Umstrittene Thesen von britischem Manager Hätte AstraZeneca die vierte Welle verhindert?

Der Chef von AstraZeneca macht mit steilen Thesen auf sich aufmerksam: In Großbritannien gebe es anders als in der EU kaum Tote, weil London auf den besseren Impfstoff gesetzt habe. Forscher bezweifeln das.
AstraZeneca-Chef Pascal Soriot (l.), hier bei einem Termin mit Prinz Charles

AstraZeneca-Chef Pascal Soriot (l.), hier bei einem Termin mit Prinz Charles

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Chris Jackson / Getty Images

Der Impfstoff von AstraZeneca ist in der EU bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Impfkampagne in Verruf geraten, wegen Zweifeln an seiner Wirksamkeit in bestimmten Altersgruppen, Vertragsstreitereien zwischen der Kommission und dem britischen Hersteller und wegen des Risikos seltener Sinusvenenthrombosen. Eine Folge des Hickhacks: Auf dem Kontinent wurde der Impfstoff nur in geringem Ausmaß eingesetzt, im Vereinigten Königreich hingegen massiv.

Nun hat der Konzernchef von AstraZeneca mit einer (zu) einfachen Rechnung Aufmerksamkeit erregt. Nach Ansicht von Pascal Soriot könnte die unterschiedliche Nutzung des umstrittenen Impfstoffs die Erklärung dafür sein, warum in Großbritannien kaum noch Menschen an dem Virus sterben – in der EU aber sehr wohl .

Soriot sagte der BBC, es sei »wirklich interessant, wenn man sich das Vereinigte Königreich ansieht. Dort gab es eine große Spitze an Infektionen, aber nicht so viele Krankenhausaufenthalte wie in Europa. Im Vereinigten Königreich wurde der Impfstoff von Oxford/AstraZeneca zur Impfung älterer Menschen eingesetzt, während man in Europa zunächst dachte, der Impfstoff wirke bei älteren Menschen nicht.«

Impfquote höher – und viel mehr genesene Briten

Es gebe zwar »keinen Beweis« für seine Thesen. Man brauche auch »mehr Daten, um dies zu analysieren«. Tatsächlich gibt es – theoretisch – Gründe, warum der Impfstoff von AstraZeneca etwas andere Immunreaktionen hervorrufen könnte als etwa der mRNA-Impfstoff von Biontech, schreibt der »Guardian«. Beide Vakzinen statten die Zellen mit den genetischen Anweisungen zur Herstellung des Coronavirus-Spike-Proteins aus, aber der Impfstoff von AstraZeneca tut dies mithilfe eines modifizierten Virus, auf den das Immunsystem ebenfalls reagieren könnte.

Tatsächlich sind auch andere Gründe für die derzeit geringere Zahl von Hospitalisierungen und Todesfällen in Großbritannien denkbar: So liegt die Impfquote im Vereinigten Königreich zwar mit 68,7 Prozent der Bevölkerung ähnlich niedrig wie in Deutschland. Allerdings hatten sich dort in den ersten Krankheitswellen auch deutlich mehr Menschen insgesamt mit dem Virus angesteckt als in Deutschland – und haben so einen gewissen Schutz gegen schwere Krankheitsverläufe erworben. Bislang wurden in Großbritannien fast 14.400 Coronafälle pro 100.000 Einwohner registriert, in Deutschland sind es 6.400 pro 100.000 Einwohner.

Noch wichtiger: In Großbritannien ist die Impfquote bei den besonders gefährdeten älteren Bürger deutlich höher. Während in Deutschland nur 85 Prozent der Altersgruppe über 60 geimpft sind, liegt dieser Wert bei Britinnen und Briten weit über 90 Prozent .

Britische Wissenschaftler sind ebenfalls skeptisch, was die Erklärung des AstraZeneca-Chefs angeht. Es sei wohl »etwas komplizierter«, sagte etwa die Immunologin Deborah Dunn-Walters. Danny Altmann, Professor für Immunologie am Imperial College London, ging sogar noch etwas weiter. Er hält es für »waghalsig«, die Unterschiede auf einen einzigen Faktor zurückführen zu wollen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war nur von der geringeren Zahl von Hospitalisierungen und Todesfällen in Großbritannien die Rede. Wir haben ein »derzeit« ergänzt, um die Stelle zu präzisieren.

beb
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