Corona-Hilfen für Start-ups Der Staat geht ins Risiko

Erfolgreich hat die Start-up-Branche für Corona-Hilfen getrommelt. Doch das Geschäftsmodell vieler Firmen besteht in Wetten auf die Zukunft. Eine gute Anlage für Steuergelder?
Die Coronakrise hat das Geschäft von Firmen wie Flixbus fast zum Erliegen gebracht

Die Coronakrise hat das Geschäft von Firmen wie Flixbus fast zum Erliegen gebracht

Foto: Anadolu Agency via Getty Images

Seinen Start als Chef des Bundesverbands Deutsche Start-ups hatte sich Christian Miele wohl anders vorgestellt. Vor wenigen Wochen sprach der frisch gewählte Verbandschef vom "Greta-Moment" der Start-up-Szene. Digitalisierung sei wie Klimaschutz "ein Thema der Stunde". Noch Anfang März schrieb der Urenkel des Haushaltsgeräteunternehmers Carl Miele nach den German Start-up Awards auf Instagram: "Bin mega verkatert. Aber das hat Spaß gemacht."

Mittlerweile hangelt sich der 32-Jährige von einer Telefonkrisenkonferenz zur nächsten. "So etwas habe ich noch nie erlebt", sagt Miele. Die Coronakrise hat deutsche Start-ups mit voller Wucht erfasst. Gut 70 Prozent sehen sich in ihrer Existenz bedroht, heißt es in einer von Mieles Verband in Auftrag gegebenen Umfrage.

Die Branche erwischt es doppelt: Wie bei anderen Firmen auch sind die Umsätze von heute auf morgen eingebrochen. Einige Reise- und Mobilitätsanbieter beklagen Rückgänge "auf nahe null", berichtet ein bekannter Investor. Zudem versiegen durch die Krise die Geldquellen der Start-ups, die sich für gewöhnlich in regelmäßigen Abständen über neue Finanzierungsrunden frisches Kapital besorgen.

"Jeder, der plante, im zweiten Quartal eine Finanzierung aufzustellen, steht vor einer Herausforderung. Der Markt steht praktisch still", sagt Christian Saller, Partner beim Wagniskapitalgeber Holtzbrinck Ventures. "Wir gehen gerade jede Beteiligung Schritt für Schritt durch und schauen, wie die finanziellen Mittel möglichst lang gestreckt werden können", berichtet Florian Heinemann, Partner beim Firmenfinanzierer Project A.

Eine Reihe von Start-ups hat bereits Kurzarbeit beantragt, darunter die Auto1 Group und Reiseanbieter wie Flixbus und Tourlane (Lesen Sie hier mehr darüber). Und Deutschlands wichtigste Start-up-Fabrik Rocket Internet rechnet mit einer höheren Insolvenzquote bei seinen Beteiligungen.

Setzt der Staat auf tote Pferde?

Und so tut die junge Branche, was derzeit viele Unternehmen tun: Sie ruft nach Hilfe - und das nicht zu knapp. Mieles Verband forderte einen eigenen Rettungsschirm , inklusive weitgehendem Haftungsausschluss für die Unternehmen. Der Beirat junge digitale Wirtschaft im Wirtschaftsministerium schlug sogar eine staatliche "Helikopter-Beteiligung für alle bereits gegründeten Start-ups" vor. Das Steuergeld sollte also wie aus dem Hubschrauber auf alle Unternehmen abgeworfen werden.

Der Druck zeigt Wirkung. Kurzfristig nahm die Bundesregierung Start-ups noch in den Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) auf, mit dem sich der Staat auch direkt an größeren Unternehmen beteiligen kann. Am Mittwoch kündigten Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) dann auch noch zusätzliche Hilfen für Start-ups in Höhe von zwei Milliarden Euro an. Hinzu kommen soll ein schon länger geplanter "Zukunftsfonds" bei der Staatsbank KfW. Volumen: zehn Milliarden Euro.

Solche Summen werden in der Coronakrise gerade wieder zur Normalität. Doch mit ihnen verbindet sich die Frage, wie gut die Steuergelder eingesetzt werden - und die gilt bei Start-ups in besonderer Weise.

Denn ihr Geschäftsmodell ist oft eine riskante Wette auf zukünftigen Erfolg. Nur eine von zehn Firmen ist laut Studien richtig erfolgreich, neun gehen innerhalb von drei Jahren nach der Gründung pleite. Für große Wagniskapitalgeber kann sich das trotzdem lohnen, weil sie ihr Geld breit streuen. Geht auch nur eine Firma durch die Decke, macht das den Verlust der neun fehlgeschlagenen Gründungen wett. Allein 2019 steckten Investoren laut einer Studie der Unternehmensberatung EY 6,2 Milliarden Euro in deutsche Digitalunternehmen - so viel wie nie zuvor.

Angesichts der fetten Jahre hat jetzt nicht jeder Branchenvertreter Verständnis für die Hilferufe. Sven Schmidt, Risikokapitalexperte und selbst Start-up-Unternehmer, bezeichnet die Forderungen des Start-up-Verbands in einem Podcast des manager magazin als "asozial". Es entbehre "nicht einer gewissen Komik, dass dort Millionäre nach Staatshilfe schreien". Schmidt befürchtet zudem, dass private Investoren den Staat für besonders riskante Investments einspannen. "Es werden Pferde, die tot sind, weitergeritten".

Auch Alexander Kritikos, Leiter der Forschungsgruppe Entrepreneurship beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), warnt vor spezifischen Hilfen. Das wirksamste Instrument, um Jobs zu schützen, sei Kurzarbeitergeld, und das könnten auch Start-ups beantragen, sofern sie fest angestellte Mitarbeiter beschäftigten. Ganz kleine Firmen hingegen könnten das Hilfspaket für Kleinunternehmer und Soloselbstständige in Anspruch nehmen. Für größere Digitalfirmen bestehe die Option, KfW-Kredite zu beantragen. "Da bleibt es unklar, warum es für Start-ups gesonderte Hilfsprogramme geben sollte", sagt Kritikos.

Wenn Beamte über die Zukunft entscheiden

Über den Hilfsfonds WSF hält sich der Staat sogar die Möglichkeit offen, größere Start-ups zu verstaatlichen. Damit könnten Regierungsbeamte künftig direkt darüber entscheiden, ob ein Start-up Zukunft hat oder nicht -  was schon bei etablierteren Unternehmen heikel ist.

Florian Toncar weiß, wie schwer solche Entscheidungen sein können. Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP leitete den Kontrollausschuss des Bankenrettungsfonds Soffin. Über ihn wurde unter anderem die marode Hypo Real Estate gerettet - ein Manöver, das den Steuerzahler rund 20 Milliarden Euro kostete. "Es war nie so, dass da jemand gedacht hat: Was für eine Investitionsgelegenheit!", erinnert sich Toncar.

Nun hat die FDP für Start-up-Hilfen getrommelt. Leicht werde die Entscheidung im Einzelfall aber nicht, räumt Toncar ein. "Das sind natürlich meistens riskante Investments. Da werden die Verantwortlichen noch genauer auf die Perspektiven gucken." Der zuständige Finanzstaatssekretär Jörg Kukies (SPD) verspricht, man werde den Rat von Fachleuten einholen. "Für die konkreten Investitionsentscheidungen beauftragen wir Venture-Capital-Profis, damit die Geschäftsmodelle von Start-ups qualifiziert und unabhängig von politischer Einflussnahme beurteilt werden", sagte Kukies dem SPIEGEL.

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Vom WSF können Firmen laut Gesetzestext jedoch nur Hilfen erhalten, wenn ihre "Bestandsgefährdung erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft" und den Arbeitsmarkt hätte. Solche Systemrelevanz könnte vielleicht eine Pharmafirma wie der Tübinger Impfstoffhersteller CureVac beanspruchen, auf die selbst Donald Trump ein Auge geworfen haben soll. Oder Firmen, die Schlüsseltechnologien für größere Unternehmen liefern - etwa bei der künstlichen Intelligenz.

Außerdem müssen Start-ups für WSF-Hilfen in einer ersten Finanzierungsrunde aber auch mit mindestens 50 Millionen Euro bewertet worden sein. Die Zahl der Kandidaten dürfte damit überschaubar sein. "Man wird sehen, ob sich überhaupt ein Start-up bewirbt", sagt Toncar, der eine genauere Definition der Hilfskriterien fordert.

"Ein riesiger Konstruktionsfehler" 

Größer ist der Empfängerkreis bei den speziellen Hilfen für Start-ups, die nun über die KfW vergeben werden sollen. Wie von der Branche gefordert, will sich der Staat mit ihnen verstärkt an Finanzierungsrunden beteiligen und könnte mittelfristig auch die Anteile ausfallender Investoren übernehmen. "Wir können es uns schlicht und einfach nicht erlauben, Finanzierungsrunden platzen zu lassen", sagt Staatssekretär Kukies. "Das droht leider, wenn wir nichts tun."

Dabei dürfte der Staat sogar den deutlich größeren Teil der Investitionen übernehmen - 80 Prozent lautet ein Vorschlag des Bundesverbands Start-ups. Branchenkritiker Schmidt sieht dies allerdings als "skandalöse Forderung". Schon Finanzierungen im Verhältnis 50:50 würden nur dann genutzt, wenn Kapitalgeber eine Investition als wackelig einschätzten. Man müsse achtgeben, dass die Investoren "nicht das gesamte Risiko auf den Staat abwälzen".

Auch DIW-Experte Kritikos warnt. Es sei "ein Konstruktionsfehler", wenn vom Staat unterstütze Finanzierungsrunden dazu benutzt werden würden, Liquiditätsengpässe zu überbrücken. "Sinn und Zweck einer Finanzierungsrunde sollte in erster Linie die Aufnahme von Investitionskapital sein", so Kritikos. Sonst könnten Start-ups mit Staatsgeld durchgeschleppt werden, die vermutlich auch ohne Coronakrise nicht überlebt hätten: "Ob ein Start-up es schafft, sich zu etablieren, muss allein der Markt entscheiden."

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