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Chinesen am Rhein: Gekommen, um zu bleiben

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China-Investment im Rheinland Herr Liang startet Made-in-Bedburg-Mission

Viel Glamour in einer tristen Gegend: Der chinesische Maschinenbaukonzern Sany baut im rheinischen Bedburg für 100 Millionen Euro eine Fabrik. Zur Einweihung kam extra der Firmengründer, drittreichster Mann seiner Heimat. Die Politik ist begeistert - und feiert sich und die Geldgeber aus Fernost.

"Nein, nein", ruft der Parkplatzwächter in seiner grellgelben Leuchtweste, "da können Sie nicht stehenbleiben. Wirklich nicht." Er rudert wild mit den Armen, sein Blick ist flehentlich. "Bitte fahren Sie weiter, bitte! Das ist hier nur für Super-VIPs."

Super-VIPs?

Nachfrage: "Wer kommt denn noch - DiCaprio, Jagger, Beckham?" "Nee", beschwichtigt der Neonmann, "aber der Bürgermeister von Köln!"

Die 25.000-Einwohner-Stadt Bedburg, im Westen Nordrhein-Westfalens gelegen, ist nicht gerade bekannt für eine überbordende Zahl von Sehenswürdigkeiten. Es gibt ein Schloss aus dem 12. Jahrhundert, eine deutlich jüngere Windmühle und ein mittelalterliches Gut. Wirtschaftlich war es zuletzt ähnlich mau: Die Zeit der Braunkohle, von der man hier jahrzehntelang ordentlich gelebt hat, ist trotz Energiewende und Atomausstieg endgültig vorbei. In Bedburg brauchte man eine Idee.

"Ein echter Coup"

Gunnar Koerdt, 52, ein kleiner, flinker Mann mit randloser Brille und Seitenscheitel, ist der CDU-Bürgermeister der Stadt. Und Koerdt konnte, wie er nicht ganz unbescheiden betont, unlängst "einen echten Coup landen": 60 Gemeinden habe er ausgestochen und den chinesischen Baumaschinengiganten Sany nach Bedburg geholt. Ohne große steuerliche Zugeständnisse, allein weil er die Angelegenheit zur Chefsache gemacht und sich fortan "selbst gekümmert" habe. "Ganz kurze Wege, das war's", sagt Koerdt.

Und dieser Erfolg, den allerdings auch noch andere für sich reklamieren, wird am Montag mit Festakt, Ehrengästen und Musik gebührend gefeiert. Der Baumaschinenkonzern eröffnet seine Deutschlandzentrale im Rheinland, einen grauen Kasten, der noch ziemlich nach Plastik stinkt. Mehr als 100 Millionen Euro wollen die Geschäftsleute aus Fernost hier langfristig anlegen, nach ihren Angaben ist das mehr, als jemals eine chinesische Firma in Europa investiert hat.

Deshalb flog sogar der Firmengründer ein, der mit einem geschätzten Privatvermögen von sechs Milliarden Euro als drittreichster Mann seiner Heimat gilt. Es habe etwas Überzeugungsarbeit gebraucht, so ist zu hören, damit sich Liang Wengen tatsächlich in den Jet gen Deutschland setzte, aber nun belehrt der Unternehmer gütig die versammelten Journalisten.

Chinesische Offensive

Er habe eine Mission, spricht Liang: Weltweit würden Produkte aus China als Waren zweiter Klasse eingestuft. "Es ist mein Entschluss, das zu ändern." Dazu wolle man die Kostenvorteile in China und die hohe Qualität deutscher Güter kombinieren, so Liang. Auf die Frage nach einer - von der Konkurrenz befürchteten aggressiven Preispolitik - sagt der Firmenboss: "Wir sind sehr zuversichtlich, was unseren Konkurrenzvorteil angeht." Die meisten Komponenten produziere man in China und montiere sie in deutschen Hightech-Landen.

Es klingt nach Offensive. Zunächst wird Sany in Bedburg 1870 Betonpumpen und Betonfahrmischer pro Jahr bauen. Das Ziel: "Wir wollen 2015 einen Umsatz von einer Milliarde Euro machen und 2013 erstmals einen Gewinn erzielen", so Liang.

In fünf Jahren sollen gut 600 Beschäftigte - zu 75 Prozent Arbeiter und Ingenieure aus Deutschland und anderen europäischen Ländern - für Sany im Rheinland arbeiten. Aktuell sind es 150. Zur Vertragsunterzeichnung waren Anfang 2009 Chinas Premier Wen Jiabao und Kanzlerin Angela Merkel in die rheinische Provinz gereist. Auch die frühere CDU-Landesregierung unter Jürgen Rüttgers und der aktuelle SPD-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger hängten sich rein.

Der Sany-Firmengründer Liang - Chef von weltweit gut 60.000 Beschäftigten - sieht die Investition als "Meilenstein in der Internationalisierung" des Konzerns. Man komme nach Deutschland, um in der Heimat der Baumaschinen-Industrie nicht bloß zu überleben, sondern nach einem kurzen Lernprozess den Markt mitzubestimmen.

"Smarte Strategie"

Der Co-Direktor des Konfuzius-Instituts Metropole Ruhr, Markus Taube, erkennt darin einen generellen Trend: "Seit etwa vier Jahren gibt es massive Bewegungen chinesischer Unternehmen ins Ausland", so der Wissenschaftler zur "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". "Sie wollen Zugang zu europäischem Know-how, zu unseren Märkten, und sie wollen chinesische Marken etablieren", sagt der Professor.

Taube spricht von einer "smarten Strategie". In China sei die Forschungsleistung vergleichsweise gering. "Wer aber mit europäischen Fachkräften arbeitet, kann Produkte entwickeln, die auf jedem Markt bestehen." Kurzfristig beschere diese Strategie Nordrhein-Westfalen neue Arbeitsplätze und stabile Investitionen. "Mittelfristig baut man sich natürlich auch Konkurrenz auf", so Taube.

Experten erwarten laut "Neuer Zürcher Zeitung" bis 2020 chinesische Investitionen von bis zu zwei Milliarden Euro in Deutschland. Nach Angaben des Landeswirtschaftsministeriums hat sich die Zahl der chinesischen Firmen in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren versiebenfacht.

Geschäfte blockiert

Allerdings beklagen sich einer Studie des German Center for Market Entry (GCME) zufolge 69 Prozent der Geldgeber aus Fernost darüber, dass kulturelle Unterschiede die Geschäfte blockieren. Über 90 Prozent sehen in der deutschen Sprache - als Grundlage für Vertragsverhandlungen - das größte Hindernis. Zwei Drittel beschweren sich über die Bürokratie der Ausländerbehörden und Arbeitsämter. Wer nicht auf chinesische Mitarbeiter zurückgreifen kann, die bereits in Deutschland leben, muss lange auf die nötigen Papiere warten.

"Die Anpassung an den deutschen Markt wird in der Vorbereitung unterschätzt", sagt Alexander Tirpitz, Leiter der Studie und Geschäftsführer des GCME. 70 Prozent der Investoren sind kleine und mittelständische Unternehmen. Die meisten investieren 50.000 bis 250.000 Dollar in den neuen Standort.

Wie viele chinesische Investoren es in Deutschland wirklich schon gibt, weiß niemand so richtig. Regionale Wirtschaftsförderer schätzen die Zahl auf 2000. Die Marketingfirma Germany Trade & Invest geht von 600 bis 800 Firmen aus. Der Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse liege in der Definition, so Tirpitz. Viele Unternehmen finde man nicht im Handelsregister. Zudem verschwiegen deutsche Firmen häufig, wenn ein Investor aus Fernost Geschäftsanteile übernehme. Zu groß ist die Angst, den guten Ruf zu verlieren.

Nicht so in Bedburg, wo man sich ganz offen über den Geldsegen aus Fernost freut. Bürgermeister Koerdt erhofft sich einen "spürbaren Effekt" für seinen 48-Millionen-Haushalt und deutet an, dass bei den Verhandlungen vielleicht auch seine Abiturprüfung 1978 geholfen haben könnte. Damals ging es am Gymnasium Frechen um chinesische Geschichte. Und Gunnar Koerdt holte 13 Punkte.

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