Kahlschlag bei Gruner + Jahr So gerät der Journalismus in Gefahr
Mitarbeiter von Gruner + Jahr protestieren gegen Bertelsmann-Chef Rabe
Foto: Jonas Walzberg / dpaDas Schicksal von Gruner + Jahr erschüttert die Medienlandschaft weit über Hamburg hinaus. Mehr als ein Drittel der Mitarbeitenden sollen das Unternehmen verlassen, etliche Titel werden verkauft oder eingestellt, das Geschäft auf die Kernmarken fokussiert und viele Verlagstätigkeiten künftig durch RTL in Köln übernommen. Neben den Folgen für die Beschäftigten und den Standort macht vor allem Sorge, dass die kühle wirtschaftliche Logik hinter den Entscheidungen von RTL auch andere Weichenstellungen in nächster Zeit prägen könnte. Dann droht der Journalismus insgesamt in Gefahr zu geraten.
Die Ökonomie der Medien verändert sich rasant. Ehemals sichere Erlösströme versiegen. Die Kosten für Papier und Energie gehen durch die Decke. Die digitalen Strategien verfangen noch längst nicht so, wie sie es müssten. Und die rein digitale Konkurrenz muss sich nicht mit den Lasten des analogen Geschäfts herumschlagen.
Erfolgsgeschichten aus der Medienbranche sind derzeit rar. Steigende Kosten und schrumpfende Margen führen dazu, dass betriebswirtschaftliche Erwägungen weit in den Vordergrund treten. Auch die Begründungen der jüngsten Entscheidungen von RTL folgen dieser Logik.
Dabei gerät aus dem Blick, dass es sich bei journalistischen Medien nicht um x-beliebige Waren handelt, sondern um Güter, die neben ihrem wirtschaftlichen auch einen so bedeutenden gesellschaftlichen und demokratischen Wert besitzen, dass es gilt, ihre Verfügbarkeit unabhängig von ihren Gewinnaussichten zu sichern. Es war der Autor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, der gesagt haben soll, dass er eher auf die Regierung als auf die Zeitungen verzichten würde. Und das stimmt noch immer.
Demokratie ohne Journalismus ist nicht vorstellbar. »Tut uns leid, wir können uns die kommunikative Infrastruktur unserer Demokratie leider nicht mehr leisten« – das ist keine Option.
Der damalige »Zeit«-Chefredakteur Roger de Weck brachte vor gut 20 Jahren einen bemerkenswerten Satz zu Papier: »Wir müssen Journalismus möglich machen, trotz der Medien.« Dahinter steckt die Beobachtung, dass die Medien als technische und wirtschaftliche Verbreitungsstruktur vorwiegend profitorientiert operieren, während der Journalismus das gesellschaftliche Gespräch unserer Demokratie vermitteln soll.
In der klassischen Medienwelt waren diese beiden Interessen eng miteinander verknüpft: Je größer die Reichweite, desto höher der Anzeigenpreis, desto größer die Vertriebserlöse und die Zahl der Leser der Information. Die Welt war in Ordnung, solange Presseprodukte im Kern Anzeigenraum waren, der erst durch die redaktionelle Gestaltung zur Ware wurde, wie der Zeitungsprofessor Karl Bücher vor 100 Jahren schrieb.
Doch diese Verbindung ist gekappt. Um Anzeigen zu verkaufen, braucht es heute keinen Journalismus mehr. Um an Inhalte zu kommen, oftmals auch nicht mehr das gesamte redaktionelle Produkt. Die Fachleute sprechen von »Entbündelung«. Die hat eine für den Journalismus fatale Folge: Wenn Anzeigenerlöse und journalistische Erlöse getrennt ausgewiesen werden, droht der Journalismus als Geschäftszweig zum ungeliebten, weil weniger profitablen Betätigungsfeld zu werden.
Statt die Erlösströme im Unternehmen zusammenzudenken und als Grundlage journalistischer Berichterstattung zu nutzen, wird dann verlangt, dass sich journalistische Produkte aus sich selbst heraus finanzieren müssen. Wenn ihnen das nicht gelingt, werden sie als nicht zukunftsfähig betrachtet, weil sie nicht genug zum Unternehmensergebnis beitragen.
Und genau das passiert momentan. Und es wird weiterhin passieren, wenn diese Logik nicht aufgebrochen wird. Denn wenn man bedenkt, dass früher rund zwei Drittel der Einnahmen eines Verlagshauses aus dem Anzeigengeschäft kamen, kann man sehen, wie kompliziert die Erwartung ist, dass sich journalistische Produkte aus sich selbst heraus tragen müssen.
Natürlich gibt es die Verlagshäuser, die sich um eine starke publizistische Marke herum entwickeln – und bei denen auch die vielen profitablen Zusatzprodukte davon abhängig sind, dass das Vertrauen in die Marke erhalten bleibt. Aber in großen und diversifizierten Konzernen, in denen das journalistische Geschäft nur noch eines unter vielen ist, scheint das Bewusstsein für diese Abhängigkeiten unter die Räder zu geraten.
Dabei braucht es gerade jetzt Verantwortliche in den Medienhäusern, die die entbündelten Erlöse als Teil eines Gesamtkonzeptes und nicht als einzelne Kostenstellen und Profitcenter betrachten. Auch das Geld, das mit Plattformen oder digitalem Marketing verdient wird, kann schließlich der Finanzierung des publizistischen Auftrags dienen, so wie früher die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft.
Wer ein Medienunternehmen leitet, trägt auch für das Gelingen demokratischer Kommunikation Verantwortung. Ich hoffe daher sehr, dass es branchenweit auch weiterhin ein verlegerisches Ethos gibt, das Redaktionen Freiheit und Entwicklungsperspektiven sichert. Denn der Staat kann hier kaum stützend eingreifen, weil die Medien natürlich unabhängig sein müssen. Er kann allenfalls aus gesellschaftlicher Verantwortung für eine demokratische Öffentlichkeit heraus Rahmenbedingungen setzen.
Dazu gehört zum einen die vielfach geforderte Augenhöhe der Medien zu den digitalen Plattformen. Die EU drängt zunehmend in diesen Bereich hinein und verringert die nationalen Handlungsspielräume. Aber alles, was wir in Deutschland politisch tun können, müssen wir – wie zum Beispiel mit dem Medienstaatsvertrag – auch tun. Das gilt auch für die vom Bund angekündigte Pressevertriebsförderung, die kommen muss, damit gerade die Tageszeitungen es sich für eine Übergangszeit überhaupt noch leisten können, ihre Ausgaben jeden Morgen direkt in die Hausflure und Briefkästen zu bringen.
Und zum anderen braucht es eine Innovationskultur, die beim Bewusstsein in den Medienhäusern anfängt. Gruner + Jahr hat immer wieder vorgemacht, wie das aussehen kann, bevor es in einen Strudel der internen Selbstbeschäftigung gestürzt wurde. Es braucht strategische und strukturierte Innovation. Gerade weil die Medien unter solch einem enormen Transformationsdruck stehen, kann hier auch grundlegende wissenschaftliche Begleitung helfen.
Es ist mir schon lange ein Rätsel, warum diese Chancen von der Medienbranche nicht genutzt werden. Viele andere Wirtschaftszweige sind erfolgreich mit Experimentier- und Laborräumen, in denen erforscht wird, wie Produkte der Zukunft aussehen. Solche Anstrengungen für Forschung und Entwicklung bräuchten die Medien auch.
Denn in der Digitalisierung stecken immense Chancen: Niemals konnten Redaktionen mehr über die Bedürfnisse des Publikums wissen. Niemals war mehr Kommunikation und auch Feedback möglich. Nie konnte Journalismus tatsächlich besser ins Gespräch kommen. Nie standen mehr technische Hilfsmittel zur Verfügung, die die redaktionelle Arbeit als Ganzes zwar nie ersetzen, aber sicherlich besser machen können.
Die richtigen Strategien dafür zu entwickeln, damit journalistische Produkte auch künftig Orientierung geben und Zusammenhänge in einer Flut unübersehbarer Kommunikation aufzeigen können, ist eine große und notwendige Aufgabe. Die Medienhäuser, die sie angehen wollen, werden künftig wirtschaftlich und gesellschaftlich erfolgreich sein. Davon bin ich überzeugt.
Sollten Medienunternehmen aber auch in Zukunft nicht wieder mehr Lust auf Journalismus bekommen, wird sich der politische Blick auch auf die Stärkung öffentlich-rechtlicher Angebote und gemeinnütziger Projekte richten müssen. Der Wunsch, dass sich die Gesellschaft nicht weiter in den Medienmarkt einmischt, ist nur so lange begründet, wie dieser Markt auch die gesellschaftlich gewünschten Produkte produziert: freien Journalismus und die unabhängige Herstellung demokratischer Öffentlichkeit. Sie sind es, die geschützt werden müssen, nicht mediale Geschäftsmodelle an sich. Wir sind bislang gut mit einem Mediensystem gefahren, in dem privat- und gemeinwirtschaftliche Angebote darum konkurrieren, diese Leistungen zu erbringen. Ich hoffe sehr, dass das so bleiben wird.
Eines darf jedenfalls nicht passieren: dass es uns künftig einmal so gehen wird wie der Protagonistin in Tom Rachmanns Roman »Die Unperfekten«, die zum Schluss in einem verwaisten Redaktionsraum steht und räsoniert: »In diesem Raum war einmal die ganze Welt gewesen. Jetzt war hier nur noch Müll. Die Zeitung – die täglichen Nachrichten von der Idiotie und der Brillanz der Spezies Mensch – hatte nie zuvor eine Verabredung nicht eingehalten. Jetzt war sie weg.«
Der Roman ist vor 13 Jahren erschienen. Als Dystopie ist er erschreckend aktuell. Aber noch haben Medien und Journalismus es in der Hand, es so weit nicht kommen zu lassen. Vor allem dann, wenn es gelingt, Journalismus mit den Medien zu machen.