Stress mit Familie, Aldi, Staatsanwaltschaft Eine Schlachterdynastie in Bedrängnis

Der Brief an den Onkel beginnt ohne Anrede - und schließt mit einer Rücktrittsforderung: Clemens Tönnies steht nach dem Corona-Ausbruch in seiner Fleischfabrik unter Druck. Auf dem Firmengelände rückt die Bundeswehr an.
Robert und Clemens Tönnies

Robert und Clemens Tönnies

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Bernd Thissen/ DPA

Manche Familien rücken in Krisen enger zusammen. Bei der Schlachterdynastie Tönnies ist es offenbar umgekehrt. Der schon lange schwelende Familienstreit eskaliert nach dem Corona-Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück. Vor einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung am Nachmittag hat Robert Tönnies seinen Onkel Clemens Tönnies in einem Brief scharf attackiert - und ihn abermals zum Rücktritt aufgefordert. Der Brief beginnt ohne Höflichkeitsformel mit einem schlichten "Clemens" und mit Worten, wie erschüttert er über die Vorkommnisse in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb gewesen sei.

Robert Tönnies wirft seinem Onkel vor, sich hinter seinem Pressesprecher zu verstecken, der mit der Situation hilflos wirke - und zunächst falsche Angaben zu einem heiklen Video aus der Tönnies-Kantine kommunizierte. Am Freitag sagte der Sprecher, dass der Mitschnitt mit mutmaßlichen Verstößen gegen Corona-Präventionsregeln bereits älter ist als zunächst mitgeteilt.

Unabhängig von diesem nun auf Ende März datierten Video stellte der Arbeitsschutz zwischen dem 11. und 18. Mai Mängel bei Tönnies fest. Zwischen den Nutzern einer Kantine seien die Abstände zu gering gewesen, teilte ein Sprecher der Bezirksregierung Detmold der Nachrichtenagentur dpa mit. Bei einer Nachkontrolle am 29. Mai seien die Mängel bei den Hygienevorgaben aber abgestellt gewesen. Auch sei die Zahl der Sitzplätze wie verlangt reduziert worden.

Robert Tönnies, der bereits in einem weiteren Brief vom 17. Juni den Rücktritt seines Onkels forderte, verlangt in dem aktuellen Schreiben auch seine Mitgestaltungsrechte ein, auch um die Blockadehaltung des Konzerns bei Werkverträgen zu überwinden - und verlangt die Abberufung zahlreicher Gesellschafter. Er schließt mit Worten, in denen er offenbar Tönnies' Sohn ins Spiel bringt: "Clemens, Dir selbst würde ich raten, Deinen Platz für Max zu räumen. Nur mit neuen Gesichtern können wir glaubwürdig in die Zukunft gehen."

Fünf Strafanzeigen, 25 Soldaten

Wegen des Corona-Ausbruchs bei Tönnies sind unterdessen fünf Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld eingegangen. Darunter sei auch eine Anzeige der Bielefelder Bundestagsabgeordneten Britta Haßelmann (Grüne), sagte Oberstaatsanwalt Martin Temmen. Ermittelt werde jetzt gegen unbekannt wegen des Anfangsverdachts auf fahrlässige Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz.

Auf dem Betriebsgelände selbst sind unterdessen 25 Soldaten der Bundeswehr eingetroffen, um Corona-Tests durchzuführen. Der Sprecher der Bundeswehr in Nordrhein-Westfalen, Uwe Kort, teilte mit: "Es wurden Absperrungen und Zäune aufgebaut."

Der Kreis Gütersloh hatte die Bundeswehr zuvor um Hilfe bei einem Reihentest auf Corona-Infektionen bei dem Schlachtbetrieb gebeten. Insgesamt 25 Soldaten aus Augustdorf im benachbarten Kreis Lippe und aus Rheinland-Pfalz sind nun in Rheda-Wiedenbrück im Einsatz. 13 davon sind als Sanitätssoldaten vor Ort, zwölf zur Dokumentation.

Bundeswehrsoldaten bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück

Bundeswehrsoldaten bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück

Foto: David Inderlied/ DPA

Insgesamt testen die Behörden etwa 5000 Tönnies-Beschäftigte auf das Virus. Zudem befinden sich wegen des Ausbruchs in dem Betrieb in Rheda-Wiedenbrück bereits 7000 Menschen in Quarantäne. Bis zum Freitagnachmittag erfolgten bei Tönnies 3500 Tests. 803 Befunde waren positiv und 463 negativ, die restlichen standen noch aus. Der Ausbruch hat schwerwiegende Folgen für die ganze Region: Schulen und Kitas im Kreis sind wieder dicht, in der Bevölkerung wächst darüber die Wut.

Die Überwachung der angeordneten Quarantäne bezeichnete Landrat Sven-Georg Adenauer als Riesenproblem. Gesundheitsämter und Ordnungsbehörden könnten nur stichprobenartig überprüfen, ob sich Betroffene an Auflagen hielten, sagte der CDU-Politiker im Deutschlandfunk. Auch die Polizei sei eingebunden und fahre nun verstärkt Streife.

Tausende unter Quarantäne - Behörden am Limit

Die niedersächsische Stadt Osnabrück verstärkte wegen des Ausbruchs ihre Vorsichtsmaßnahmen. Sie ordnete eine zweiwöchige häusliche Quarantäne für alle Tönnies-Beschäftigten an, die auf ihrem Gebiet wohnen. Der Landkreis Gütersloh liegt an der Landesgrenze zu Niedersachsen, Osnabrück ist rund 60 Kilometer von Rheda-Wiedenbrück entfernt.

Der Marktführer auf dem Fleischmarkt gerät auch wirtschaftlich zunehmend in Bedrängnis. Die Lebensmittel-Discounter Aldi Süd und Nord teilten mit, sie stünden aufgrund des Corona-Ausbruchs mit Tönnies und weiteren Lieferanten in Verbindung. "Dabei ist es von besonderer Relevanz für uns zu erfahren, ob alle Schutzmaßnahmen umgesetzt und eingehalten wurden", teilte eine Sprecherin mit. Aldi habe seine Überprüfungen zum Tierwohl um soziale Aspekte erweitert. "Damit kontrollieren wir die Einhaltung der Sozialstandards und der Sorgfaltspflicht in den Schlachthöfen."

Das Bundesarbeitsministerium arbeitet derweil mit Hochdruck an dem geplanten Gesetzentwurf für die geplanten Verschärfungen beim Arbeitsschutz und für das weitgehende Verbot von Werkverträgen in der Fleischbranche. Agrarpolitiker der Union forderten mehr regionale Schlachthöfe.

NRW-Initiative gegen Dumpingfleisch

NRW-Landeslandwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Essen will mit einer Bundesratsinitiative derweil Dumpingangebote beim Fleisch unterbinden. "Es gibt haarsträubende Sonderaktionen, bei denen Fleisch deutlich unter seinem Wert verkauft wird. Das müssen wir stoppen", sagte die CDU-Politikerin der "Rheinischen Post". Es gehe darum, die im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb vorgesehenen Ausnahmen deutlich zu erschweren. Landesarbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) kündigte an, das Infektionsgeschehen in Schlachtbetrieben wissenschaftlich untersuchen zu lassen. 

Nach dem Stopp der Schlachtungen bei Tönnies läuft auch die Verarbeitung nun Schritt für Schritt aus. Die letzten Tiere waren am Mittwoch auf Anweisung des Kreises Gütersloh geschlachtet worden. Am Freitag wurden die Restbestände in den Bereichen Rinder- und Sauenzerlegung sowie Zwiebelmett verarbeitet und diese Bereiche heruntergefahren, wie Sprecher André Vielstädte mitteilte. Weitere Produktionsschienen würden jetzt folgen.

apr/dpa/AFP
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