Staatsgeld für Condor Fliegen unterm Schutzschirm

Nach der Thomas-Cook-Pleite müssen auch die deutschen Töchter in die Insolvenz. Während man bei Neckermann und Co. nicht mehr buchen kann, macht die Fluglinie Condor im Schutzschirmverfahren weiter. Was steckt dahinter?

Condor-Maschine in Stuttgart: Schutzschirmverfahren soll Airline retten
RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX

Condor-Maschine in Stuttgart: Schutzschirmverfahren soll Airline retten

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Condor verbreitet Optimismus, beim deutschen Reisevermittler Thomas Cook klingt die Mitteilung eher ernüchtert. Beide sind Töchter der insolventen britischen Konzernmutter Thomas Cook und beide müssen ebenfalls einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren stellen. Doch während Condor von einem Schutzschirmverfahren spricht und weiter Flüge und auch Buchungen anbietet, ist bei den Marken Thomas Cook Signature, Neckermann Reisen, Bucher Reisen, Öger Tours und Air Marin von Insolvenz die Rede und der Verkauf jeglicher Reisen gestoppt.

Woran liegt das? Und was bedeutet es für die Kunden? Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick.

Was ist ein Schutzschirmverfahren und wieso kann Condor weitermachen?

Das deutsche Insolvenzrecht ermöglicht Firmen in der Krise verschiedene Wege, sich wieder zu stabilisieren. Zwar geht es einerseits darum, Vermögensabflüsse zu verhindern und sicherzustellen, dass noch etwas für die Gläubiger übrigbleibt. Andererseits soll das Insolvenzrecht Firmen aber auch die Möglichkeit geben, wieder auf die Beine zu kommen.

Seit 2012 gibt es im Insolvenzrecht das Schutzschirmverfahren, das Condor nun gewählt hat. Es soll Unternehmen wohl auch dazu animieren, eine Sanierung rechtzeitig anzugehen. Der größte Vorteil dieses Verfahrens sei, dass es in der Außenwahrnehmung wesentlich positiver wahrgenommen werde als ein reguläres Insolvenzverfahren, sagt Insolvenzrechtsexperte Adrian Bölingen von der Beratungsgesellschaft Baker Tilly. Denn wenn das Gericht das Schutzschirmverfahren erlaubt, kann die Geschäftsführung im Amt und damit Herr der Lage bleiben. Sie muss dann innerhalb einer bestimmten Frist einen Insolvenzplan erarbeiten.

Zwar bestellt das Gericht einen Sachwalter, der das Management überwacht. Aber die Firma kann diesen Sachwalter selbst vorschlagen. Anders als ein Insolvenzverwalter hat er keine absolute Verfügungsgewalt.

Wie läuft es beim deutschen Reiseanbieter Thomas Cook?

Bei dem deutschen Ableger von Thomas Cook Chart zeigen dagegen wird das zuständige Gericht voraussichtlich noch am Mittwoch einen Insolvenzverwalter einsetzen, der dann das Sagen hat.

Das Ziel sowohl von Condor als auch von Thomas Cook ist es, sich dem Zugriff des britischen Mutterkonzerns zu entziehen. Durch das Insolvenzverfahren soll verhindert werden, dass die Unternehmen Teil der Insolvenzmasse des Mutterkonzerns werden und dass von dort noch Geldforderungen mehr gestellt werden können.

Was sind die Voraussetzungen für das Schutzschirmverfahren?

Die Hürden für ein Schutzschirmverfahren sind hoch. Generell gilt, dass die Lage des Unternehmens "nicht offensichtlich aussichtlos" sein darf. Dafür muss ein externer Sachverständiger bestätigen, dass akut keine Zahlungsunfähigkeit vorliegt, sondern diese lediglich droht. Zudem muss dieser Gutachter bestätigen, dass Sanierungschancen bestehen.

"So ein Gutachten kostet Zeit und auch Geld", sagt Experte Bölingen. Darum würden Unternehmen dieses Verfahren nur in Angriff nehmen, wenn sie auch Erfolgschancen sehen. Alternativ stehe Firmen neben dem Regelinsolvenzverfahren auch der Weg in ein vorläufiges Eigenverwaltungsverfahren offen. Dann jedoch bestimmt das Gericht den Sachwalter.

Warum sieht Condor für sich eine gute Zukunftsoption?

Condor-Chef Ralf Teckentrup verweist darauf, die Airline habe in den vergangenen Jahren fast immer einen operativen Gewinn erzielt - das bedeutet vor Abzug von Steuern und Zinszahlungen. Der Puffer, den die Airline für den bevorstehenden Winter gebraucht hätte, sei allerdings vom Mutterkonzern aufgebraucht worden. "Wir sind unverschuldet in Not geraten, unsere Liquidität ist in London verbuddelt", sagte Teckentrup.

Zudem hat sich Condor die Unterstützung vom Bund und vom Land Hessen gesichert. Diese wollen der Fluggesellschaft über die staatliche Förderbank KfW mit einem Kredit in Höhe von insgesamt 380 Millionen Euro beispringen. Die EU-Kommission muss aber erst genehmigen, dass Condor mit dem Geld der Steuerzahler gestützt wird. Im Falle von Air Berlin hatte Brüssel 2017 einen Kredit der Bundesregierung in Höhe von 150 Millionen Euro genehmigt. Der Bund hat das Geld auch wiederbekommen, obwohl Air Berlin letztlich abgewickelt wurde.

Die Aussichten bei Condor scheinen erst mal besser zu sein. Die Fluglinie verweist darauf, dass man nicht nur von Thomas-Cook-Pauschalreisenden abhängig sei. So können auch Individualreisende und andere Pauschalanbieter die Airline nutzen. Man habe positive Rückmeldungen von Geschäftspartnern bekommen, sagte Condor-Chef Teckentrup. So hätten andere deutsche Reiseanbieter angekündigt, mehr Sitze bei Condor zu buchen.

Auf absehbare Zeit will Condor einen neuen Investor finden. Thomas Cook hatte die Airline schon im Februar zum Verkauf gestellt. Laut Manager Teckentrup gibt es bereits Kontakte. Allerdings werde die Suche nach einem neuen Eigentümer nicht in wenigen Tagen über die Bühne gehen - auch um einen guten Preis zu erzielen.

Condor kündigte an, es werde ein vorläufiger Gläubigerausschuss bestellt, in dem die wesentlichen Gläubigergruppen wie Lieferanten, Arbeitnehmer und Flughafenbetreiber vertreten sein sollen.

Was passiert, wenn die Sanierung scheitert?

Ziel des Schutzschirmverfahrens ist es, das Unternehmen als Ganzes zu erhalten, indem sich die Gläubiger auf eine Art Vergleich einigen. Damit kommen sie in der Regel besser weg als bei einer Zerschlagung und dem Verkauf der Einzelteile, wie es in der Insolvenz der Normalfall ist. Doch für die Vorlage eines Insolvenzplans sind nur drei Monate Zeit. Falls die Gläubiger - meist Banken - nicht mehr mitmachen, mündet das Schutzschirmverfahren in ein reguläres Insolvenzplanverfahren.

Wie geht es bei Thomas Cook weiter?

Auch Thomas Cook Deutschland will sich in der Insolvenz sanieren und dafür einen Kredit vom Bund. Das Unternehmen hat nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa einen staatlichen Überbrückungskredit in Höhe von 375 Millionen Euro beantragt. Die Prüfung läuft demnach noch.

"Ziel einer Sanierung ist es, das profitable, aber schon länger durch das schwache Geschäft von Thomas Cook in Großbritannien und den Brexit belastete Geschäft des deutschen Veranstalters selbstständig fortzuführen", teilte Thomas Cook Deutschland mit.

Ob das gelingen wird, bleibt abzuwarten. Möglich wäre auch, dass Konkurrenten die bekannten Marken von Thomas Cook aufkaufen.

Das Unternehmen gibt sich aber zuversichtlich und setzt darauf, "dass die Traditionsmarken Neckermann Reisen, Öger Tours und Bucher Reisen die Chance bekommen, bald wieder in gewohnter Weise am Markt aktiv sein zu können".

Was passiert mit den Beschäftigten bei Thomas Cook und Condor?

Thomas Cook beschäftigt in Deutschland etwa 2000 Mitarbeiter, für Condor arbeiten 4900 Menschen. Alle bekommen zunächst für drei Monate Geld aus der Insolvenzsicherung. Damit entfallen für die Unternehmen erst einmal die Gehaltszahlungen. Erst später entscheidet sich dann, wie viel die Firmen aus dem Insolvenzgeld an die Agentur für Arbeit zurückzahlen müssen und können, sagt Insolvenzrechtsexperte Bölingen.

Etwa drei Monate nach Antragsstellung wird das Insolvenzverfahren eröffnet. Dann haben die Unternehmen die Möglichkeit, zu aus Firmensicht günstigeren Konditionen Mitarbeiter zu entlassen. Es gelten dann Kündigungsfristen von maximal drei Monaten, zudem wird der Gesamtbetrag für Abfindungen gedeckelt.

mit Material von dpa und Reuters

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Seite 1
JonHH 25.09.2019
1. Was für die Unterstützung von Condor spricht
Eine vorübergehende Unterstützung von Condor ist der richtige Schritt. Dafür spricht, dass Condor grundsätzlich profitabel und nur durch die Pleite der britischen Muttergesellschaft angeschlagen ist. Weiter, dass Condor in Deutschland ca. 5.000 Arbeitnehmer hat, plus etliche Zulieferer - hier hängen tausende Familien mit ihrer Existenz dran. Eine unverschuldete Pleite würde für tausende Arbeitslose, und somit für Millionenbelastungen in der Arbeitslosen- und Sozialversicherung sorgen (plus die entgangenen Steuereinnahmen von tausenden Beschäftigten). Und eine unverschuldete Pleite von Condor würde den deutschen Airline-Markt auf wenige Platzhirsche wie Lufthansa und RyanAir zusammenschrumpfen lassen. Während Lufthansa die Preise nach Belieben diktieren könnte, würde RyanAir das Billigsegment wie ein Staubsauger aufnehmen - will das jemand, bei den dortigen prekären Bedingungen? Eines ist klar: Durch eine Pleite von Condor fliegen genau 0 Passagiere weniger in den Urlaub. Die Alternativen sind aber allesamt schlechter. Daher: Condor zeitlich begrenzt stützen, und dem 1955 gegründeten Unternehmen - und damit den Mitarbeiter/innen - eine 2. Chance geben.
lucas0815 25.09.2019
2. Ist Condor wirklich profitabel?
Die Gesellschaften von Thomas Cook haben einen wesentlichen Anteil der Passagiere für Condor gebucht. Ist Condor ohne diese Passagiere wirklich profitabel? Das muss sich erst noch zeigen ...
tzoumaz 25.09.2019
3. Was gegen eine Unterstützung von Condor spricht
Zitat von JonHHEine vorübergehende Unterstützung von Condor ist der richtige Schritt. Dafür spricht, dass Condor grundsätzlich profitabel und nur durch die Pleite der britischen Muttergesellschaft angeschlagen ist. Weiter, dass Condor in Deutschland ca. 5.000 Arbeitnehmer hat, plus etliche Zulieferer - hier hängen tausende Familien mit ihrer Existenz dran. Eine unverschuldete Pleite würde für tausende Arbeitslose, und somit für Millionenbelastungen in der Arbeitslosen- und Sozialversicherung sorgen (plus die entgangenen Steuereinnahmen von tausenden Beschäftigten). Und eine unverschuldete Pleite von Condor würde den deutschen Airline-Markt auf wenige Platzhirsche wie Lufthansa und RyanAir zusammenschrumpfen lassen. Während Lufthansa die Preise nach Belieben diktieren könnte, würde RyanAir das Billigsegment wie ein Staubsauger aufnehmen - will das jemand, bei den dortigen prekären Bedingungen? Eines ist klar: Durch eine Pleite von Condor fliegen genau 0 Passagiere weniger in den Urlaub. Die Alternativen sind aber allesamt schlechter. Daher: Condor zeitlich begrenzt stützen, und dem 1955 gegründeten Unternehmen - und damit den Mitarbeiter/innen - eine 2. Chance geben.
Ihr Beitrag könnte aus dem Wirtschaftsministerium kommen. Dann müssen sie auch Thomas Cook Deutschland, Neckermann, Bucher und weitere unterstützen. Und jeden Autozulieferer der demnächst Pleite geht. Das ist eine Unsitte geworden in einer freien Marktwirtschaft: to big to fail oder bei Banken systemisch. Die Ungerechtigkeit zerstört die Demokratie.
intercooler61 27.09.2019
4. Dogmatismus schadet hier mehr, als er nutzt
Zitat von tzoumazIhr Beitrag könnte aus dem Wirtschaftsministerium kommen. Dann müssen sie auch Thomas Cook Deutschland, Neckermann, Bucher und weitere unterstützen. Und jeden Autozulieferer der demnächst Pleite geht. Das ist eine Unsitte geworden in einer freien Marktwirtschaft: to big to fail oder bei Banken systemisch. Die Ungerechtigkeit zerstört die Demokratie.
Die Aussage, das Condor für sich allein profitabel sein kann, halte ich für glaubhaft; Bilanzen und Cashflow der letzten Jahre lassen sich ggfls. prüfen. Wir sind erst diesen Sommer zu sechst mit Condor nach Antalya geflogen (keine Pauschalreise): nicht gerade billig, aber gut - und vermutlich kostendeckend. Kapazität für Pauschaltouris wird auch zukünftig noch nachgefragt werden. Die Kunden, die Cook & Co. eben noch hatten, werden halt bei anderen Veranstaltern buchen, die sie auch irgendwie ans Reiseziel bringen müssen. Falls es am Ende doch nicht reicht, kann man den Laden immer noch als Ganzes feilbieten, was den Gläubigern immer noch mehr einbringt, als damit jetzt die riesigen Löcher in der Insolvenzmasse des Mutterkonzerns stopfen zu wollen. Deshalb ist das Schutzschirm-Verfahren hier die richtige Entscheidung. Eine Versagung hätte den Schaden sehr wahrscheinlich vergrößert.
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