Commerzbank in der Krise Wenn nur noch die Drückerkolonne hilft

Die Commerzbank hat noch immer zwölf Millionen Kunden, doch von ihrem alten Glanz ist sie weit entfernt. Nun prüft sie, Filialen zu schließen und Stellen abzubauen - und könnte in den Strudel der Rezession geraten.

Commerzbank (rechts): Baustelle zwischen den Bankentürmen von Frankfurt
Thomas Lohnes/Getty Images

Commerzbank (rechts): Baustelle zwischen den Bankentürmen von Frankfurt

Von , Frankfurt am Main


Alle paar Jahre trifft sich das Management der Commerzbank zur Strategietagung, meist im konzerneigenen "Zentrum für Kommunikation" in der Taunusgemeinde Glashütten-Oberems. Ein Provinzweiler statt der Bankentürme am Hauptsitz Frankfurt - das kann man auch sinnbildlich für den Zustand des Geldhauses verstehen.

Denn seit einem Zwischenhoch Anfang vergangenen Jahres ist der Aktienkurs um mehr als 60 Prozent abgestürzt. Der ganze Konzern ist an der Börse gerade mal noch gut sechs Milliarden Euro wert - und von seinen selbst gesteckten Geschäftszielen weit entfernt. Mit ihren zwölf Millionen Kunden ist die Commerzbank zwar immer noch Deutschlands zweitgrößtes Kreditinstitut nach der Deutschen Bank, sie verströmt inzwischen aber den Charme einer Großsparkasse.

Demnächst ist es wieder so weit. Vorstand und Aufsichtsrat treffen sich, um über die Strategie zu diskutieren und auszuloten, wie die von Arbeitsplatzabbau, Umstrukturierungen und Fusionsgerüchten erschöpfte Commerzbank wieder mehr Geld verdienen kann. Was dabei genau herauskommen wird, deutet sich in Umrissen bereits an: ein Mix aus Stellenstreichungen und Filialschließungen. Von derzeit rund 1000 Filialen könnten 200 bis 400 dichtgemacht werden; der bis Ende 2020 vereinbarte Arbeitsplatzabbau auf etwa 38.000 von derzeit 40.700 Vollzeitkräften dürfte sich nochmals verschärfen.

Billige Kredite könnten sich rächen

An der schwachen Gesamtverfassung der Commerzbank werden derlei Sanierungspläne wahrscheinlich nichts ändern. Zumal sich die Situation mittelfristig noch zusätzlich verschärfen dürfte, weil die deutsche Konjunktur schnurstracks in Richtung Rezession steuert. Das könnte dazu führen, dass verstärkt Unternehmenskredite ausfallen, weil Firmen zusammenbrechen. Und davon wiederum wäre die Commerzbank besonders stark betroffen. Sie hat in den vergangenen Jahren versucht, durch die Vergabe billiger Kredite an Mittelständler Marktanteile zu gewinnen - und dabei nach Aussage von Konkurrenten die Strategie verfolgt, ihren Kunden die günstigsten Konditionen anzubieten, sprich: am wenigsten Kreditzinsen zu verlangen.

Das bläht zwar das Kreditvolumen auf, birgt aber die Gefahr, in einem konjunkturellen Abschwung überproportional oft von Kreditausfällen betroffen zu sein. Und selbst wenn es gut läuft, verdient eine Bank, die ihren Kunden bei den Zinskonditionen entgegenkommt, nicht viel Geld. Da die Leitzinsen wohl auf Jahre hinaus niedrig bleiben werden, wird sich daran so schnell nichts ändern.

Nur mit Filialschließungen lassen sich zudem kaum Kosten sparen; die Mietkosten für die Räume fallen angesichts des gesamten Verwaltungsaufwands von zuletzt fast sieben Milliarden Euro kaum ins Gewicht. Und Personal abzubauen, ist in der Regel auf kurze Frist teuer, etwa wegen der notwendigen Abfindungen. Bis man damit Geld spart, kann es dauern.

Trotzdem versucht es die Commerzbank mit Filialschließungen - was für sie einen Strategieschwenk bedeutet. Bislang gab sich die Bank stets stolz darauf, über ihr flächendeckendes Netz permanent neue Kunden zu gewinnen. Das war in den vergangenen Jahren stets ihr wichtigstes Ziel.

Heute allerdings leidet sie wie viele Banken regelrecht unter ihren Kunden. Schließlich muss sie deren Erspartes bei der Europäischen Zentralbank parken und dafür Strafzinsen zahlen. Noch mehr Geld von noch mehr Kunden braucht sie also nicht. Den angeblichen Kundenmagneten Filiale zu schließen, ist daher fast zwingend logisch. Die Bank kann ja schlecht potenzielle Neukunden abweisen oder ihnen Geld dafür zahlen, nicht zu ihr zu kommen.

Zeit für die Drückerkolonne

Das eigentliche Problem der Commerzbank ist aber ein anderes, und sie teilt es mit praktisch allen anderen Geldhäusern der Republik: Ihre Umsätze - Banker sprechen von Erträgen - sinken. Das gilt in erster Linie für den Provisionsüberschuss, der neben dem Zinsüberschuss die zweite Haupteinnahmequelle einer Bank ist.

Der Zinsüberschuss - vereinfacht gesagt, die Differenz aus dem, was Banken für Kredite kassieren, und dem, was sie auf Spareinlagen zahlen müssen - nimmt wegen der niedrigen Zinsen absehbar ab. Daher kommt dem Provisionsüberschuss künftig größere Bedeutung zu, ihn zu steigern, haben sich alle Banken vorgenommen. Auch die Commerzbank.

Banken kassieren Provisionen, wenn sie es schaffen, ihren Kunden Wertpapiere oder Dienstleistungen zu verkaufen. Damit freilich tun sich alle Banken schwer, weil die in ihre Tagesgeld- und Sparkonten verliebten Deutschen traditionell Aktien und andere Anlageformen meiden - auch wenn sie so oft viel Geld verschenken. Und auch hier ist das Geschäft schwerer geworden, weil in den vergangenen Jahren die Verbraucherrechte in diesem Bereich gestärkt wurden - unter anderem durch umfassende Dokumentationspflichten der Kundenberater, die zusätzlich Geld kosten.

Von der neuen Strategie der Commerzbank müsste also nicht nur das Signal ausgehen, die Kosten durch Stellenabbau und Filialschließungen weiter zu senken - das ist einfach, aber nicht nachhaltig. Sie müsste vielmehr einen Weg finden, ihre Filialberater künftig so umzuschulen, dass die ihren Kunden mehr Produkte verkaufen, um auch mehr Provisionen hereinzuholen.

Wie sie das schaffen will, ohne auf die Methoden von Drückerkolonnen zurückzugreifen, wird spannend sein. Die Schulungsräume im konzerneigenen "Zentrum für Kommunikation" in Glashütten-Oberems dürften in Zukunft gut ausgelastet sein.



insgesamt 31 Beiträge
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ralfix 27.08.2019
1.
Die Tendenz zum Onlinebanking ist doch seit Jahren zu beobachten. Anderen Banken schließen auch Filialen. Den Einstieg in Online-Bezahlsysteme haben deutsche Banken irgendwie verpasst. Das scheint aber ein generelles Problem großer Kapitalgesellschaften zu sein, dass sie auf Entwicklungen nicht oder zu spät reagieren. Amerikanische Bezahlsysteme wie paypal kassieren inzwischen bei jeder Bestellung ab - wie eine zusätzliche Umsatzsteuer ohne dass sich jemand aufregt. Aber wenn die Mehrwertsteuer um 1 % erhöht werden würde, wäre der Teufel los und Deutschland steht vor dem Untergang.
Lutz2344 27.08.2019
2. Bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht ...
z.B. bei der Commerzbank war der Besuch in der Filiale nur immer mit der Hoffnung verbunden, dass dort einer der Berater nicht versucht mir irgendein Produkt überzuhelfen. Also sind ja eigentlich keine Berater, sondern Bankproduktverkäufer. Deshalb bin ich so ungern vor Ort.
bartsuisse 27.08.2019
3. teilverstaatlicht und schlecht
Deutschland butterte in der Krise am meisten Staatshilfe ins Bankwesen. Das Resultat ist mehr als peinlich. Die DeBa brauchte zwar keine Staatshilfe, ist aber Derivatenverseuchtnund praktisch wertlos. Die CoBa wurde teilverstaatlicht und ist auch praktisch wertlos. Beide Häuser zusammen kommen nicht auf den Marktwert der Unicredit, die in schwierigerem Umfeld arbeiten muss. Beide deutschen Banken sind in der schlechtesten Kategorie des letzten Stresstests, haben tiefste Eigenkapitaldecken und sind die beiden schlechtesten Grossbanken ALLER G7 Staaten. An der DeBa ist niemand interessiert und an der CoBa kanns nur Interesse geben wenn der Staat seine Anteile verkauft, sonst wärs verbotene Stastshilfe. Damit nimmts Deutschland auch nicht so genau, wie bei den Landesbanken. Gut gewappnet für die Rezession
gt1961 27.08.2019
4. Entlassen
Tausende von Angestellte entlassen und in die Arbeitslosigkeit schicken, ist immer ein probates Mittel, um deutlich zu machen das der Mensch dem System dienen muss, damit letztlich die wenigen Großaktionäre auf ihre Profite nicht verzichten müssen.
spmc-12355639674612 27.08.2019
5. @ralfix
Das trifft zwar zu, wenn man als Kleinverdiener und Kleinsparer nie eine Bankfiliale betreten muss, weil man z. B. nie einen größeren Kredit benötigt und ihn vielleicht ohnehin nicht bekommen würde. Sollte es einmal anders sein, freut man sich über eine Filiale in der Nähe und kompetentes Personal. Bei uns gibt es beides und ich habe bisher gute Erfahrungen mit der Commerzbank gemacht. Es gibt viel schlimmere Banken.!
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