Corona-Ausbruch in Schlachthof "Das Vertrauen in Tönnies ist gleich null"

Nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies haben sich die Behörden Mitarbeiter-Adresslisten in einer Art Razzia verschafft. Die Wut auf die Firma ist groß. Die Testergebnisse machen Hoffnung, den Ausbruch eindämmen zu können.
Pressekonferenz zum Corona-Asubruch bei Tönnies: Das Unternehmen habe Wochen gehabt, um sich zu erklären

Pressekonferenz zum Corona-Asubruch bei Tönnies: Das Unternehmen habe Wochen gehabt, um sich zu erklären

Foto: Noah Wedel/ imago images/Noah Wedel

Die Wut ist dem Leiter des Krisenstabs, Thomas Kuhlbusch, anzusehen: "Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich null. Das muss ich so deutlich sagen". Vor Tagen war bekannt geworden, dass es unter den Mitarbeitern des größten deutschen Schlachtbetriebs von Tönnies bei Rheda-Wiedenbrück zu einem Corona-Ausbruch gekommen ist. Seit Freitag stehen alle 7000 Mitarbeiter - inklusive Konzernchef Clemens Tönnies - unter Quarantäne. Maßnahmen vor Ort werden von Soldaten der Bundeswehr unterstützt - aber die Kooperation von Tönnies ist offenbar mangelhaft. Das Unternehmen habe Adressen der Mitarbeiter nur sehr zögerlich herausgegeben, kritisierte der Krisenstabsleiter. "Wir haben Adresslisten gekriegt, da waren dreißig Prozent der Mitarbeiter ohne Adresse. Da sagt man irgendwann Feierabend", so Kuhlbusch.

Etwa 1300 Adressen von Tönnis-Mitarbeiter

Schließlich habe sich der Kreis Gütersloh gemeinsam mit dem Arbeitsschutz am Freitagabend selbst Zugriff zu den Daten verschafft. "Wir sind gestern Abend um 21 Uhr bei der Firma Tönnies gewesen und waren heute Nacht um 1:30 Uhr fertig. Dann haben wir die kompletten Adresslisten gehabt" sagte Kuhlbusch.

Zuvor hatte bereits Landrat Sven-Georg Adenauer darüber informiert, dass die Firma Tönnies es "nicht geschafft" habe, Adressen der über Subunternehmer beschäftigten Mitarbeiter zu liefern. Nachdem sich der Kreis Gütersloh Zugriff auf die Personallisten verschafft habe, habe man nun etwa 1300 Adressen, an denen Tönnies-Mitarbeiter wohnen.

"Wir gehen mit mobilen Teams im Kreis Gütersloh vor. Besuchen die Wohnungen, schauen uns die Wohnverhältnisse an, machen Abstriche, informieren die Menschen, die dort wohnen, über Quarantäne", sagte Adenauer weiter.

"Wir brauchen hier niemanden von der Firma Tönnies"

Weder Krisenstabsleiter Kuhlbusch noch Landrat Adenauer konnte ihre Verärgerung über den Fleischhersteller verbergen. Auf die Frage, warum bei der Pressekonferenz kein Vertreter der Firma anwesend sei, sagte Kuhlbusch: "Wir brauchen hier von der Firma Tönnies für diese Veranstaltung niemand. Wir haben hier das Heft des Handelns."

Die Firma Tönnies hätte zuvor über Wochen Zeit gehabt, sich zu erklären. Auch habe es bereits seit Längerem Warnungen bezüglich eines möglichen Corona-Ausbruchs gegeben. "Umso verdichteter die Arbeitsbedingungen sind, umso dünner wird das Eis. Hier ist das Eis gebrochen", kritisierte Kuhlbusch das Unternehmen. "Ich sage ganz klar: Kontrolle ist besser als Vertrauen", sagte der Krisenstabsleiter. Man werde nicht blind vertrauen. Er sei froh, dass "das Dunkelfeld der Unterbringung der Mitarbeiter aufgehellt werden konnte."

Neben der deutlichen Kritik an dem Unternehmen gab es auch positive Nachrichten. "Wir haben mittlerweile 3127 Befunde. Davon sind 1029 Positiv. Gestern hatten wir 830 Positive", sagte Landrat Adenauer. Der Anteil positiver Tests sei damit deutlich zurückgegangen. Auch gebe es keinen signifikanten Eintrag von Corona-Fällen in die allgemeine Bevölkerung. "Wir haben noch die Chance zu verhindern, dass es zu einem Lockdown kommt für den Kreis und für die Region", sagte Adenauer.

Hotspot des Ausbruchs liegt in der Zerlegung

Die Ergebnisse der Befunde legen nun nahe, dass ein Hotspot des Corona-Ausbruchs im Bereich der Zerlegung entstanden sei. "In der Zerlegung waren rund zwei Drittel der Mitarbeiter infiziert, das ist ein erschreckend hoher Wert", sagte Kuhlbusch. Die niedrigen Temperaturen und die beengten Arbeitsverhältnisse in diesem Bereich haben einen Ausbruch möglicherweise begünstigt. In anderen Bereichen des Schlachtbetriebs falle die Zahl der Infizierten deutlich geringer aus. "Wir haben jetzt rund 200 Fälle mehr, obwohl wir deutlich mehr Befunde ausgewertet haben", sagte Kuhlbusch.

Der Infektionsherd habe einen klaren Kern. "Wir schauen ausgehend vom Hotspot, inwieweit sich die Ausdehnung der Infektion innerhalb des Betriebes verbreitet. Wir hoffen, dass die Zahlen umso niedriger werden, je weiter wir vom Hotspot wegkommen", sagte Kuhlbusch weiter. Höchste Priorität sei es Landrat Adenauer zufolge nun, die "Ausbreitung einzudämmen und einen Shutdown zu verhindern."

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass es unter den Mitarbeitern des größten deutschen Schlachtbetriebs von Tönnies bei Rheda-Wiedenbrück zu einem Ausbruch mit einer Vielzahl von Corona-Infizierten gekommen ist. Bereits im Mai war es auf einem Schlachthof von Westfleisch im Kreis Coesfeld zu einem Corona-Ausbruch gekommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.