Casino Générale Kerviel-Prozess bringt Bankführung in Erklärungsnot

Jahrhundertbetrüger oder Opfer des Kapitalismus? In Paris beginnt der Prozess gegen Jérôme Kerviel: Dem Händler der Société Générale wird vorgeworfen, bis Anfang 2008 fast fünf Milliarden Euro verzockt zu haben. Für viele Franzosen aber gehört die gesamte Bankführung vor Gericht.

Jérôme Kerviel

Trickser, Täuscher, Terrorist - die Vorverurteilungen aus dem Umfeld seines ehemaligen Arbeitgebers passen so gar nicht zu dem smarten Look des jungen Mannes, der seit Dienstagmorgen vor der elften Kammer der Pariser Strafkammer steht: Im dunklen Anzug tritt vor die Anklagebank, mit schmalen Lippen, den Blick nach innen gerichtet - mehr Tom Cruise, so ein Boulevardblatt, als gieriger Bösewicht.

Société Générale

Dabei wirft die Justiz dem 33-Jährigen Vertrauensbruch, Fälschung und Verbreitung falscher Informationen vor, nebst "manipulierter Eingaben" in ein Computer-System. Der ehemalige Händler der habe ohne Wissen und hinter dem Rücken seiner Vorgesetzten mit riesigen Summen gezockt. Dank seiner Stellung und Kenntnisse, habe er, jenseits der erlaubten Grenzen, mit Millionenwerte auf den internationalen Finanzmärkten spekuliert und dabei die zweitgrößte Bank Frankreichs massiv geschädigt.

Aufgeflogen war die Affäre um den Ex-Händler der Bank im Januar 2008, nachdem sich die ausstehenden Beträge Kerviels auf astronomische 49 Milliarden Euro summiert hatten. Die Société Générale   stoppte die Geschäfte, doch durch die Lösung der Kontrakte summierten sich die Verluste auf noch immer satte 4,9 Milliarden. "Er hat gelogen und wenn das nicht half auch Fakten verdreht", sagt Jean Veil, Anwalt der Bank. Sollte das Gericht der Anklage folgen, drohen Kerviel fünf Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von bis zu 375.000 Euro - neben der Schadenssumme und den Zins und Zinseszins.

Immer die Interessen der Bank vertreten

Kerviel, der acht Jahre in Diensten des Geldinstituts stand, hat freilich immer wieder beteuert, stets nur dessen Interessen wahrgenommen zu haben. Kein Cent sei auf private Konten geflossen, versichert der Händler. Zwar habe er die hausinternen Limits regelmäßig überschritten, aber das sei mit stillschweigender Duldung seiner Vorgesetzten geschehen, fügte er hinzu. Solange jedenfalls, wie der rastlose Junghändler für sein Unternehmen satte Millionenprofite erwirtschaftete.

Der ehrgeizige Banker, sieht sich eher als kleiner Operateur im Getriebe der "Société Générale", als Erfüllungsgehilfe eines Unternehmens, bei dem nur das Ergebnis zählte. Will sagen: Als bloßes Opfer eines Systems und einer Firmenkultur, die bisweilen als "Casino Générale" beschrieben wurde.

Diese Verteidigungsstrategie machte Kerviel im Januar 2008 vorübergehend zum Star des Internets, zum Sympathieträger von Kritikern des Kapitalismus, beinahe zum Robin Hood im Kampf gegen ein irrlichterndes Finanzsystem: T-Shirts wurden angeboten, Web-Seiten warben um Unterstützung.

Der Ex-Händler hat seine Sicht der Affäre pünktlich zum Prozessauftakt in einem ausführlich dokumentierten Buch vorgelegt und davon bereits 80.000 Exemplare verkauft. Das System Sociéte Générale vor Gericht

Denn auch wenn Kerviel über die kriminelle Energie verfügte, die ihm die Anklage zuschreibt, dank seines ingeniösen Umgangs mit der Finanz-Software ausstehende Fehlbeträge durch vermeintliche Positiv-Salden deckte, so bleiben eine Menge Fragen offen: Warum etwa Kerviel für seine Arbeit mit Bonus-Zahlungen beloht wurde, als er im Alleingang 2007 für die Bank 1,5 Milliarden Euro einfuhr? Oder warum seine Vorgesetzten insgesamt 74 Warnungen ignorierten, die bei "atypischen Operationen" Kerviels ausgelöst wurden? Warum die banalen Emails mit durchsichtigen Erklärungen für das Finanzgebaren Kerviels nicht zumindest auf Skepsis stießen?

Und für Außenseiter unerklärlich bleibt vor allem, wie ein einzelner Händler über Monate rund 50 Milliarden Euro bewegen konnte - eineinhalb Mal das Vermögen seines Unternehmens - ohne dass die firmeneignen Kontrolleure der Société Générale davon Wind bekamen.

"Es gab ein gewissen Mangel an Querverbindungen bei der Organisation der Kontrollen", versuchen Bankvertreter eine gestelzte Erklärung der Ereignisse. Tatsächlich freilich, dreht sich das Verfahren nicht mehr nur um einen Streit über Milliardenverluste, über Regelüberschreitungen und kapitale Sicherheitspannen. Viele Franzosen sehen nicht nur die isolierte Figur Kerviels sondern die Führungskräfte der Bank vor Gericht: Die begleitende Debatte zielt auf die obskuren Usancen der Branche, die gesamte institutionalisierte Raffgier des Sektors und jene pervertierte Hatz nach Profit, die durch die Finanzkrise erst recht belegt und bloßgestellt wurde.

Für die Sociéte Générale, die durch Beteiligungen auf dem Markt der US-Subprimes weitere zehn Milliarden Euro einbüsste, steht daher längst nicht mehr die Liquidität, sondern ihr Ruf als renommierte Geschäftsbank auf dem Spiel. Mit denkbar ungünstigen Perspektiven: Selbst wenn das Gericht, das mehrere Dutzend Zeugen geladen hat, um die Praktiken des Finanzhandels zu beleuchten, Kerviel verurteilen sollte - die Bank dürfte dennoch zu den Verlierern zählen. "Nach der Affäre Kerviel haben die Leute uns bedauert", zitiert der "Figaro" einen Finanzmann aus dem Umfeld der Gruppe. "Seit der Krise der Subprimes werden wir gehasst."