Stau nach Corona-Abriegelung Hunderte deutsche Trucker stecken in Südengland fest

Bei einem negativen Test sollen deutsche Lkw-Fahrer den Corona-Stau in Südengland in Richtung EU verlassen dürfen. Doch für viele geht es immer noch nicht voran.
Tausende Lkw auf der Runway von Manston: »Es wird einige Tage dauern, bis der Rückstau behoben ist«

Tausende Lkw auf der Runway von Manston: »Es wird einige Tage dauern, bis der Rückstau behoben ist«

Foto: WILLIAM EDWARDS / AFP

Der Frust bei Tausenden Lastwagenfahrern im Süden Englands kurz vor dem Weihnachtsfest ist groß. Zwar hat Frankreich die Grenzen zu Großbritannien für den Warenverkehr wieder unter Auflagen geöffnet. Lkw-Fahrer, die ein negatives Corona-Test-Ergebnis vorweisen können, sollen wieder passieren dürfen. Doch noch immer herrschen dort Stau und Chaos.

DER SPIEGEL

Mit Hupkonzerten machten die Trucker am Hafen von Dover ihrem Ärger Luft. »Wir wollen nach Hause«, schrien sie. Eine kleine Gruppe geriet mit Polizisten aneinander, die den Zugang zum Hafen absperrten. Es kam zu einem Handgemenge, ein Mann wurde festgenommen.

Aktuell stecken nach Verbandsangaben auch Hunderte Lkw-Fahrer aus Deutschland im Stau in Großbritannien fest. Der Bundesverband Spedition und Logistik sagte, er gehe von 300 bis 400 Betroffenen aus. Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) sprach ebenfalls von mehreren Hundert deutschen Fahrern.

Frankreich hatte wegen einer in Großbritannien aufgetretenen und ansteckenderen Corona-Mutation die Grenze geschlossen. Die Warenströme zwischen der EU und Großbritannien kamen dadurch in weiten Teilen zum Erliegen. Viele Speditionen sagten ihre Touren komplett ab, noch vor Ablauf der Brexit-Frist am 31. Dezember drohen plötzlich Versorgungsengpässe. Für die, die bereits da sind, geht seit Tagen nichts mehr.

Seit der angekündigten Wiedereröffnung der Grenze hat sich die Lage laut BGL leicht verbessert. »Wir haben eine Zielsetzung, und das ist, dass unsere Fahrer nach Hause kommen und Weihnachten bei ihren Familien verbringen können«, sagte BGL-Hauptgeschäftsführer Dirk Engelhardt, der »Welt«. Er sei sich aber sehr sicher, dass es nicht alle Fahrer rechtzeitig zum Fest schaffen würden. Engelhardt forderte zudem freien Warenverkehr zwischen den europäischen Staaten auch nach dem 31. Dezember: »Die Fahrer müssen frei die Grenzen passieren können.«

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer forderte: »Wir müssen hier schnell gemeinsam eine Lösung finden, die Lieferketten aufrecht zu halten und vor allem den Fahrern die Reise zu ihren Familien in die Heimat zu ermöglichen.« Der CSU-Politiker sagte, er führe dazu aktuell Gespräche mit der EU-Kommission und mit europäischen Verkehrsministerkollegen.

»Tage, bis der Rückstau behoben ist«

Auf den Autobahnen vor dem Fährhafen Dover und vor dem Eurotunnel harren die Lkw-Fahrer seit Tagen aus. Im nordfranzösischen Calais verließen zwar bereits einige Autos Fähren aus Großbritannien, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Es seien auch Lastwagenanhänger angekommen, aber keine kompletten Sattelzüge. Womöglich gibt es Verzögerungen wegen der Corona-Tests.

»Es wird einige Tage dauern, bis der Rückstau behoben ist«, räumte der britische Bauminister Robert Jenrick ein. Er vertrat die Regierung am Morgen in den Frühstückssendungen der Fernsehsender. Das Verkehrsministerium in London sprach von mehr als 5000 Fahrzeugen, die sich in der Grafschaft Kent stauten. Der britische Spediteursverband RHA schätzte, dass es sogar bis zu doppelt so viele sein könnten. Das Hauptaugenmerk lag auf dem stillgelegten Flugplatz Manston gut 30 Kilometer nördlich von Dover – allein hierhin wurden etwa 3000 Lastwagen umgeleitet.

Lkw in der Hafenstadt Dover: »Weiterhin sehr schwierige Situation für sie«

Lkw in der Hafenstadt Dover: »Weiterhin sehr schwierige Situation für sie«

Foto:

JUSTIN TALLIS / AFP

Der deutsche Botschafter Andreas Michaelis twitterte, es sei kein Durchkommen nach Manston gewesen. Er habe nur mit einigen deutschen Brummi-Fahrern telefonieren können. »Weiterhin sehr schwierige Situation für sie«, schrieb Michaelis. Der Chef der britischen Logistikvereinigung RHA, Richard Burnett, kritisierte unter anderem, zahlreiche Fahrer hätten noch immer keinen Zugang zu Sanitäranlagen. In Manston baut die britische Armee derweil das größte Testzentrum auf.

Ruhezeiten werden gelockert

Die Fahrer sollten einen Schnelltest erhalten, sagte Minister Jenrick. Wer negativ getestet wird, dürfe zum Hafen und mit der Fähre übersetzen. Bei einem positiven Schnelltest soll ein ausführlicherer PCR-Test das Ergebnis überprüfen. Fällt auch dieser positiv aus, wird der Fahrer von den britischen Behörden in einem »Covid-sicheren« Hotel untergebracht. Auch in Dover wurde direkt am Hafen ein Testzentrum eingerichtet. Um den Rückstau schneller aufzulösen, lockerte Verkehrsminister Grant Shapps erneut die Ruhezeiten: Lkw-Fahrer dürfen nun elf statt neun Stunden am Steuer sitzen.

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Die Züge durch den Eurotunnel nahmen den Betrieb bereits in der Nacht wieder auf. Auch die Niederlande lassen wieder Reisende aus Großbritannien ins Land. Seit Mitternacht sei die Einreise wieder erlaubt, teilte die Regierung in Den Haag mit. Passagiere müssen allerdings auch hier einen negativen Corona-Test vorweisen. Fluggesellschaften und Reeder sind verpflichtet, dies zu kontrollieren. Norwegen verlängerte hingegen das Verbot für Direktflüge aus Großbritannien bis einschließlich dem 26. Dezember.

RHA-Chef Burnett warnte, dass auch der Einsatz von Schnelltests für erhebliche Verzögerungen in der Lieferkette sorgen würde. Zudem seien logistische Fragen ungeklärt, etwa die Reinigung von Fahrerkabinen bei positiv Getesteten.

Wegen der Grenzschließungen besteht weiterhin die Sorge, dass in Großbritannien bestimmte frische Lebensmittel wie Salat oder Blumenkohl spätestens nach Weihnachten knapp werden könnten. »Bis der Rückstau beseitigt ist und sich die Lieferketten wieder normalisieren, erwarten wir Probleme mit der Verfügbarkeit einiger frischer Waren«, sagte Andrew Opie, der beim Handelsverband BRC für Lebensmittel zuständig ist. Nach Hamsterkäufen hat der britische Handelsriese Tesco bereits wichtige Alltagsprodukte rationiert.

apr/dpa
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