Florian Diekmann

Homeoffice-Verordnung Die so ziemlich weichste Regelung

Florian Diekmann
Ein Kommentar von Florian Diekmann
Ein Kommentar von Florian Diekmann
Kontakte reduzieren! Das ist die Grundregel in einer Pandemie. Trotzdem fahren Millionen Menschen völlig unnötig jeden Tag ins Büro. Der jüngste Homeoffice-Beschluss wird daran wenig ändern.
Arbeitnehmerin im Homeoffice: nur ein Angebot

Arbeitnehmerin im Homeoffice: nur ein Angebot

Foto: Fabian Strauch / dpa

Immerhin, es ist diesmal nicht wieder ausschließlich bei Appellen geblieben. Per Verordnung soll der Anteil der Arbeit im Homeoffice erhöht werden. So haben es die Bundeskanzlerin und die Regierungschefinnen und -chefs der Länder nun beschlossen.

Allerdings haben sie sich dabei auf die so ziemlich weichste vorstellbare Regelung geeinigt. Arbeitgeber müssen es Beschäftigten ermöglichen, von zu Hause aus zu arbeiten – mit einer gleich doppelten Einschränkung: »wo es möglich ist« und »sofern die Tätigkeiten es zulassen«. Den Beschäftigten selbst bleibt dagegen die vollkommen freie Wahl, trotzdem ins Büro zu kommen – sie werden noch nicht einmal aufgefordert, sondern lediglich gebeten, das Angebot zur Heimarbeit anzunehmen.

Dieser Beschluss kommt noch nicht einmal in die Nähe einer Homeoffice-Pflicht. Dabei wäre eine solche – sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer – jetzt dringend nötig.

Denn das Potenzial ist riesig. In einer Pandemie – insbesondere in einer so kritischen Phase wie der jetzigen – gilt eine sehr einfache Regel: Vermeide jeden unnötigen Kontakt! In den Schulen, Kitas, der Gastronomie, dem Einzelhandel und im Privatleben sind die Möglichkeiten dazu – staatlich angeordnet – bereits fast ausgereizt.

Im Büro und auf dem Weg dorthin gibt es aber offensichtlich noch viele dieser unnötigen Kontakte. In einer Umfrage der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw)  in der vergangenen Woche gaben zwei Drittel der Betriebe an, Homeoffice-fähige Arbeitsplätze zu haben. Doch in nur 64 Prozent dieser Betriebe wird Homeoffice auch durchgeführt – in mehr als einem Drittel arbeiten Menschen also im Büro, obwohl es auch von zu Hause möglich wäre. In Deutschland begegnen jeden Tag also Millionen Menschen völlig unnötig anderen Menschen und gefährden damit sich und das Gegenüber, mal nur kurz in der Bahn oder der Tiefgarage, mal über viele Stunden im Großraumbüro.

Der Beschluss von Bund und Ländern kann nur einen kleinen Teil dieser unnötigen Kontakte reduzieren: dort nämlich, wo Chefs (ja, es sind fast immer Männer) nur aus Prinzip auf die Präsenzpflicht pochen, obwohl Beschäftigte zu Hause arbeiten wollen.

Solchen Chefs bleiben nun Schlupflöcher, Homeoffice doch nicht zu ermöglichen – aus »zwingenden betrieblichen Gründen«, wie es im Verordnungsentwurf aus dem Arbeitsministerium heißt, ein dehnbarer Begriff. Noch fataler ist es aber in diesem Zusammenhang, den Beschäftigten selbst die freie Wahl zu lassen, weil diese allzu oft nur scheinbar frei sein wird: Wo Vorgesetzte seit Monaten deutlich machen, dass sie Homeoffice strikt ablehnen, wird daraus ein faktischer Zwang, trotzdem weiter ins Büro zu kommen, um nicht die Karriere oder gar den Arbeitsplatz zu gefährden.

Erst recht wenig bewirken wird der Beschluss bei jenen, die ohnehin im Homeoffice arbeiten können und dürfen, es aber nicht tun. Dafür gibt es einige gute, aber weit mehr weniger gute Gründe. Tatsache ist, dass gleichzeitig Millionen Verkäuferinnen, Friseure, Künstlerinnen und Köche gar nicht arbeiten dürfen, während viele nur deshalb ins Büro fahren, weil es zu Hause unbequem ist. Sie werden sich vom Bitten der Kanzlerin und der Länderchefs kaum beeindrucken lassen.

Zugegeben: Es mag allein schon rechtlich schwierig sein, Beschäftigte zur Heimarbeit zu verpflichten. Aber juristische Bedenken haben die Politik bislang auch nicht davon abgehalten, es wenigstens zu versuchen, wenn eine Regel zur Eindämmung der Pandemie sinnvoll erschien.

Es wird Zeit, dass ein schlichter Satz aus dem allerersten Corona-Arbeitsschutz-Standard  vom April 2020 endlich verbindlich wird, für Arbeitgeber und Beschäftigte: »Büroarbeiten sind nach Möglichkeit im Homeoffice auszuführen.«