Gewinner der Coronakrise Schöner Wohnen

Seit Beginn der Coronakrise haben sich viele Menschen in ihr Zuhause zurückgezogen, Möbelhersteller und Baumärkte profitierten davon. Ist das ein Trend, der bleibt?
Mehr Zeit daheim: Homeoffice und Kinderbetreuung

Mehr Zeit daheim: Homeoffice und Kinderbetreuung

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Iona Dutz

Wenn man lange zu Hause rumsitzt, hinterlässt das Spuren: Längst verloren geglaubte Speckröllchen kehren zurück; Businessjackets bekommen Staubschatten auf den Schultern; das Abflusssieb der Spülmaschine, die doppelt so oft im Einsatz ist, droht zu verstopfen. Dafür sieht der Garten picobello aus, gleich mehrere Zimmer sind frisch tapeziert oder gestrichen, die Kellerparzelle seit Jahren mal wieder aufgeräumt. 

Im März und April sollten die Menschen so viel wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben, um den damals rasanten Anstieg der Corona-Infektionen zu stoppen. Wer konnte, arbeitete im Homeoffice, Schulen mussten schließen, ebenso viele Geschäfte und Dienstleister. Eine Zeit der Verunsicherung, des Verzichts und des Hüttenkollers, weil sich Beruf und Schule ungefragt ins eigene Zuhause verlagerten. Immerhin: Die Leute machten sich das Zuhause schön, vielleicht weil der Blick nun noch viel öfter auf den vergilbten Fluranstrich fiel. 

Wer profitierte davon? Ist das eine einmalige Sache, oder wird sich auch in Zukunft vieles mehr aufs Heim konzentrieren? Wenn ja: Mit welchen wirtschaftlichen Folgen?

Ein Gewinner dieser Krise ist Ikea. "Wir sind insgesamt sehr zufrieden mit der Umsatzentwicklung im betreffenden Geschäftsjahr", so eine Sprecherin (bei Ikea ging das Geschäftsjahr gerade am 31. August zu Ende). Sicher, als alle Möbelhäuser geschlossen werden mussten, war das auch für den Konzern ein Schock. Doch was dann folgte, glich die Verluste aus - und mehr. Das Geschäftsergebnis wird sogar über dem des Vorjahres liegen. 

Anfangs haben die Kunden bei der Wiedereröffnung einen großen Nachholbedarf gehabt, aber die Nachfrage hält an: "Waren zu Beginn des Lockdowns vor allem Büromöbel und Balkonzubehör gefragt, sind es jetzt wieder alle Produktsegmente inklusive der Markthallenartikel." Die Geschäfte hatten während der Schließung die Aufgabe, die Onlinebestellungen der Kunden abzuwickeln. So rechnet Ikea mit einem Plus im Onlinegeschäft von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 

Möbel: viel Onlineumsatz, wenige Geschäftskunden

Aber ist das repräsentativ für die Branche? Christian Haeser vom Handelsverband Wohnen und Büro zieht eine weniger enthusiastische Bilanz. "Das Minus konnte durch den Nachholbedarf der Kunden leider nicht ganz ausgeglichen werden", sagt er. "Wir haben einen Boom bei Bürostühlen erlebt - der Zusammenhang zum Homeoffice liegt auf der Hand. Allerdings war der Rückgang bei Firmenaufträgen relativ stark, sodass es für die Branche eine schwierige Zeit war."

Eine Rolle spielt sicher, dass viele kleine und mittelgroße Möbelhändler stark auf ihre Geschäftsräume angewiesen sind. Die Geschäftsschließungen haben sie in den jeweiligen Monaten im Vorjahresvergleich 30 bis 40 Prozent ihres Umsatzes gekostet, so Haeser: "Viele Unternehmen haben dann schnell einen eigenen Versand aufgebaut oder 'Click and Collect' angeboten." Bei "Click and Collect" stellen sich Kunden ihre Lieferung online zusammen und holen sie beim Geschäft selbst ab - so etwas war oft erlaubt, lange bevor die Ladenflächen wieder geöffnet werden durften. Durch diese Anstrengungen stieg in der Möbelbranche der Onlineanteil um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr an. 

Ikea widmete während der Corona-Schließungen seine Warenhäuser zu Fulfillment Centern für den Onlinehandel um

Ikea widmete während der Corona-Schließungen seine Warenhäuser zu Fulfillment Centern für den Onlinehandel um

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

"Unsere Händler berichten, dass viele Kunden Zeit und Geld in die Verschönerung ihrer Wohnung gesteckt haben, weil der Urlaub in diesem Jahr ausfallen musste", erzählt Haeser. Im Hochpreissegment helfe auch die Mehrwertsteuersenkung, vor allem bei Einbauküchen: "Bei so großen Investitionen bringt die Ersparnis ja auch spürbar etwas." So kommt es, dass die Verluste des Frühjahrs nicht allzu stark nachwirken: "Wenn kein weiterer Lockdown kommt, wird es unterm Strich 2020 wohl bei einer Delle bleiben", sagt Haeser. 

Baumärkte: Pools waren ausverkauft

Ebenfalls als Gewinner galten schon bald die Baumärkte. In vielen Bundesländern durften sie früher wieder öffnen als manch andere Branche, weil Reparaturen im Haushalt und das Material für Handwerkerleistungen als Grundbedarf gelten. Notorisch waren die langen Kundenschlangen, die sich auf den Baumarktparkplätzen bildeten. "Aber das Geschäft war nach der Wiedereröffnung nicht so lukrativ, wie es dadurch oft den Anschein hatte", sagt Frank Roth, Pressesprecher der Zentrale der Hagebaumärkte, die den Einkauf von rund 360 Baumärkten in Deutschland organisiert. "Die Schlangen entstanden auch dadurch, dass wir weniger Kunden auf unsere Verkaufsflächen gelassen haben, damit sie sich an die Abstandsvorschriften halten können."

In der Branche heißt es, man habe etwa ein Drittel mehr Umsatz gemacht als in einem durchschnittlichen Frühjahr - ohnehin eine gute Zeit für Baumärkte. Auch für die Hagebaumärkte war das Frühjahr "außergewöhnlich", schon, weil das Frühlingshoch länger dauerte als sonst, "etwa sieben bis acht Wochen".

Normalerweise werde das Frühjahrsgeschäft vor allem von typischen Gartenprodukten getrieben: Saatgut, Grills, Rasenmäher. "In diesem Jahr waren auch andere Produktgruppen stärker als sonst, zum Beispiel Wandfarbe", sagt Roth. "Dabei ging es vielen Kunden offenkundig nicht nur darum, im Frühjahr ihr Heim aufzufrischen. Viele legten sich erst mal eine Grundausstattung für solche Arbeiten zu."

Dass ansonsten viele im Eigenheim kompensierten, was ihnen in diesem Jahr besonders fehlte, hält Roth für plausibel: "Pools waren früh ausverkauft, und zwar in jeder Größe. Das dürfte für viele ein Ersatz für den ausfallenden Sommerurlaub gewesen sein." Unterm Strich werde seine Gruppe wohl "mit einem blauen Auge davonkommen, weil wir viel von den anfänglichen Verlusten danach ausgleichen konnten".

Gartengestalter: Größtes Problem sind Termine

Die Flucht in den eigenen Garten war auch für Gartengestalter ein gutes Geschäft. Lutze von Wurmb ist Präsident des Bundesverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau und sagt: "Im Bereich der privaten Gärten hat unsere Branche praktisch keine Corona-Delle gehabt." Da die Branche ganz überwiegend für Privatkunden arbeitet, gebe es "insgesamt kaum einen Betrieb, der aufgrund der Krise ernsthafte Probleme hat".

Eher bekommt die Kundschaft Probleme - wenn sie noch in diesem Jahr einen Termin bekommen will. "Einer meiner Kunden wollte gern seinen Vor- und Hintergarten noch im alten Jahr neu gestaltet haben", sagt von Wurmb, der einen Gartenbaubetrieb im norddeutschen Uetersen führt. "Wir schaffen aber nur den Vorgarten." Da profitieren die Landschaftsbauer auch von der Mehrwertsteuersenkung, einzelne Kunden ziehen Aufträge vor, so von Wurmb: "Bei Auftragsvolumina von 30.000 bis 50.000 Euro, wie sie für Privatgärten nicht ungewöhnlich sind, lohnt sich auch ein Unterschied von drei Prozent."

Und in Zukunft?

Die Bilanz ist in den Geschäftsbereichen, die sich ums schöne Wohnen drehen, also ordentlich bis positiv. Aber lassen sich daraus auch Rückschlüsse auf die Zukunft ziehen?

Die Unternehmensberatung Accenture veröffentlichte vor wenigen Wochen eine Umfrage aus 15 Industrieländern, darunter auch Deutschland. Ein "Jahrzehnt des Zuhause" könne nun heraufziehen. Fast 70 Prozent der Befragten geben demnach an, im kommenden halben Jahr den größten Teil ihrer sozialen Kontakte entweder bei sich zu Hause, bei einem Freund oder virtuell zu pflegen. Mehr als die Hälfte derer, die vor der Pandemie noch nie von zu Hause aus gearbeitet haben, wollen das künftig öfter tun.

Thomas Täuber, Geschäftsführer bei Accenture Deutschland und Retail-Spezialist, glaubt, dass die Corona-Zeit einen Trend beschleunigt hat, "den wir im Einzelhandel schon seit mehreren Jahren beobachten": das Cocooning, also den Rückzug vieler Menschen in den privaten Kokon. "Einerseits, weil die Menschen in der Zeit der Kontaktbeschränkungen zu Hause bleiben mussten. Andererseits, weil für viele der Arbeitsplatz nach Hause verlegt wurde." Keins der Unternehmen, mit denen er und seine Berater sprechen, wollten die Entwicklung in diesem Punkt vollständig zurückdrehen, Homeoffice werde absehbar auch in der Zukunft eine größere Rolle spielen. "Deshalb gehen wir davon aus, dass die Bedeutung des eigenen Zuhauses auch langfristig wächst."

Dabei verändere sich auch die Art des Cocoonings. "Bisher wurde dieser Trend vor allem mit einer besonders behaglichen Gestaltung des Heims verbunden. So muss das nicht bleiben, denn mit dem Homeoffice verändert sich ja der Gesamtcharakter der Wohnung." Zwar sei vom Homeoffice nur ein Teil der Beschäftigten betroffen - Friseure, Verkäufer oder Pfleger können ihrem Job nicht via Internet nachgehen. "Allerdings ist diese Gruppe im Vergleich sehr umsatzstark. Deshalb wird sich das volkswirtschaftlich durchaus spürbar abzeichnen", sagt Täuber. 

Christian Haeser vom Möbelverband ist da vorsichtiger. Mittelfristig wirke der Ausbau des Homeoffice auf jeden Fall nach, doch darüber hinaus traue er sich keine Prognose zu: "Niemand weiß, wie der langfristige Mix zwischen Homeoffice und Präsenzzeit im Büro aussehen wird - und was das wiederum für die Gestaltung sowohl von Büros als auch von Wohnraum bedeuten wird."

Auch Hagebaumarkt-Sprecher Roth sagt: "Man muss abwarten, ob das alles nun einen neuen Trend begründet. Mancher Kunde wird da vielleicht ein neues Hobby für sich entdeckt haben, andererseits baut man dasselbe Zimmer ja nicht gleich im nächsten Jahr schon wieder um." 

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