Einkauf. Diesmal: Carazza, die Pizza für die Westentasche.

Serviervorschlag: Die Verpackung zeigt Carazza in ihrer schlichten Schönheit
Unilever

Serviervorschlag: Die Verpackung zeigt Carazza in ihrer schlichten Schönheit

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Hamburg - Aber ja doch, die Konsumwelt ist gruselig. In Tiefkühlkost steckt Pferdefleisch, in Handys Kinderarbeit, und unsere Bettwäsche leuchtet dank chemischer Aufheller im Dunkeln. Bei manchen Produkten müssen wir zugreifen, obwohl sie eigentlich viel zu fett sind, zu süß, hässlich oder nutzlos.

Das Produkt

Sie heißt Carazza, wird bald 20 Jahre alt und räumt laut Hersteller mit einem Missverständnis auf: dass man Pizza beim Italiener kauft. "Irrtum. Die kleinste Pizza der Stadt kriegst du im Supermarkt und an der Tankstelle."

Stimmt. Für rund einen Euro gibt es an der Tanke ein etwa bierdeckelgroßes, in Alu eingeschweißtes Weizengebäck. Gefüllt ist es mit den Minimalzutaten einer Salami-Pizza: Stückchen Wurst, Scheibe Käse und ein Klacks kaltes Tomatenmark.

Klingt gar nicht mal so lecker? Mag sein. Doch für bestimmte Lebenslagen ist Carazza der perfekte Begleiter. Nicht immer bleibt schließlich Zeit für eine echte Mahlzeit, mit Nährstoffen, Vitaminen und anderen Sonderwünschen. Manchmal braucht man einfach ganz schnell etwas in den Magen.

An süßen Sattmachern mangelt es zwar nicht, bei Lust auf Herzhaftes aber ist die Auswahl deutlich geringer. Das Verzehren von Chips oder Nüssen kostet zudem viel Zeit. Ganz anders Carazza: Drei, vier Bissen reichen und schon hat man, mit etwas Phantasie, tatsächlich eine winzige Pizza verspeist. Es hilft freilich, dabei nicht mehr ganz nüchtern zu sein.

Das Geheimnis

Wie viele erfolgreiche Produkte griff Carazza große Strömungen des Zeitgeistes auf und interpretierte sie neu: den Megatrend "Miniatisierung" und den Megatrend "kalte Pizza". Immerhin erblickte das Produkt 1994 das Licht die Welt, zu Frühzeiten der New Economy. Alles wurde damals kleiner und schneller, im selben Jahr kam Pingui auf den Markt, ein "Snack im Handyformat". In den Start-ups bastelten Nerds an der Zukunft. Ihr Grundnahrungsmittel: Pizza, gern auch kalt genossen.

Die Carazza-Macher führten beides zusammen. Sie nahmen die kalte Pizza und schrumpften sie, auf dass auch der Normalbürger ihre Vorzüge kennenlerne. Verzichtet wurde dabei auf große Marketingtricks. Auf der Verpackung zeigt ein Querschnitt durchs Weizengebäck den Inhalt genauso profan wie er ist - höchstens die Kräuter im Tomatenmark sind etwas ausgeprägter als in der Realität. Auch der Verweis auf "10 Prozent Zubereitung mit Käse und Pflanzenfett" dürfte nicht dazu angetan sein, Gourmets auf eine falsche Fährte zu locken.

Die Lehre

Carazza hat für Food-Designer eine klare Botschaft: keine Angst vor kreativen Kopien! Schon die US-Kette Starbucks Chart zeigen schuf schließlich ihre ganz eigene Melange europäischer Kaffeekultur, inklusive italienischer Phantasienamen. Und auch Carazza ist kein echtes italienisches Wort. Es erinnert einerseits ans liebkosen (carezzare), andererseits aber auch an die Formulierung "Che razza di…è questo". Übersetzt heißt das etwa: Was zum Teufel ist das? Gute Frage.

Wollten die Kreativen bei der Union Deutsche Lebensmittelwerke damit die Ausrufe entgeisterter Carazza-Konsumenten vorwegnehmen? Genug Humor wäre ihnen zuzutrauen. Immerhin stellt die Unilever Chart zeigen-Tochter auch Bifi her, seit Jahrzehnten die beliebteste Imitation einer italienischen Salami. Die wiederum gibt es seit einiger Zeit auch in der Variation "Bifi aufs Brot": Normaler Salami-Aufschnitt, aber mit "Original-Bifi-Geschmack". So viel Chuzpe verdiene den Titel "Beste Marken-Dehnung", befand das Fachblatt "Absatzwirtschaft" anerkennend - und komplett ironiefrei.

Das Imitat überholt die Realität - dieser Trend ist nun auch bei den Mini-Pizzen zu beobachten: Im Internet findet sich ein Rezept für Carazza zum Selberbacken. Ein Nutzer kommentiert begeistert, das Ergebnis schmecke "genau wie das Original. Eigentlich sogar noch besser".

Echten Italienern könnten solche Sätze die Tränen in die Augen treiben. Dabei sollten sie einfach von Carazza lernen und selbst anfangen, kulinarische Errungenschaften anderer Länder in Snack-Form zu transformieren. Etwa "Uffta", den Schweinsbraten im iPhone-Format, oder "Superkraut" - den Weißkohlhappen für Zwischendurch.



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
rolie 29.04.2013
1. Da gehört
Wenn nun im Spiegel auch dermaßen unverhohlen Loblieder auf irgendwelche Produkte der Wirtschaft gesungen werden, nicht mal ein einziges Wort der Kritik laut wird, vermute ich dabei einen unterstützenden Impuls des Herstellers, sich des Produktes doch einmal redaktionell anzunehmen. So was nennt sich dann PR-Artikel, und dieses hier ist einer in Reinkultur. So ein Artikel wird normalerweise gut honoriert, denn nun kennt jeder, der bisher achtlos daran vorbeigegangen ist, "Carazza". Und sicher wird es der eine oder andere auch mal probieren. Wie will denn der SPIEGEL sich seine Berechtigung erhalten, Vetternwirtschaft und Mauscheleien anzuprangern, wenn er selbst auf dieser Welle schwimmt und sein Geld damit verdient?
mebschmw 29.04.2013
2.
Herrlich frischer Schreibstil, ironisch und kurzweilig. Das hätte ich gerne öfter bei SPON. Von Syrien und AIDS abgesehen eignet sich wohl fast jedes Thema dafür, solange es nicht nur ne Umdichtung vom Tickertext ist. Obwohl, selbst der Agenturmüll könnte so aufgehübscht werden! Danke für den Schmunzler zum Tagesanfang!!!
riverelbe 29.04.2013
3. Toll!
Danke SPON für den Start in den Montag! Mit soviel Witz und Ironie wache ich doch fast schon gern auf!!
tinao 29.04.2013
4.
Jetzt wird hier auch noch hemmungslos Werbung für ein Stück Pappe mit Wurst gemacht. Fällt euch bei SPON denn wirklich nichts besseres ein???
dongerdo 29.04.2013
5.
Zitat von sysopUnileverOb Wunder der Lebensmitteltechnik oder neuester Elektroschrott - SPIEGEL-ONLINE-Redakteure bekennen sich ab sofort regelmäßig zu unheimlichen Vergnügen beim Einkauf. Diesmal: Carazza, die Pizza für die Westentasche. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/carazza-die-unheimliche-anziehungskraft-der-mini-pizza-a-884303.html
Ich gestehe - ich bin ein Carraza Käufer. Ein bisschen Scham ist immer dabei aber es hilft alles nix. So eklig das Zeug objektiv betrachtet auch sein mag, für die "ich habs eilig, muss aber noch wenigstens einen Bissen essen"-Situation an der Tankstelle ist das Teil ideal. Und sind wir mal ehrlich: die meisten Alternativen an vielen Tankstellen (nicht allen) sind noch schlimmer. Belegte Brötchen die gefühlt so alt sind wie man selbst, die seit Jahrzehnten immer gleichen Croissants, usw und so fort für teils kranke Preise. Bei dem abgepackten Zeugs weiß man wenigstens was einen erwartet. Dass einzige was auf meiner Liste der Tankstellensünden noch weiter oben rangiert ist diese Standard-Bananenmilch die es überall gibt: hat niemals eine Banane auch nur aus der Nähe gesehen aber muss unbedingt sein..... Die Idee allerdings das Ganze zu Hause nach zu kochen finde auch ich allerdings strange ^^
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