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Ex-Automanager Carlos Ghosn über seine Flucht aus Japan "Man wollte mich brechen"

Der frühere Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn floh unter abenteuerlichen Umständen aus Japan; er wird von Interpol gesucht. Der SPIEGEL hat ihn in Beirut getroffen.
aus DER SPIEGEL 8/2020
Ehemaliger Vorstandschef Ghosn in Beirut nach seiner Flucht aus Japan

Ehemaliger Vorstandschef Ghosn in Beirut nach seiner Flucht aus Japan

Foto:

DIEGO IBARRA SÁNCHEZ / DER SPIEGEL

Carlos Ghosn hat kein Verständnis für die Kritik an seinem Gehalt von zuletzt gut 15 Millionen Euro. "Sehen Sie, ich werde durch fünf Leute ersetzt", sagt Ghosn im Gespräch in Beirut. "Ich war Aufsichtsrat und Chef von Nissan, Aufsichtsrat und Chef von Renault und Aufsichtsrat von Mitsubishi. Wenn Sie die Gehälter und Reisekosten meiner fünf Nachfolger addieren, werden Sie sehen: Das ist kein guter Deal für die Firma." Darüber hinaus verteidigt Ghosn seinen Führungsstil. "Die Automobilindustrie ist brutal, ein extrem umkämpfter Markt mit Konkurrenten wie Toyota, Ford und General Motors", so Ghosn. "Das ist keine Welt, in der sie vorankommen, indem Sie nett sind, sich an den Händen halten und sich Küsschen auf die Wange geben. Pfadfinder und kleine Jungs kommen da nicht weit."

Man kann hier, von der Dachterrasse des Luxushotels Albergo in Beirut aus, das Elend sehen, die abblätternden Hausfassaden, den Schutt der Hinterhöfe. Abends fällt oft der Strom in der Stadt aus, das Wasser ist ungenießbar, auf den Straßen rufen die Menschen nach der Revolution. In ein paar Tagen wird es wieder Straßenschlachten geben, dort unten, nicht weit von hier. Doch der Mann, der jetzt kommt, wird nicht nach unten sehen. Er schaut nach oben. Er hat immer nach oben geschaut.

Carlos Ghosn ist ein polizeigesuchter Flüchtling, vielleicht einer der privilegiertesten. Sein Privatvermögen wurde einst auf 120 Millionen Dollar geschätzt. Bis vor Kurzem war er Chef eines der größten Konzerne der Welt, einer Allianz der Autohersteller Nissan und Renault. Er führte ein Reich mit fast einer halben Million Mitarbeitern in 200 Ländern, beaufsichtigte 122 Fabriken, verkaufte jedes Jahr mehr als zehn Millionen Autos, reiste mehr als hundert Tage im Jahr im Firmenflieger. Er war ein König, fast 20 Jahre lang.

Dann stürzte er. Die japanische Staatsanwaltschaft verdächtigte ihn der Steuerhinterziehung und privaten Verwendung von Firmengeldern. Zu Unrecht, erklärt Ghosn. Er kommt in Tokio monatelang in Haft, wird später unter Hausarrest gestellt. Im Dezember floh er in den Libanon, das Land seiner Großeltern, in dem er seine Jugend verbracht hat.

Seine Flucht war so spektakulär, dass es dazu ein Videospiel gibt mit dem Titel: "Ghosn is gone". Die Planung umfasste eine japanische Atemmaske, den Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen, eine rätselhafte Kiste, zwei Privatjets, vier Piloten, einen ehemaligen amerikanischen Elitesoldaten und einen libanesischen Kriegsveteranen. Die Kaution von zwölf Millionen Euro ließ Ghosn einfach zurück.

Jetzt ist er hier, in Beirut, seit etwas mehr als einen Monat. Er lebt in einem vornehmen, lachsfarbenen Haus im mehrheitlich christlichen Stadtteil Aschrafija, bekannt für sein Nachtleben, für gute Restaurants, Luxushotels und teure Galerien.

Ghosn kommt im SUV zum Interview, die 300 Meter von seinem Anwesen zum Hotel soll er aus Sicherheitsgründen nicht zu Fuß zurücklegen, so sagen es seine Bewacher. Er trägt einen blauen Anzug, dunkle Lederslipper an den Füßen, am linken Handgelenk eine Swatch-Uhr. Ein schwerer Bodyguard mit Funkgerät am Ohr drängt sich mit in den Aufzug. Ghosn wirkt kontrolliert, höflich, fast charmant.

Auf der Dachterrasse des Hotels zeigt er den Besuchern die nahen, schneebedeckten Berge, hinter denen sein Weingut liegt; das Meer, auf dem seine Jacht schwamm; den wolkenfreien blauen Himmel über seiner Stadt Beirut. Das Tempo von früher hat er beibehalten, ungeduldig geworden, gewährt er dem Fotografen einige wenige Minuten für ein Porträt. "Das geht alles von Ihrer Zeit ab", sagt er scharf zu uns, den Journalisten. Und dann: "Okay, wann fangen wir endlich an?"

SPIEGEL: Herr Ghosn, warum brauchen Sie einen Bodyguard?

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