"Club of Marrakesh"-Gründer Kolb Der Punk-Innovator

Bernd Kolb war Punk, erfolgreicher Internetunternehmer und Telekom-Vorstand. Jetzt will er die Welt verbessern - und hat im "Club of Marrakesh" Dutzende kluge Köpfe vereint. Binnen weniger Jahre will der Multimillionär so eines der einflussreichen Netzwerke der Welt schaffen.
Von Markus Grundmann

Es war eine dieser lauen Nächte, irgendwann im vergangenen Sommer. Die Sterne standen hell am Firmament und aus den Gassen der Medina, der Altstadt von Marrakesch, wehte der Geruch von Jasmin und Myrte herauf aufs Dach. Eine Handvoll Männer und Frauen hatte sich dort um Bernd Kolb, den Herrn des Stadtpalasts AnaYela, auf den "Fliegenden Teppich" gebettet, und die Gedanken flossen. Weit, weit weg. Die Natur - ihre Zerstörung! Die Menschen - ihre Unterdrückung! Die Welt - ihr Ende!

Es waren mächtige Männer, die sich dort auf dem Teppich herumlümmelten. Chefs großer Konzerne mit großer Verantwortung. Und weil große Männer große Gedanken gewohnt sind, fassten sie einen Entschluss, den viele fassen, aber nur wenige tatsächlich umzusetzen imstande sind: Wir retten die Welt! Einer der Männer, "den man kennt", wie Kolb es formuliert, sagte am Ende dieser Nacht: "Wenn ich sterbe und der Film meines Lebens abläuft, ist diese Nacht dabei."

Wenn man so will, dann ist Bernd Kolb der Sindbad in dieser Geschichte aus 1001 Nacht, der sich wie der Seefahrer aus dem Orient seit jeher, aber besonders seit jener Nacht auf eine Reise voller Abenteuer und Entdeckungen gemacht hat. Der Name seines Schiffes: Club of Marrakesh. Mit an Bord: einige der besten Köpfe der Welt. "Wir verbinden die besten Unternehmer, Politiker, Künstler, Religionsführer, Wissenschaftler und Innovatoren zu einem internationalen Netzwerk, zu einem Think Tank mit den klügsten Köpfen aus allen Kontinenten und Kulturen."

Sein Club will Plattform sein für die Transformation zu einer in allen Belangen nachhaltig agierenden Gesellschaft, die Fortsetzung des Club of Rome mit den Erweiterungen der rein ökologischen Dimension um die der sozialen und ökonomischen. Kolb formuliert es so: "Wäre der Club of Rome von Unternehmern gegründet worden, wäre es der Club of Marrakesh geworden."

Bevor es so richtig losgeht, braucht Sindbad noch einen Kaffee. Der 48-jährige Kolb sitzt auf dem Sofa eines Cafés in einem der Hinterhöfe Kreuzbergs, um die Ecke liegt seine Wohnung. In einer Gegend, wo Graffiti wie "Den Kapitalismus im Alltag sabotieren" auf die Häuserwände gesprüht sind und Mülleimer schief an ihren Pfosten hängen. "Klasse Gegend", sagt Kolb. "Ich kann mit dem Punk in der Kneipe genau so viel Spaß haben wie mit dem CEO beim Dinner."

Die Manager schätzen Kolbs Gespür für "the hottest shit"

Kolb macht keine Sprüche, er kennt sich aus in beiden Welten. 15 Jahre alt und gerade der gutbürgerlichen Stube in Aalen erwachsen, ist er Leadsänger in der Punk-Band "Blitzkrieg", zerrissene Jeans, gefärbte Haare, Gitarrengeheul, Gebrüll. Sein einziges Ziel bei seinen Auftritten: den Abbruch provozieren. Kolb lacht und sagt: "Hat auch immer geklappt. Spätestens nach einer halben Stunde war Schluss."

Es ist das Unbekannte, Irre, Unkonventionelle, das Bernd Kolb reizt. Und es ist das Fundament seines Erfolgs, der 1988 beginnt, als er die Kreativagentur I-D Media gründet. Er denkt immer noch eine Schlaufe weiter als die Konkurrenz, ist risikobereiter, wacher. Das spricht sich rum. Seine Kunden werden schnell mehr und größer: Chevignon, Mustang Jeans, Lee Jeans. Die Manager schätzen Kolbs Gespür für "the hottest shit" und bleiben auch dann noch sitzen, wenn er ihnen nach dem ersten Gespräch eröffnet: "Gebt mir ein Budget und lasst mir sechs Wochen Zeit. Kann sein, dass am Ende was Brauchbares rauskommt."

Dann zündet er die nächste Stufe. Bei einem Besuch in New York Anfang der Neunziger erzählt ihm "ein Freak mit viereckigen Augen" von einem System namens Internet, das gerade seinen Siegeszug in der In-Szene der Stadt antritt. Kolb setzt sich in einen Laden in Manhattan an einen Computer mit Internetzugang und beginnt, in eine neue Dimension zu reisen. "In dieser Sekunde war mir klar: Das ist Revolution!"

In Aalen lässt er sich einen Computeranschluss legen, er hat die Compuserve-Kundennummer 61. Fortan verknüpft er seine Kreativtätigkeit mit dem neuen Medium, schnell wird er zum Dienstleister und gefragten Gesprächspartner der Vorstände von West, Sony, Telekom, Siemens, Swatch, Toshiba. Die Internet-Szene verleiht ihm den Ehrentitel "Kolumbus des Cyberspace".

Und Kolumbus segelt. Bis an die Börse. 1999, die Krise am Neuen Markt ist in den Köpfen allzu fern, geht er mit seiner Firma aufs Parkett, sein Freund Lothar Späth, Ex-Ministerpräsident im Ländle, ist an diesem Tag mit dabei, als I-D Media von jetzt auf gleich 300 Millionen Mark reicher ist.

Sein Rezept: Innovation, seine Köche: Menschen mit Visionen

Kolb steht auf dem bisherigen Zenit seines Erfolgs, seine Träume, wie mit einem Nomadenvolk durch die Wüste zu ziehen oder Klavier spielen zu lernen, müssen weiter warten. Stattdessen hat er Geld. "Ich hatte in meinem Leben viel davon. Und ich weiß, was man alles damit machen kann", sagt er und setzt wieder dieses Grinsen auf. Was wohl heißen soll: Glaubt mir, ich habe nichts ausgelassen. Und es hat verdammt viel Spaß gemacht.

Nachdem er seine Firma heil durch die Krisenjahre gebracht hat, nach 90 Auszeichnungen und Millionen Gewinnen, verkauft er seine Mehrheitsanteile an I-D Media und geht. Auf zu neuen Ufern! Am Strand steht 2005 die Telekom und winkt mit einem Vorstandsposten, Bereich Innovation, Verantwortung für 200.000 Mitarbeiter. Kolb, der Reisende, wird an seinem Stuhl festgetackert, fremdbestimmt und gesteuert von einer Flut der Aufgaben.

Kolb will das nicht, das ist nicht er. Das ist nicht Punk. Er geht. Hinein in eine Welt am Rande des Kollaps, von der US-Vizepräsident Al Gore in einer flammenden Rede berichtet, der Kolb 2006 beiwohnen darf und die ihn tief beeindruckt. Kolb will die unbequeme Wahrheit mit eigenen Augen sehen, er reist zwei Jahre gemeinsam mit seiner Frau Andrea zu den Orten, über die Gore gesprochen hat: Sie sind in China und schauen sich die T-Shirt-Produktion für die westliche Welt an, stehen neben den Maschinen zur Herstellung von Chicken McNuggets, wandern am Ufer des vergifteten Aralsees.

Und wenn sie nicht mit dem Koffer unterwegs sind, dann reisen sie im Netz umher, immer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen. "Wir waren wie Kinder", sagt Kolb. "Alle zehn Minuten hat einer von uns dem anderen zugerufen: 'Komm her, das muss ich dir zeigen!'" Für Kolb steht am Ende der Reise fest: "Es muss etwas Grundlegendes passieren. Wir brauchen ein radikales Umdenken, einen Paradigmenwechsel. Die Frage der Zukunft darf nicht mehr lauten: Was hast du Schickes gekauft? Sondern: Für welches Thema engagierst du dich?" Sein Rezept: Innovation. Seine Köche: Menschen mit Visionen - und der Macht, die Welt besser machen zu können.

Was im "Einstellungskatalog" des Clubs steht

Kolb startet das Projekt "Club of Marrakesh". Die Grundlagen dafür hatte er schon früher geschaffen. Kurz vor seinem Wechsel zur Telekom flog er das erste Mal in die Millionenmetropole im Südwesten Marokkos. Und war fasziniert. Nur ein paar Flugstunden entfernt entdeckte er einen Ort, an dem das westliche Denken nicht funktioniert.

"Man ist lost", sagt Kolb, der Weitgereiste. "Marrakesch bricht mit allen Konventionen, mit allem Gelernten, hier ist alles anders, man muss sich komplett öffnen, hier lösen sich die Synapsen. Marrakesch ist ein positiver Kulturschock." Mit anderen Worten: Genau das Richtige für einen Mann wie ihn. Genau das Richtige, um Manager aus aller Welt zu knacken und für seine Idee zu begeistern.

Aber daran denkt Kolb noch gar nicht konkret, als er seine Liebe zur Stadt entdeckt. Es ist eher ein loser Faden, den er in Händen hält. Er will mehr geistige Brutstätte der Superlative denn ein Hotel hochziehen, eben nicht irgendwas von der Stange, besonders soll es sein.

Ein abgerockter Stadtpalast inmitten der Altstadt steht zum Verkauf. Doch die Verhandlungen sind zäh, das 350 Jahre alte Gebäude gehört einer großen einheimischen Familie, 50 von ihnen leben in dem Gemäuer - und er muss mit jedem einzelnen der 13 Familienvorstände sprechen, ihn überzeugen und vor allem ihm die Ehre erweisen. Schnell begreift er, dass er einen marokkanischen Berater braucht. "Ohne den gehe ich bis heute nirgends hin in Marrakesch", sagt Kolb. Er bewegt sich auf ungewohntem Terrain, für Kolb eine Herausforderung. "Es war eine gute Übung als Unternehmer für mich."

Er schafft es: Nach einem Jahr leistet auch das letzte Familienmitglied seine Unterschrift. Kolb kann loslegen und verfügt, ganz Nachhaltigkeits-Novize: Es dürfen keine elektrischen Geräte bei den Bauarbeiten verwendet werden, nur Menschen aus der Medina mitarbeiten, die das alte Handwerkszeug noch drauf haben. "Die waren natürlich etwas irritiert", sagt er. "Bis heute haben sie 14.000 Kubikmeter Schutt aus der Altstadt transportiert. In Eselskarren."

"Das Hotel ist eine ausgeklügelte Traum-Maschine"

Das "Ana Marrakchi" mit Platz für 500 Gäste wird 2012/13 fertig sein. Aber so lange können Männer wie Bernd Kolb nicht warten. Noch während seiner Telekom-Zeit kauft er einen weiteren, deutlich kleineren Stadtpalast im spirituellen Zentrum am anderen, ursprünglichen Ende der Medina und baut auch ihn nach den gleichen strengen Regeln wie das große Haus um.

Im Oktober 2007 öffnet das AnaYela ("Ich bin Yela") seine verzierten Türen. Drei Räume, zwei Suiten, Massageräume, alles erste Sahne. Und auf dem Dach: der "Fliegende Teppich" über den Dächern von Marrakesch. Das Hotel mit dem Claim "A Place of Inspiration" gewinnt bis heute vier "World hotel awards", den Oskar der Branche, in 101 Ländern wird über das Haus geschrieben - Andrea Kolb ist eine erfahrene PR-Expertin. Und die Gäste sind tief beeindruckt. Einer schreibt: "Es ist kein Romantikhotel, sondern eher eine ausgeklügelte Traum-Maschine, eine bis ins Kleinste durchdachte Verwandlungs-Werkstatt."

Beide Häuser wollen viel mehr sein als Luxus-Herbergen. Hier soll nicht weniger als die neue Welt gedacht und angestoßen werden. "So wie damals in der Villa Medici", sagt Kolb. Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert brachte die Tuchfamilie Medici Talente aus allen Bereichen und vom ganzen Kontinent in ihre diversen Häuser in und um Florenz und Rom - um die Zukunft zu denken und zu formen.

Auch Reformator Martin Luther und Kunstgenie Albrecht Dürer fanden den Weg in den erlauchten Kreis. Nun also kommen die modernen Luthers und Dürers zu Kolb: Parrag Khanna aus dem Umfeld von US-Präsident Obama und Experte für internationale Beziehungen, Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther, Ex-Model und Nachhaltigkeits-Unternehmerin Bibi Russell, Agrarexperte Hans Herren, Bildungsinnovatorin Margret Rasfeld, die Journalisten Klaus Liedtke und Keith Bellows von National Geographic, Medienexperte Jo Groebel oder Personalentwickler Joseph Kessels.

"Diesmal dauert der Job bis ans Ende meiner Tage"

In den Inner Circle hat Kolb bislang 30 Menschen berufen, die sogenannten Full- Members des Clubs. Kolb spricht sie gezielt an, auf dem "Einstellungskatalog" stehen Punkte wie Einfluss, Innovationsgeist, Visionen. Als Leitplanken dienen sieben Regeln, eine Art "Code of Conduct", den alle unterschreiben müssen. "Der wichtigste Punkt: Vertrauen." Wer im erlauchten Kreise aufgenommen ist, bekommt Zugang zum gesamten Netzwerk des Club of Marrakesh. In zehn Jahren soll der Club eines der einflussreichen Netzwerke der Welt sein, in dem nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird.

Und Kolb wäre nicht Kolb, wenn er seinen Club nicht als Unternehmen verstünde, das Geld verdienen soll. Die Haupteinnahmequellen sollen aus Akademie und Inkubator fließen, die noch in diesem Jahr ihre Arbeit aufnehmen. Unternehmen, Verbände, Institutionen können Kolb und seine Experten buchen, entweder in Marrakesch oder bei sich vor Ort, für Seminare und Workshops, ganz nach Wunsch.

Auf dem Stundenplan stehen Themen wie "Co-Laborative Thinking", "Salutogenesis", Nachhaltige Innovationen, "Social Business", "Quality Growth", Neue Führung, Generationengerechtigkeit, Bildung, Lebenszufriedenheit. Das Angebot ist alt und kampferprobt: "Hat ein Unternehmen ein Problem, sage ich: Gebt uns ein Budget und acht Wochen Zeit."

Oft stellt man ihm dieser Tage die Frage, was denn um Gottes Willen nur passiert sei? Er, Kolb, sei doch bei der Telekom gewesen, im Vorstand gar und bei dieser, na, Internet-Bude, habe Millionen, vielleicht Milliarden verdient. "Ich bin Innovationsmanager, ein Handwerker", sagt Kolb dann. "Ich arbeite wie schon immer an einer neuen Welt. Nur diesmal dauert der Job bis ans Ende meiner Tage."

Ursprünglich erschienen im Wirtschaftsmagazin "enorm"