Börsenhype um Impfstoff-Start-up Moderna Heißer Stoff

Die US-Firma Moderna hat keine tausend Mitarbeiter und noch nie ein Medikament auf den Markt gebracht - ihr angeblicher Impfstoff-Durchbruch treibt dennoch weltweit Börsen nach oben. Ist die Hoffnung berechtigt?
Moderna-Labor in den USA: Weltweites Kursfeuerwerk

Moderna-Labor in den USA: Weltweites Kursfeuerwerk

Foto: Boston Globe/ Boston Globe via Getty Images

Der aktuell größte Hoffnungsträger der Weltbörsen ist - gemessen an klassischen Maßstäben - eigentlich ein Leichtgewicht: Der Name der Biotechfirma lautet Moderna Therapeutics, ein Unternehmen aus einem Vorort von Boston mit nicht einmal tausend Beschäftigten.

Bis heute hat das Unternehmen kein einziges Medikament auf den Markt gebracht. Und doch löste am Montag eine Mitteilung aus der Moderna-Zentrale ein weltweites Kursfeuerwerk aus. Der US-Leitindex Dow Jones schloss knapp vier Prozent im Plus, das war der stärkste Kursanstieg innerhalb eines Tages seit sechs Wochen, der deutsche Leitindex Dax sprang sogar 5,6 Prozent in die Höhe.

Der Grund: Moderna hatte Fortschritte auf der Suche nach einem möglichen Impfstoff gegen Covid-19 publik gemacht. Bei den ersten Patienten habe der Impfstoff mRNA-1273 tatsächlich eine Immunisierung erzeugt, hieß es. Bei allen Probanden sei die Bildung von Antikörpern nachgewiesen worden.

Doch was bedeutet das für den Kampf gegen das Coronavirus? Woran arbeiten die US-Forscher genau? Sind die großen Hoffnungen der Börseninvestoren berechtigt? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie kann eine so kleine Firma so große Fortschritte erzielen?

Dass ausgerechnet der Newcomer aus der Nähe von Boston im Rennen um einen Impfstoff die Nase vorn haben könnte, ist nicht unbedingt eine Überraschung. Das hat etwas mit den Hintergründen der Firma zu tun. Normalerweise dauert die Entwicklung eines marktreifen Impfstoffs rund ein Jahrzehnt - die Biotechfirma aber konnte so schnell Ergebnisse liefern, weil unter anderem die US-Gesundheitsbehörde rund 500 Millionen Dollar in das Moderna-Projekt investiert hat.

Das Unternehmen ist gut vernetzt. Gerade erst berief US-Präsident Donald Trump den Pharmamanager Moncef Slaoui zum Leiter seiner Impfstoffoperation "Warp Speed". Slaoui saß bis vor Kurzem im Verwaltungsrat von Moderna und von Lonza.

Lonza ist ein Schweizer Pharmazulieferer und Auftragsproduzent. Moderna will gemeinsam mit den Baselern den potenziellen Impfstoff mRNA-1273 gegen das neuartige Coronavirus herstellen. Wie lange es Slaoui bei Trump aushält? Unklar. Der Immunologe ist bisher mit Forderungen aufgefallen, den Zugang zu Impfstoffen für alle zu ermöglichen. Trump verfolgt offenbar das Ziel, den Impfstoff vor allem für Amerikaner zu bunkern.

Woran genau arbeitet Moderna?

Moderna hat Erfolg versprechende Ergebnisse bei Tests mit dem Impfstoffkandidaten mRNA-1273 verkündet. In einer Phase-I-Studie seien bei acht Probanden erste Anzeichen einer positiven Immunreaktion festgestellt worden, teilte das Unternehmen mit. Die Testpersonen hätten im Vergleich zu genesenen Covid-19-Patienten eine gleich hohe oder sogar höhere Konzentration von Antikörpern aufgewiesen. Außerdem habe sich das Mittel als sicher und gut verträglich herausgestellt.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Sogenannte mRNA-Impfstoffe, zu denen das mögliche Vakzin von Moderna zählt, enthalten einen Teil des Viruserbguts. Es wird den Patienten gespritzt oder nasal verabreicht und soll Zellen anregen, ein entsprechendes Virusprotein herzustellen. Dieses Protein wiederum kommt in Kontakt mit dem Immunsystem. Im Idealfall beginnt der Körper daraufhin, spezialisierte Antikörper zu produzieren. Bei den meisten anderen Impfstoffen werden Virusproteine, Bruchteile von Viren oder inaktivierte Erreger verabreicht.

Bislang ist allerdings noch kein einziger mRNA-Impfstoff zugelassen worden. Es handelt sich um ein vergleichsweise neues Verfahren. Und wie bei jedem Impfstoff müssen die Forscher ganz genau prüfen, wie er wirkt. Üblicherweise dauert diese Prüfung viele Jahre und besteht aus insgesamt drei Phasen.

In der ersten Phase, in der sich Moderna zurzeit befindet, erhalten gesunde Menschen den Impfstoff, um akute Nebenwirkungen zu ermitteln. Erst in der zweiten Phase erhalten auch Risikopatienten das Vakzin. Und in der dritten Phase wird es dann bis zu zehntausend Probanden gespritzt. Moderna hat also noch einen langen Weg vor sich.

Was ist der Vorteil des mRNA-Ansatzes von Moderna?

Dem Körper wird nur der Bauplan für das Virusprotein verabreicht, nicht aber Bestandteile des Erregers selbst. Die mRNA an sich ist harmlos, wodurch mögliche Nebenwirkungen reduziert werden könnten. Die Forscher hoffen deshalb, die notwendigen drei Prüfungsphasen ohne größere Rückschläge durchlaufen zu können.

Außerdem setzen Experten darauf, dass sich mRNA-Impfstoffe später relativ einfach und günstig produzieren lassen, denn bei den Erbgutbruchstücken handelt es sich nicht um komplexe Biomoleküle. Andere Impfstoffe, zum Beispiel gegen die Grippe, müssen aufwendig und langwierig angezüchtet werden.

Was spricht gegen einen schnellen Erfolg von Moderna?

Die Entwicklung eines Impfstoffs ist anspruchsvoll und führt oft zu Fehlschlägen. So gibt es trotz vieler Forschungsanstrengungen bis heute keinen Impfstoff gegen HIV; erst im Januar  brachen Wissenschaftler eine große Studie frühzeitig ab, weil sich die Impfung als nicht effektiv erwies.

Bei der Entwicklung von mRNA-Impfstoffen kommt hinzu, dass es schlicht an Erfahrung mangelt. Weil bislang noch kein Vakzin dieses Typs zugelassen wurde, können sich die Forscher nicht an Vorbildern orientieren. "Dass RNA-Impfstoffe bisher noch nicht zugelassen wurden, liegt nicht unbedingt daran, dass die Technologie schlecht ist, sondern hängt von unterschiedlichen Faktoren ab", sagte der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, im SPIEGEL-Interview. Es sei auch eine Frage des Geldes, denn die Erforschung neuer Technologien müsse finanziert werden.

Ist der Börsenhype um Moderna also übertrieben?

Der Wert der Firma wird inzwischen auf schwindelerregende 30 Milliarden Dollar geschätzt. Das ist mehr als das Doppelte dessen, was etwa die Deutsche Bank derzeit wert ist, ein globaler Konzern mit etwa 80.000 Mitarbeitern.

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Dies gilt umso mehr, weil Moderna einen völlig neuen Ansatz für den Impfstoff nutzt. Zudem ist der Geldbedarf in der Branche riesig: Moderna nutzte die guten Nachrichten und kündigte am Montag an, weitere Aktien auf den Markt zu werfen. Die Firma will so mehr als eine Milliarde Dollar bei Investoren einsammeln. Zwar verfügt das Unternehmen noch über 1,7 Milliarden Dollar liquide Mittel, doch allein im ersten Quartal 2020 lagen die Betriebsausgaben bereits bei 140 Millionen Dollar. 

Nicht ausgeschlossen also, dass sich beim großen Hoffnungsträger der Börsen am Ende die Hoffnungen als größer erweisen als ihr Träger.

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