Wegen Coronakrise Creditreform befürchtet zwanzig Prozent mehr Insolvenzen

Die Coronakrise könnte ein Fünftel mehr Firmenpleiten in Deutschland verursachen, schätzt die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Im ersten Halbjahr 2020 gab es allerdings erst einmal acht Prozent weniger Insolvenzen.
Räumungsverkäufe wegen Geschäftsaufgabe drohen vielen Unternehmen

Räumungsverkäufe wegen Geschäftsaufgabe drohen vielen Unternehmen

Foto: Rolf Vennenbernd/ DPA

Deutschland droht nach Einschätzung des Inkassodienstleisters und Wirtschaftsauskunftei Creditreform "eine Insolvenzwelle von bisher nicht gekanntem Ausmaß", falls sich die Wirtschaft nicht rasch von dem Konjunktureinbruch durch die Coronakrise erholt. Nach Meinung vieler Fachleute könne es einen Anstieg der Firmenpleiten um bis zu 20 Prozent geben, sagte der Hauptgeschäftsführer von Creditreform, Volker Ulbricht.

Im ersten Halbjahr 2020 verringerte sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in der Bundesrepublik trotz der Coronavirus-Pandemie allerdings überraschend noch einmal kräftig um 8,2 Prozent auf 8900 Fälle. Das Insolvenzgeschehen habe sich damit von der tatsächlichen wirtschaftlichen Situation der Unternehmen abgekoppelt, sagte Ulbricht.

Die Gründe dafür seien vor allem die milliardenschweren staatlichen Unterstützungsmaßnahmen für von den Corona-Folgen geschädigte Unternehmen und noch mehr die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis vorerst Ende September. Die Insolvenzantragspflicht kann für ein weiteres halbes Jahr bis Ende März 2021 verlängert werden.

Die Maßnahmen seien offenbar in ihrer Wirkung über das Ziel hinausgeschossen und hätten auch einigen Unternehmen den Gang zum Insolvenzgericht erspart, die schon vor der Krise pleitegefährdet gewesen seien, vermutete Ulbricht.

Insolvenzwelle nur vertagt

Die Insolvenzwelle sei mit den Maßnahmen aber nur vertagt worden, sagte Ulbricht. Das Risiko einer deutlichen Verschärfung des Insolvenzgeschehens in der zweiten Jahreshälfte und im kommenden Jahr steige.

Die Schäden durch die knapp 9000 Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr bezifferte Creditreform auf rund zwölf Milliarden Euro. Bei den betroffenen Unternehmen und deren Umfeld seien rund 125.000 Arbeitsplätze bedroht oder bereits weggefallen.

Bestätigt habe sich der Trend der vergangenen Jahre, wonach viele Insolvenzkandidaten ältere, schon etablierte Unternehmen sind. Immerhin knapp die Hälfte der Insolvenzen im ersten Halbjahr entfiel auf Firmen, die älter als zehn Jahre waren.

Kaum Corona-Effekt bei Privatinsolvenzen

Kaum einen Effekt der Coronakrise sieht Creditreform bislang bei den Verbraucherinsolvenzen. Die Zahl der Privatpleiten verringerte sich in den ersten sechs Monaten weiter um 6,4 Prozent auf 30.800. Bis Mitte März seien die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Verbraucher noch gut gewesen - geprägt von einem stabilen Arbeitsmarkt und niedrigen Zinsen, sagte Ulbricht.

Inzwischen hätten steigende Arbeitslosenzahlen und eine massive Ausweitung der Kurzarbeit die finanziellen Spielräume vieler Verbraucher zwar eingeengt. Dennoch sei auch im zweiten Halbjahr keine dramatische Änderung der Situation bei den Verbraucherinsolvenzen zu erwarten. Denn es sei ein langer Leidensweg, bis ein überschuldeter Verbraucher tatsächlich ins Insolvenzverfahren komme.

Letztlich sei die künftige Entwicklung bei den Verbraucherinsolvenzen davon abhängig, ob es gelinge, die Krise am Arbeitsmarkt mit Kurzarbeit zu bewältigen, oder ob es am Ende doch noch zu einem massiven Stellenabbau in Deutschland komme. Ulbricht sagte: "Wenn wir wieder eine ausgeprägte Arbeitslosigkeit bekommen, wird auch die Zahl der Verbraucherinsolvenzen früher oder später wieder steigen."

caw/dpa
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