Foodwatch-Report Coca-Cola ködert Teenies via YouTube

Wie verantwortungsvoll ist Coca-Cola? Nach eigenen Angaben beschränkt der Brausehersteller freiwillig seine an Kinder gerichtete Werbung. Laut Foodwatch richtet sich der Konzern aber auf YouTube gezielt an Teenies.
Foto: LUCY NICHOLSON/ REUTERS

Auch Großkonzerne wie Coca-Cola können zum Umsteuern gezwungen werden. Das zeigt sich aktuell in Großbritannien. Dort gilt von Freitag an eine nach Zuckergehalt gestaffelte Steuer auf Getränke, die von den Herstellern zu entrichten ist. Coca-Cola hat bereits reagiert und den Zuckeranteil von Fanta und Sprite teilweise um die Hälfte reduziert.

In Deutschland dagegen sieht Coca-Cola offenbar noch viel Potenzial: Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisiert, dass der US-Konzern gezielt in Werbung investiert, die sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche richtet.

Direkt neben der Deutschlandzentrale des Lebensmittelmultis in Berlin-Friedrichshain hat Foodwatch an diesem Mittwoch seinen umfangreichen "Coca-Cola-Report"  vorgestellt. Darin wirft die Organisation dem Konzern vor, für Fettleibigkeit und Diabetes mitverantwortlich zu sein. Und sie zeichnet nach, wie Coca-Cola sein Marketing auf Kinder und Jugendliche ausrichtet und YouTube- und Instagram-Stars verpflichtet. Mehr als 172 Millionen Euro hat der Konzern im vergangenen Jahr allein in Deutschland für Werbung ausgegeben, schreibt Foodwatch. Kein anderes Unternehmen investiere ähnlich viel, um alkoholfreie Getränke zu bewerben.

Coca-Cola gibt sich verantwortungsvoll

Auf den ersten Blick wirkt Coca-Cola vorbildlich: Der Brausehersteller war unter den ersten Unternehmen, die freiwillig begonnen haben, ihre Produkte mit Nährwerttabellen zu versehen, und ist Mitglied der "Plattform für Ernährung und Bewegung". Und Coca-Cola beschränkt nach eigenen Angaben freiwillig seine an Kinder gerichtete Werbung.

Der Vorteil an Selbstverpflichtungen: Sie werden nicht staatlich kontrolliert und verbindliche Gesetze werden scheinbar unnötig. "Coca-Cola wirbt nicht in Medien, die sich an Kinder unter zwölf Jahren richten und vertreibt seine Getränke nicht an Grundschulen", schreibt der Konzern auf seiner Webseite .

Doch in der Realität konzentriere sich das Unternehmen zunehmend auf Medien, die vor allem für Kinder und Jugendliche interessant sind, schreibt Foodwatch. So wirbt der Getränkehersteller neben der klassischen Fernseh- und Plakatwerbung gezielt auf YouTube und Instagram und nutzt dafür auch die Reichweite der sogenannten Influencer. Diese Promis der sozialen Netzwerke haben Zigtausende Follower und somit großen Einfluss.

Die meisten sozialen Netzwerke - etwa YouTube, Instagram oder Facebook - haben ein Mindestalter von 13 Jahren für die Einrichtung eines eigenen Kontos. Das scheint die Coca-Cola-Aussage, man richte keine Werbung an Kinder unter zwölf Jahren, zu bestätigen. Allerdings stehen zumindest die YouTube-Filme jedem Internetnutzer offen, ein eigenes Konto braucht man zum Anschauen nicht.

Werber sind von der Strategie des Konzerns begeistert

Coca-Cola hat für den deutschen Markt ein eigenes YouTube-Format namens "CokeTV" entwickelt und dafür einige der bekanntesten YouTuber Deutschlands verpflichtet. Der unternehmenseigene Werbekanal zeigt lustige Videos für eine offensichtlich junge Zielgruppe.

Foodwatch hat sich die YouTube-Strategie von Coca-Cola genauer angesehen. Moderator und "Star des CokeTV-Formats" war demnach lange Zeit "Dner". Der YouTuber hat einen eigenen Kanal, der mit mehr als drei Millionen Abonnenten und insgesamt mehr als einer Milliarde "Video Views" zu den reichweitenstärksten Deutschlands gehört.

Screenshot von "Coke TV" bei YouTube

Screenshot von "Coke TV" bei YouTube

Foto: Coke TV

Seit Jahresbeginn hat "CokeTV" andere Influencer verpflichtet: Jonas, izzi, CrispyRob, Nicole Cross und Jonas Himmel sind seit Januar 2018 auf dem Brausekanal als Moderatoren zu sehen. Alle wurden via YouTube bekannt und betreiben zum Teil mehrere erfolgreiche eigene Kanäle. Der Hauptkanal von Jonas hat allein mehr als zwei Millionen Abonnenten, izzi folgen 1,2 Millionen Nutzer. Neun der 20 meistabonnierten YouTuber Deutschlands waren laut Foodwatch bereits bei "CokeTV" zu sehen.

Die Verbraucherorganisation kritisiert das scharf, da YouTuber bei ihren jungen Fans hohes Ansehen genössen und die Video-Plattform für Kinder und Jugendliche die wichtigste Seite im Netz sei. "Coke spannt die beliebten YouTube-Stars geschickt vor seinen Marketing-Karren - beiläufig wird in den lustigen Videos auch immer wieder Cola getrunken. Der Konzern nutzt die neuen Idole von Kindern und Jugendlichen, um mehr Zuckergetränke zu verkaufen", sagt Oliver Huizinga von Foodwatch.

Auf Anfrage betonte Coca-Cola, dass das Unternehmen keine Werbung in Medien platziere, die sich "mehrheitlich an Kinder unter 12 Jahren richten". Auf YouTube und Co. bezogen, schrieb der Brausehersteller: "Werbung in sozialen Medien ist heute Teil unserer Lebenswirklichkeit. (...) Wie unzählige andere Unternehmen kooperiert auch Coca-Cola heute mit Influencern in sozialen Kanälen. Entscheidend ist dabei, dass eine Marke jeweils klar als Absender ihrer Marketing-Botschaften erkennbar ist."

Tatsächlich ist der Getränkekonzern mit dieser Strategie so erfolgreich, dass der YouTube-Kanal dem Report zufolge in der Werbebranche als "best practice" für sogenanntes Content Marketing gilt. So schrieb die Fachzeitschrift "Werben & Verkaufen": "Coca-Cola ist eine der wenigen Marken, die es verstanden hat. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Jugendliche erreicht man heute am besten, wenn man über die Kanäle kommuniziert, die sie selbst nutzen."

Update: Nach Veröffentlichung des Artikels hat sich Coca-Cola zu dem Foodwatch-Bericht geäußert. Die Stellungnahme wurde im Artikel ergänzt.

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