Bericht China schickt Uiguren offenbar zur Zwangsarbeit durchs Land

Erst Internierungslager, dann Zwangsarbeit: Die Recherchen eines australischen Thinktanks legen nahe, dass China Zehntausende Muslime aus Xinjiang landesweit in Fabriken arbeiten lässt, die auch deutsche Firmen beliefern.
Uiguren in einer Textilfabrik in Xinjiang (2012): Verschickt Peking nun Zwangsarbeiter über die Provinz hinaus?

Uiguren in einer Textilfabrik in Xinjiang (2012): Verschickt Peking nun Zwangsarbeiter über die Provinz hinaus?

Foto: REUTERS

Rund eine Million Uiguren hat die chinesische Regierung seit 2017 in der westlichen Provinz Xinjiang in Lagern interniert. Nach Pekings Lesart handelt es sich dabei um "Ausbildungsstätten", in denen Angehörige der muslimischen Minderheit "deradikalisiert" und "qualifiziert" würden, um nach ihrer Entlassung - offiziell: "Schulabschluss" - einen Platz in der chinesischen Gesellschaft zu finden.

Wie dieser Platz aussehen kann, haben Forscher für einen australischen Thinktank recherchiert. "Es gibt zunehmend Beweise, dass nun viele Uiguren gezwungen werden, in Fabriken in Xinjiang zu arbeiten", schreiben die fünf Autoren eines Berichts , den das Australian Strategic Policy Institute am Sonntag veröffentlichte.

Doch auch außerhalb von Xinjiang gebe es mindestens 27 Fabriken in neun chinesischen Provinzen, die zwischen 2017 und 2019 geschätzt mindestens 80.000 Uiguren beschäftigt hätten. Dahinter stehe ein Programm, das die Regierung für den Transfer von Arbeitskräften aufgelegt habe. Titel: "Xinjiang Aid" - "Hilfe für Xinjiang".

Nutznießer dieses Programms seien, so schreiben die Forscher, mindestens 83 chinesische und internationale Unternehmen, darunter Konzerne wie Adidas, Apple, Asus, Calvin Klein, Hitachi, Lacoste, Microsoft, Mitsubishi und Panasonic. Auch große deutsche Firmen stehen auf der Liste, etwa BMW, Bosch, Siemens und Volkswagen. Sie alle sollen von der potenziellen Ausbeutung muslimischer Arbeiter aus Xinjiang profitiert haben.

Manche ihrer Produkte würden direkt von uigurischen Zwangsarbeitern gefertigt. Hinter anderen stünden komplizierte Zuliefererketten, die die Firmen selbst nur schwer durchschauten.  

Die Forscher berufen sich auf Zulieferlisten der Firmen, Satellitenbilder, Medienberichte und andere wissenschaftliche Quellen. Das Australian Strategic Policy Institute besteht seit 2001 als nach eigenen Angaben unabhängiger Thinktank, der die australische und internationale Öffentlichkeit über politisch-strategische Themen aufklären will.

Lokale Verwaltungsmitarbeiter und private Vermittler bekämen für den Transfer der Arbeitskräfte Geld, schreiben die Autoren des International Cyber Policy Centre. Die Provinzregierung in Xinjiang zahle einen bestimmten Betrag für jeden vermittelten Uiguren. Sie würden oft in gesonderten Zügen gruppenweise durchs Land geschickt und nach Ablauf ihres Vertrags nach einem Jahr oder länger auf demselben Weg wieder zurückgeholt.

Staatlichen chinesischen Medien zufolge sei die Teilnahme an den Arbeitseinsätzen freiwillig und gut bezahlt. Tatsächlich sei es für Uiguren jedoch extrem schwierig, die Einsätze zu verweigern oder ihnen zu entkommen, schreiben die Forscher. Zur ständigen Überwachung komme die Angst vor willkürlicher Internierung, die den Angehörigen der Minderheit drohe.

Nach Feierabend müssten sie an Chinesischunterricht und "patriotischer Erziehung" teilnehmen. Sie wohnten in isolierten Sammelunterkünften und dürften ihre Religion nicht ausüben. "Zahlreiche Quellen legen nahe, dass sie in Fabriken über China verteilt ein hartes, eingeschränktes Leben führen."

Manche, aber nicht alle Arbeiter kämen direkt aus Internierungslagern. Die Autoren des Berichts beschreiben an drei konkreten Fällen, wo Uiguren arbeiten. Ein Beispiel: Im Januar dieses Jahres seien rund 600 Arbeitskräfte aus Xinjiang bei der Firma Qingdao Taekwang Shoes Co. Ltd beschäftigt gewesen. Es handle sich vorwiegend um Frauen aus abgelegenen Gegenden im Süden der Provinz, die die chinesische Regierung als "rückständig" und "vom religiösen Extremismus gestört" bezeichnet habe.

"Berufsbildungszentrum" in Dabancheng, Xinjiang (2018): eins der größten Internierungslager für Uiguren

"Berufsbildungszentrum" in Dabancheng, Xinjiang (2018): eins der größten Internierungslager für Uiguren

Foto: Thomas Peter/ REUTERS

Tagsüber produzierten die Frauen Schuhe. Abends lernten sie Mandarin und sängen die Nationalhymne. Der Ablauf sei dem in den Umerziehungslagern in Xinjiang sehr ähnlich. Die Fabrik in der Stadt Laixi bei Qingdao beliefere hauptsächlich den US-Sportartikelhersteller Nike mit jährlich mehr als sieben Millionen Paar Schuhen.

Die Uiguren schlafen und essen demnach getrennt von anderen chinesischen Arbeitern. Sie dürften das mit Stacheldraht umzäunte Fabrikgelände zwar verlassen. Dabei würden sie aber von Kameras mit Gesichtserkennung und einer Polizeistation, die neben dem Ausgang stationiert seien, überwacht.

"Uigurische Arbeiter, die China verlassen konnten, beschreiben die ständige Angst, in die Internierungslager in Xinjiang oder ein reguläres Gefängnis geschickt zu werden, während sie in den Fabriken arbeiteten", heißt es in dem Bericht.

Die chinesische Regierung solle sicherstellen, dass alle Bürger über ihre Arbeit und Mobilität frei entscheiden könnten, fordern die Autoren. Die in dem Bericht erwähnten Firmen sollten außerdem ihre Lieferketten sofort und sorgfältig auf mögliche uigurische Zwangsarbeit hin überprüfen.

lov
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.