Möglicher Staatskredit Condor gehört zur deutschen Geschichte wie der VW-Käfer

Sollte der Staat einen Überbrückungskredit in Millionenhöhe an Condor zahlen? Die Fluglinie hätte diese Chance verdient - und das hat auch nostalgische Gründe.

Eine Condor-Maschine steht im Januar 1980 startbereit auf dem Flughafen von Mombasa
imago images / Rust

Eine Condor-Maschine steht im Januar 1980 startbereit auf dem Flughafen von Mombasa

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Was der langjährige Condor-Chef Ralf Teckentrup bei Deutschlands größter Ferienfluglinie Condor gerade versucht, ist bewundernswert. Aber es ist ein Himmelfahrtskommando. Der frühere Lufthansa-Manager bemüht sich, den beliebten Charterflieger aus dem Sog rund um die Insolvenz der Muttergesellschaft Thomas Cook herauszuhalten und sich selbst so ein würdiges Karriereende zu verschaffen. Verdient hätte er es.

Ihm und seinem Team gelang es, bei Condor trotz widriger Umstände kontinuierlich Gewinne zu erwirtschaften, keine leichte Übung angesichts des mörderischen Wettbewerbs in der Branche. Die Chancen, dass sein Plan aufgeht, stehen allerdings höchstens 50 zu 50:

  • Die Flotte ist teilweise veraltet.
  • In den Maschinen fehlen Urlauber, die früher die Veranstaltermutter als Gäste beigesteuert hat.
  • Und Einzelreisende dürften mit Buchungen zögern, so lange nicht eindeutig geklärt ist, ob die Gesellschaft eine Überlebenschance hat.

Sollte die Bundesregierung Condor trotzdem einen Übergangskredit gewähren beziehungsweise für ein Darlehen bürgen? Ja. Wollen wir stattdessen etwa wie die Briten mehrere Dutzend Maschinen anmieten, um gestrandete Urlauber aus dem Ausland zurückzuholen? Die Kosten wären immens.

"Lasst den Laden doch pleitegehen"

Bei der pleitegegangenen Air Berlin dagegen wurde die 2017 gewährte Rettungsbeihilfe sogar komplett zurückgezahlt, wie sich dieser Tage herausstellte. Wofür die Bundesregierung nicht sorgen kann, ist ein neuer Eigentümer. Und um den zu finden, braucht es Zeit. Zeit, die Teckentrup und sein Team nicht mehr haben und nur bekommen, wenn die Bundesregierung signalisiert, dass sie eine Weiterführung von Condor als unabhängige Fluglinie unterstützt. Auch mit Geld.

"Lasst den Laden doch pleitegehen", raten Branchenkenner und selbsternannte Experten in Anspielung auf die vorhandenen Überkapazitäten im Markt. So könnten die verbliebenen Wettbewerber höhere Preise verlangen, mehr verdienen und nebenher noch den Billigwahn und den damit verbundenen CO2-Ausstoß eindämmen. Das mag ja alles stimmen, aber Condor gibt es nun einmal nur einmal. Die Linie gehört zum Inventar der alten Bundesrepublik wie der Nierentisch, VW-Käfer oder Toast Hawaii.

Ich selbst kann mich noch gut an meinen ersten Flug erinnern - vor mehr als 40 Jahren. Mit Condor ging es über die Alpen nach Sizilien, ein grandioses Erlebnis, das nur möglich war, weil Condor deutlich niedrigere Preise verlangte als die Lufthansa. Die Tarife der Linienfluggesellschaften mussten damals noch von der Internationalen Zivilflugorganisation IATA genehmigt werden und erreichten schwindelerregende Höhen.

Dass die Lufthansa ihre Tochter Condor vor gut zehn Jahren an die Briten verhökerte, war und bleibt ein Sakrileg. Auf der Aufsichtsratssitzung an diesem Dienstag hätte sich die Gelegenheit geboten, den Fehler zu korrigieren. Doch wie zu hören ist, stand das Thema Condor nicht einmal auf der Tagesordnung.

Korrektur: In einer ursprünglichen Version dieses Textes hieß es, Condor sei vor etwa zwanzig Jahren an Thomas Cook verkauft worden, tatsächlich erfolgte der endgültige Übergang erst vor etwa zehn Jahren. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
isi-dor 24.09.2019
1. Ihr vergesst eines:
Die Geschichte ist vorbei und der VW Käfer ist Geschichte. Condor wohl bald auch. Nostalgie ist kein politisches Prinzip und schon gar kein Motiv des Steuerzahlers.
dasfred 24.09.2019
2. Wenn man auf Retro steht
Warum nicht das gleiche machen, wie bei AEG, Blaupunkt, Grundig und anderen bekannten Marken? Dort wird der Name nur noch auf chinesische Massenware gedruckt. Also Condor auflösen und zur Urlaubszeit auf Billigflieger den Namen gegen Lizenzgebühren pinseln.
Nonvaio01 24.09.2019
3. aus nostalgie 200mio in die Tonne werfen?
wo lebt der schreiber denn? Wenn eine Firma kein profit macht das muss die schliessen so einfach ist das. Ich bin mir aber sicher das sich ein kaeufer fuer Condor findet wenn es sein muss.
thompopp 24.09.2019
4. Wer den UN-Klimagipfel ernst nimmt hat nur eine einzige Antwort
und die ist alternativlos! Wir müssen uns (zumindest vorübergehend in den nächsten 100 Jahren) davon trennen das es um Nostalgie geht. Es geht ums Überleben. Abbau der Spaßgesellschaft und Flüge gehören nun mal dazu. Basta.
matbhmx 24.09.2019
5. Gut, was gehört nicht zur deutschen ...
... Geschichte? Air Berlin gehörte auch zur deutschen Geschichte - und wenn ein Unternehmen sich nicht mehr rechnet, dann ist es Geschichte! Wieviele deutsche Unternehmen der Geschichte sind schon untergegangen: AEG, Grundig, die gesamte Foto-, Film-, TV- und Radioindustrie usw. usf. Wo ist Hoechst geblieben? Also: Keine Steuergelder für ein Unternehmen, dass sich nicht selbst trägt. Condor scheint ja Gewinne gemacht zu haben, dann mag man einen Überbrückungskredit gewähren, mehr aber auch nicht.
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