Automanager in Haft Der mysteriöse Fall des Carlos Ghosn

Seit November sitzt Starmanager Carlos Ghosn in Japan in Haft. Dem Renault- und früheren Nissan-Chef wird Betrug vorgeworfen. Doch sein tiefer Fall könnte auch damit zu tun haben, dass er vielen zu mächtig geworden war.
Carlos Ghosn (Archivbild)

Carlos Ghosn (Archivbild)

Foto: PHILIPPE WOJAZER/ REUTERS

Für Carlos Ghosn war es ein herber Rückschlag. Vergangene Woche erhob die japanische Staatsanwalt neue Anklagen gegen den französischen Renault-Chef. Seit November ist der Konzernlenker in Tokio inhaftiert, nun drohen ihm weitere Monate im japanischen Gefängnis: In frühestens sechs Monaten kommt es zu einem Prozess, eine Freilassung gegen Kaution hat das Bezirksgericht in Tokio gerade abgelehnt. Bei dem Prozess kann die Staatsanwaltschaft bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe fordern.

Ghosn hatte erst wenige Tage vorher vor einem japanischen Gericht gesprochen und seine Unschuld beteuert. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, einen Teil seines Einkommens als Nissan-Chef, das ihm erst im Rentenalter ausgezahlt werden soll, nicht den Steuerbehörden gemeldet zu haben. Ghosn hält dagegen, dass die Offenlegung auch nach Auffassung der Steuerexperten von Nissan bisher nicht zwingend war. Das Geld sei ja noch nicht gezahlt worden.

Doch im Fall Ghosn geht es längst um viel mehr als um einen Steuerstreit vor Gericht. Nicht umsonst trug Ghosns japanischer Verteidiger, der mit allen Wassern gewaschene ehemalige japanische Staatsanwalt Motonari Otsuru, seine Argumente vergangene Woche vor dem Club der ausländischen Journalisten in Tokio vor.

Ohne es so zu sagen, drückte Otsuru damit aus, wie sehr der Fall Ghosn inzwischen zu einem Streit zwischen Europa und Japan eskaliert ist. Dort findet Widerspruch gegen das Vorgehen der Staatsanwaltschaft bisher wenig Gehör. Also setzt Otsuru auf Druck aus dem Westen, sonst würde er nicht vor dem Korrespondentenclub sprechen.

Ghosn-Anwalt Motonari Otsuru auf dem Weg zum Gericht

Ghosn-Anwalt Motonari Otsuru auf dem Weg zum Gericht

Foto: Shinji Kita/ AP

Bis vor kurzem war Ghosn so etwas wie ein globaler Superstar unter den Managern. Mehr als ein Jahrzehnt lang führte der Mann mit den drei Staatsbürgerschaften (Brasilien, Frankreich, Libanon) die Autohersteller Renault und Nissan in Personalunion und schmiedete eine kontinentübergreifende Autoallianz, zu der vor gut zwei Jahren auch der japanische Mitsubishi-Konzern hinzukam. Bis zu seiner Verhaftung im vergangenen November besetzte Ghosn den Posten den Vorstandschefs bei Renault   und den des Verwaltungsratsvorsitzenden bei Nissan   und Mitsubishi  .

Befremden über die Haftbedingungen

Nun gibt es tiefe Risse in der multikulturellen Allianz. Schon die Haftbedingungen Ghosns sorgen in Europa für Befremden: Die Verhöre fanden über Wochen täglich und ohne Rechtsbeistand statt - sogar am Neujahrstag, dem wichtigsten japanischen Feiertag. Das ist sehr unüblich und signalisierte der Öffentlichkeit, dass man Ghosn wie einen Schwerverbrecher behandelt. Zudem durfte er bis vergangene Woche nur Botschaftsangehörige und seinen Anwalt sprechen. Seine Familie hatte keinen Zugang.

"Ich bitte die japanischen Behörden um jedwede Information über die Gesundheit meines Mannes. Wir sind in großer Sorge um seine Gesundung", sagte Carole Ghosn, die Ehefrau des Angeklagten, in Paris, nachdem ihr Mann vergangene Woche in der Tokioter Haft mit Fieber erkrankt war. In einem Brief an Human Rights Watch beschwerte sie sich über die "harte Behandlung", bei der ihm nicht mal seine täglich nötigen Medikamente gewährt würden.

Schon sorgen sich westliche Unternehmen in Japan um die Folgen des Fall Ghosn. Viele sehen die Vorwürfe gegen den Top-Manager als fingiert an. Der in Tokio tätige amerikanische Wirtschaftsanwalt Stephen Givens kritisierte kürzlich gegenüber der "New York Times" die finanztechnischen Finessen, mit denen die japanischen Staatsanwälte arbeiten würden. Ob nun ein Vorstandsbeschluss von Nissan aus dem Jahr 2008 tatsächlich genau genug formuliert sei, und ob Nissan die Zukunftsgehälter seines Chefs nun tatsächlich garantiert habe oder nicht: "Oh lieber Gott! Davon soll abhängen, ob du im Gefängnis bist oder nicht?" empörte sich Givens.

Wie unabhängig sind Staatsanwälte?

Solche Expertenauffassungen schüren Zweifel daran, dass die Justiz sauber mit Ghosn umgeht. Auffallend ist, dass man in Paris bisher an Ghosn als Renault-Chef festhält. Damit reagieren die Franzosen auch ganz anders als der dritte große Konzern der Auto-Allianz, Mitsubishi Motors, wo Ghosn ebenfalls als Verwaltungsratsvorsitzender abgelöst wurde. Bei Mitsubishi hat Ghosn sich allerdings nichts zuschulden kommen lassen.

Fernsehleinwand in Tokio

Fernsehleinwand in Tokio

Foto: BEHROUZ MEHRI/ AFP

Also alles eine japanische Intrige gegen den bisher allzu mächtigen Ghosn?

Am Montag widersprach Nissan-Chef Hiroto Saikawa. "Nissan wird nicht rejapanisiert", trat er in einem Interview mit der französischen Wirtschaftszeitung "Les Echos" Gerüchten entgegen. Auch Renault werde der Entlassung Ghosns zustimmen, wenn das Unternehmen Klarheit über das Ausmaß der "absichtlichen Manipulationen und Verschleierungstricks" seines Chefs gewinne, sagte Saikawa. Bisher hätte der Renault-Vorstand aus Verfahrensgründen keinen vollständigen Zugang zu den Akten, so Saikawa. Den Vorwurf einer Intrige bezeichnete er als "absurd".

Gegen Saikawas Version spricht, dass sich viele bei Nissan als Juniorpartner der Allianz von Renault übervorteilt sahen. Vor seiner Verhaftung hatte Ghosn den ausdrücklichen Auftrag seiner Aktionäre, in erster Linie der französischen Regierung, seine Nachfolge zu regeln. Dafür soll er an einer stärkeren Fusion der beiden Konzerne gearbeitet haben, was wohl viele Führungskräfte bei Nissan weiter geschwächt hätte.

Möglicherweise ist Intrige als Wort aber auch zu stark. Die Bewunderung, die Ghosn anfangs in Japan entgegengebracht wurde, ist zumindest in der eigenen Branche verblasst. Die Regeln für respektvolles Geschäftsgebaren und sozialen Ausgleich in Japan sind kompliziert, Ghosn hat sie gepflegt und beherrscht. Aber von seiner ursprünglichen Kostenkiller-Mentalität, der Nissan anfangs sein Überleben verdankte, ist er nie abgewichen.

Gegenspieler der Gewerkschaften

Das macht ihn bis heute zum Gegenspieler der Gewerkschaften, in Frankreich, aber auch in Japan, wo Aufgaben in der Personalvertretung die Manager immer noch für höhere Aufgaben auszeichnen. Gut möglich, das Ghosns Auftreten vielen bei Nissan sauer aufgestoßen ist.

Für den US-Japan-Experten Jesper Koll, der in Tokio die amerikanische Investment-Firma WisdomTree vertritt, passt der Fall Ghosn prima in eine neue Strategie des führenden japanischen Unternehmerverbands Keidanren. Der Verband promotet mehr Führungstransparenz in Japans Chefetagen. "Japan ist stolz darauf, ein besseres System zu haben", so Koll. Also nutze Keidanren den Fall Ghosn zur Abgrenzung, als Symbol für den Typ des geldgierigen westlichen Managers, der in Japan keine Chance haben dürfe.

Das heißt nicht, dass Keidanren das Vorgehen gegen Ghosn angezettelt haben muss. Aber nun wirkt der Verband als ein Treiber in der Debatte.

Keidanren wird in Japan traditionell von den Konzernfamilien ("Keiretsu") wie Mitsubishi dominiert. Nissan war für den Verband immer Außenseiter und Nissans Erfolg mit Ghosn, der den Autobauer einst vor dem Bankrott bewahrte, daher zweitrangig. In Tokioter Managerkreisen galt es deshalb als Prestigeverlust für Mitsubishi, als sich Ghosn mit Renault-Nissan vor zwei Jahren auch dort einkaufte.

Große Zahl von Kleinigkeiten

Viele dieser Faktoren spielen in der Summe eine wichtige Rolle, auch wenn sie aus europäischer Sicht zunächst nebensächlich erscheinen mögen. Sie erklären zumindest, warum Ghosn in Japan nur wenige Fürsprecher hat, obwohl die Vorwürfe bislang nicht bewiesen sind.

Tatsache bleibt: Jemanden wie ihn gibt es sonst nicht in Japan. Kein zweiter westlicher Manager war in Japan zuletzt über so lange Zeit so erfolgreich wie er. Kein zweiter westlicher Konzern war wie Renault über seine Allianzen so einflussreich in einer japanischen Schlüsselbranche. "Niemand verstand es besser, das volle Potential zu nutzen, das japanische Technologie und Markenpolitik als Sprungbrett zur globalen Marktführerschaft bieten, als Carlos Ghosn", sagt Japan-Experte Koll. So gibt es in Japan und Europa heute viele, die ihm seinen Erfolg neiden.

Allerdings finden sich kaum handfeste Hinweise, dass Ghosn deshalb von der Justiz unfair behandelt würde. In Tokio ist schon lange heiß umstritten, wie unabhängig in solch hochsensiblen Verfahren die Staatsanwälte sind. Einerseits gelten sie als unerschrocken und bereit, es mit den Mächtigsten aufzunehmen. Andererseits entstehen immer wieder Verdachtsmomente politischer Einflussnahme bei ihrer Arbeit.

Dieses Mal bedienen sich die Staatsanwälte offenbar eigener Quellen im Nissan-Konzern. Ob es sich bei ihnen um standhafte "Whistleblower" handelt, wie zuletzt die "New York Times" berichtete, oder nur um devote Handlanger von Ghosns internen Gegnern, bleibt offen. Das Ergebnis ist in jedem Fall vorerst das gleiche: Ghosn bleibt im Gefängnis.

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