Pläne der EU-Kommission Steuerzahler sollen Risiken der Impfstoffhersteller mittragen

Ob Curevac oder AstraZeneca: Pharmakonzerne wagen im Wettlauf bei der Entwicklung von Corona-Impfstoffen viel - können aber auch scheitern. Die Risiken hierfür soll nach Plänen der EU auch die Allgemeinheit tragen.
Symbolbild Impfung: Vorverträge mit mehreren Herstellern

Symbolbild Impfung: Vorverträge mit mehreren Herstellern

Foto: Christoph Schmidt / DPA

In der EU gibt es bislang noch keinen zugelassenen Impfstoff gegen das bisweilen tödliche und wirtschaftlich verheerende Coronavirus. Die EU-Kommission verhandelt aber bereits seit Wochen mit Firmen, die aussichtsreiche Kandidaten am Start haben - und kommt ihnen nun auch in einem entscheidenden Punkt entgegen.

Die EU-Staaten und damit die Steuerzahler der Union wollen im Wettlauf um einen wirksamen Corona-Impfstoff einen Teil des Haftungsrisikos der Hersteller übernehmen. Die Staaten seien bereit, "bestimmte Risiken der Firmen finanziell abzudecken, damit Impfstoffe tatsächlich für EU-Bürger zur Verfügung stehen und die öffentliche Gesundheit geschützt wird", teilte die EU-Kommission mit.

So sollen die EU-Staaten für den Fall, dass nach der Zulassung der in großer Eile entwickelten Mittel Probleme auftreten, einspringen. "Im Wettlauf gegen die Zeit müssen Hersteller Impfstoffe viel schneller herstellen als unter normalen Umständen", erklärte ein Sprecher der EU-Kommission. Statt zehn Jahren oder mehr gehe es jetzt um 12 bis 18 Monate. "Um derart hohe Risiken der Hersteller auszugleichen, sehen die Vorabkaufverträge vor, dass Mitgliedstaaten Produzenten für bestimmte Verbindlichkeiten entschädigen."

Vorverträge sollen Bezug sichern

Trotzdem würden Bürger mit allen notwendigen Maßnahmen geschützt. So werde die Sicherheit genau geprüft, bevor ein Impfstoff zugelassen werde. Verbraucherrechte würden nicht eingeschränkt. Die Regeln der Produkthaftung würden nicht geändert. "Eine andere Frage ist, ob Behörden möglicherweise den Hersteller entschädigen, wenn er letztlich für Schäden haftbar gemacht wird", fügte der Sprecher an.

Hinzu kommt: Die Kommission hat etwa mit AstraZeneca bereits einen Vertrag geschlossen, der der EU den Kauf von bis zu 400 Millionen Einheiten Impfstoff des britischen Herstellers ermöglichen soll - wenn und falls das Vakzin wirksam ist und zugelassen wird. Diese Vorverträge sollen den Herstellern einen Teil des Risikos für Entwicklungskosten abnehmen, denn es wird angenommen, dass nicht alle derzeit getesteten Mittel erfolgreich sind.

Die EU-Kommission setzt deshalb auch auf verschiedene Anbieter. Verhandelt wird auch über Verträge mit Sanofi-GSK, Johnson&Johnson, Curevac und Moderna. Über Einzelheiten und Kosten ihrer Vorverträge sagt die EU-Kommission nichts. Finanziert werden die Geschäfte über einen 2,7 Milliarden Euro schweren Krisen-Finanztopf.

Die Biotech-Firma Moderna hat indes der US-Gesundheitsbehörde CDC Zwischenergebnisse der Tests eines Corona-Impfstoffkandidaten in Hinblick auf ältere Menschen vorgestellt. Die Ergebnisse seien "sehr positiv und stimmen mit den Ergebnissen von jüngeren Probanden überein", hieß es seitens des US-Unternehmens. Der Impfstoff mRNA-1273 habe bei älteren Menschen eine ähnlich gute Immunantwort wie bei jüngeren hervorgerufen, zudem habe es keine schweren Nebenwirkungen gegeben.

Patientenvertreter verlangen mehr Transparenz

Moderna hatte im Juli mitgeteilt, mit dem Impfstoffkandidaten eine klinische Phase-III-Studie mit 30.000 Probanden begonnen zu haben. Dabei wird überprüft, ob und wie gut ein Impfstoff tatsächlich vor einer Infektion schützt. In ähnlich fortgeschrittenem Stadium werden derzeit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge nur eine Handvoll weiterer Wirkstoffe erforscht.

Aus Sicht des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie sind staatliche Zusagen zur "Risikoverteilung" Voraussetzung dafür, dass rasch Impfstoffe zur Verfügung stehen. "Die Politik muss in dieser Situation die Verantwortung für etwaige Risiken mittragen", teilte das BPI mit. "Andernfalls kann es in kurzmöglichster Zeit keinen Covid-19-Impfstoff geben."

Patientenvertreter bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA äußern jedoch Bedenken. "Es gibt ein atemberaubendes Maß an Geheimnistuerei im Prozess der Verhandlungen mit der Pharmaindustrie", sagte einer von ihnen, Yannis Natsis, der "Berliner Zeitung". "Wir brauchen und fordern eine Kontrolle der Verhandlungen durch die Öffentlichkeit."

De facto zahle die öffentliche Hand bereits für Forschung und Entwicklung, Herstellung und Verteilung eines "Impfstoffs, den wir noch nicht einmal kennen". Es sei inakzeptabel, dass Steuerzahler auch noch für mögliche Schäden zahlen müssten.

apr/dpa
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